Volkswirtschaft

Mehr als BIP: Was Wohlstand ausmacht

13. Mai 2026

WU‑Ökonomen zeigen, warum ergänzende Indikatoren neben dem BIP nötig sind.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist eine zentrale Kennzahl für wirtschaftliche Leistung und prägt Debatten über Wachstum, Kaufkraft und Lebensstandard in Österreich. Oft wird es auch genutzt, um die Lebensqualität von Menschen in verschiedenen Ländern zu vergleichen. Die WU-Ökonomen Klaus Prettner und Junlai Zhang zeigen, welche ergänzenden Kennzahlen es braucht, um auch Gesundheit und Bildung zu berücksichtigen und Wohlstand umfassender zu messen.

Das BIP als bewährte Kennzahl mit Grenzen

Foto Klaus Prettner

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst die Produktivität einer Volkswirtschaft und ist eine der wichtigsten wirtschaftlichen Kennzahlen. Aufgrund seiner guten Datenverfügbarkeit wird es in politischen Debatten häufig genutzt, um Wohlstand zwischen Ländern zu vergleichen oder wirtschaftliche Fortschritte zu bewerten. Die Forschung weist allerdings seit Längerem darauf hin, dass das BIP allein Wohlstand nur unzureichend abbildet. So steigt das BIP pro Kopf etwa nach Kriegen oder Naturkatastrophen häufig an, obwohl sich das Wohlbefinden der Bevölkerung verschlechtert, weil Wiederaufbauinvestitionen kurzfristig das Wachstum ankurbeln. Auch Ungleichheit, Bildungschancen oder Gesundheit bleiben unberücksichtigt. „Es braucht ergänzende Perspektiven zum BIP, um Wohlstand besser zu bewerten“, so Prof. Klaus Prettner, Ökonom an der WU Wien.

Österreich-USA-Vergleich zeigt Mehrwert der Ergänzungen

Foto von Junlai Zhang

© Junlai Zhang

Ein Vergleich Österreichs mit den USA verdeutlicht, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn ergänzende Wohlstandsindikatoren liefern. Während die USA gemessen am BIP pro Kopf deutlich vor Österreich liegen, relativiert sich dieses Bild, wenn Gesundheit und Verteilung berücksichtigt werden – Faktoren, die auch in der österreichischen Sozial‑ und Wirtschaftspolitik eine zentrale Rolle spielen. Der Indikator Inequality‑Adjusted Healthy Lifetime Income (IHLI) misst Einkommen über die gesunde Lebenszeit unter Berücksichtigung von Ungleichheit. 2022 lag das IHLI in Österreich bei rund 3,2 Mio. internationalen Dollar pro Person, in den USA bei rund 2,8 Mio. „Gerade in reichen Ländern machen ergänzende Indikatoren strukturelle Unterschiede sichtbar, die das BIP allein nicht zeigt“, sagt Dr. Junlai Zhang, Ökonom an der WU Wien und an der Universität Heidelberg.

Neue Datenbank mit ergänzenden Indikatoren

Zwar wurden bereits alternative Wohlstandsindikatoren entwickelt, häufig liegen sie jedoch nur für einzelne Länder oder kurze Zeiträume vor oder die Maßzahl selbst entzieht sich einer ökonomischen Interpretation, wie die des Human Development Index (HDI). Prettner und Zhang haben daher gemeinsam mit Kolleg*innen von den Universitäten Harvard und Heidelberg, dem Peking Union Medical College sowie dem International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) das Global Wellbeing Economics Lab gegründet. Die frei zugängliche Plattform bündelt international vergleichbare und ökonomisch interpretierbare Indikatoren zu Einkommen, Gesundheit, Bildung, Umwelt und Ungleichheit und ermöglicht damit auch eine Einordnung Österreichs im internationalen Vergleich. „Unser Ziel ist es, Indikatoren ergänzend zum BIP bereitzustellen und verständlich aufzubereiten, um evidenzbasierte politische Entscheidungen zu unterstützen“, so Dr. Zhang.

Quelle

Prettner, Klaus, Zhang, Junlai, Bloom, David E., Chen, Simiao, Lutz, Wolfgang (2026): GDP alone cannot measure human progress and well-being. In: Nature Health (2026). Verfügbar unter: doi.org/10.1038/s44360-026-00137-7 

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