Volkswirtschaft

Energiewende: Emissionshandel effizienter als Förderung erneuerbarer Energien

08. Februar 2021

Energiemarktforscher der Wirtschaftsuniversität Wien, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Fachhochschule Graubünden haben berechnet, welche Strategie den CO2-Ausstoß am effizientesten reduziert. Laut ihrer Studie reduziert die Verteuerung von CO2-Zertifikaten die Emissionen wesentlich stärker als die Förderung erneuerbarer Energien aus Wind und Sonne. Die Ergebnisse der Studie sind im „Journal of Environmental Economics and Management“ – einem der führenden Fachjournale für Umweltökonomie – veröffentlicht worden.

Bis zum Jahr 2030 will die EU 55 Prozent weniger klimaschädliche Treibhausgase ausstoßen und bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral sein. Um diese Ziele zu erreichen, setzen viele Staaten vorrangig auf die Förderung erneuerbarer Energiequellen wie Wind und Sonne. Im Europäischen Emissionshandelssystem (EU ETS) lag der Preis für Emissionszertifikate jedoch lange Zeit deutlich unter 10 Euro pro Tonne CO2. Weniger als 10 Euro pro Tonne Kohlendioxid ist jedoch zu wenig, um Emissionen signifikant zu verringern.

Großbritannien geht anderen Weg als die EU

Die Ökonomen Prof. Dr. Klaus Gugler von der Wirtschaftsuniversität Wien, Prof. Mario Liebensteiner von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Dr. Adhurim Haxhimusa von der Fachhochschule Graubünden haben an den Beispielen Deutschlands und Großbritanniens untersucht, welche staatlichen Steuerungsinstrumente die Treibhausgasemissionen bei der Stromproduktion am effizientesten senken können. Die Länder verfolgen dabei unterschiedliche Strategien. Während Deutschland vor allem erneuerbare Energien subventioniert, haben die Briten eine Kohlendioxid-Steuer für den Strommarkt eingeführt. Damit wurde der effektive CO2-Preis auf über 35 Euro pro Tonne angehoben.

Welche Maßnahme wirkt besser?

Für ihren Ländervergleich werteten die Forscher die Daten der vergangenen Jahre aus. Dazu gehören tägliche CO2-Emissionen aus dem Stromsektor, CO2-Preise, eingespeiste Elektrizität aus erneuerbaren Energien und andere Variablen wie Stromnachfrage, Kohle- und Gaspreise sowie saisonale Effekte. Das Ergebnis: Während Deutschland seine Emissionen aus dem Stromsektor nur relativ moderat senken konnte, schaffte Großbritannien eine Emissionsminderung von 55 Prozent seit der Einführung der Stromsteuer im Jahr 2013.

Gas verdrängt Kohle

Die Forscher führen diesen Unterschied auf zwei zentrale Aspekte zurück: Zum einen kann die Förderung erneuerbarer Energien ihre Wirkung nicht wie gewünscht entfalten. Bei einer geringen CO2-Bepreisung verdrängen Wind- und Sonnenstrom nämlich zuerst die vergleichsweise „sauberen“ Gaskraftwerke, während die „schmutzige“ Kohle – vor allem Braunkohle – weitgehend im Markt bestehen kann. Erst bei einer sehr hohen Einspeisung erneuerbarer Energien wird auch Kohlestrom aus dem Markt gedrängt.

Zum anderen, das zeigt Großbritannien, führt eine höhere Besteuerung von Kohlenstoffdioxid-Emissionen dazu, dass Kohle als Energieträger zunehmend durch Erdgas ersetzt wird. Bei der Stromproduktion emittiert Erdgas aber nur etwa halb so viel CO2 wie Kohle. Schon durch einen moderat hohen CO2-Preis wird Kohle unrentabel und die Emissionen nehmen sprunghaft ab.

Rechenbeispiel: Was kann man mit einer Milliarde Euro erreichen?

Das Modell der Forscher ist geeignet, die Kosten klimapolitischer Ansätze zu kalkulieren. Die Ökonomen haben berechnet, wie viel Emissionsminderung der Staat beispielsweise mit einer Milliarde Euro „kaufen“ kann. In Deutschland könnte man demnach für diese Summe zum niedrigen Zertifikatpreis von acht Euro pro Tonne rund 20 Millionen Tonnen CO2 reduzieren. Investiert man das Geld in Wind- beziehungsweise Solarenergie, kann man den CO2-Ausstoß um gerade einmal fünf Millionen Tonnen CO2 beziehungsweise eine Million Tonnen CO2 senken. In Großbritannien ist der Effekt ungleich größer: Zu einem moderat hohen CO2-Preis von 36 Euro pro Tonne könnte man mit einer Milliarde Euro 33 Millionen Tonnen CO2 reduzieren, mittels derzeitiger Einspeisetarife für Windenergie etwa 18,5 Millionen Tonnen.

Marktbasierte Anreize fördern Brückentechnologien

Der entscheidende Vorteil der britischen Strategie besteht nach Einschätzung der Forscher darin, dass die CO2-Bepreisung marktbasierte Anreize setzt und nicht vorgibt, welche Technologie zum Zug kommt. Damit kann beispielsweise relativ sauberes Gas die wesentlich problematischere Kohle weitgehend vom Markt verdrängen. Eine starke Subventionierung erneuerbarer Energien führt momentan hingegen dazu, dass vorwiegend zuerst Gas verdrängt wird, während Kohlekraftwerke weiterhin betrieben werden. Die Ergebnisse zeigen, dass selbst ein moderat hoher CO2-Preis helfen kann, kurzfristig und kostengünstig große Mengen an CO2 zu reduzieren, sofern Gaskraftwerke als Brückentechnologie vorhanden sind.

Zur Studie

Klaus Gugler, Adhurim Haxhimusa, Mario Liebensteiner: “Effectiveness of Climate Policies: Carbon Pricing vs. Subsidizing Renewables.” Abrufbar unter: https://doi.org/10.1016/j.jeem.2020.102405

Pressekontakt:

Alexander Vieß

Forschungskommunikation

Wirtschaftsuniversität Wien

Tel: + 43-1-31336-5478

E-Mail: alexander.viess@wu.ac.at

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