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Verhinderung von Forschung und Innovation zerstört langfristig den Wohlstand

14. Juli 2026

Neue WU-Studie zeigt: Nicht jede Form politischer Einflussnahme schadet der wirtschaftlichen Entwicklung gleichermaßen. Besonders gravierend sind Eingriffe, welche Innovationen behindern. Die Konsequenzen wirken bis weit in die Zukunft.

Warum entwickeln sich manche Volkswirtschaften trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen deutlich erfolgreicher als andere? Eine neue Studie von Klaus Prettner (WU Wirtschaftsuniversität Wien) und Martin Stojanovikj (University of Deusto) liefert eine Antwort aus historischer Perspektive. Die Rolle von extraktiven Institutionen, das sin

d politische und wirtschaftliche Strukturen, welche es einer herrschenden politischen Führung ermöglichen, wirtschaftliche Ressourcen zu ihrem eigenen Vorteil abzuschöpfen, gilt bereits lange als ein wichtiger Erklärungsfaktor. Darüber hinaus zeigen die beiden Forschenden nun, dass es ausschlaggebend ist, welche Art von Ressourcen von der Elite abgeschöpft werden.

Während die Abschöpfung von Einkommen und Produktion vor allem den Beginn der Industrialisierung und damit der wirtschaftlichen Entwicklung verzögert, wirkt sich die Behinderung von Innovationen wesentlich nachhaltiger aus: Sie bremst das Wirtschaftswachstum dauerhaft.

Die Ergebnisse erweitern bestehende wirtschaftswissenschaftliche Theorien zur langfristigen Entwicklung von Volkswirtschaften um eine wichtige institutionelle Perspektive.

„Unsere Studie zeigt, dass nicht jede Form politischer Ressourcenabschöpfung dieselben wirtschaftlichen Folgen hat“, erklärt Klaus Prettner vom Department Volkswirtschaft.

„Besonders problematisch wird es, wenn politische Eliten gezielt Innovationen behindern. Dadurch wird nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung kurzfristig verlangsamt; auch das langfristige Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft leidet.“

Zwei Wege, wirtschaftliche Entwicklung zu bremsen

Im Mittelpunkt der Studie steht die Unterscheidung zwischen zwei Formen extraktiver Institutionen. 

  • Zum einen können politische Entscheidungsträger*innen einen Teil der Wirtschaftsleistung oder der Einkommen abschöpfen. Dadurch stehen weniger Ressourcen für Investitionen und unternehmerische Aktivitäten zur Verfügung. Die Folge: Der Übergang von einer stagnierenden Wirtschaft zur Industrialisierung verzögert sich und das Wachstum in der frühen Phase der Industrialisierung fällt schwächer aus.

  • Noch gravierender sind jedoch Eingriffe in den Innovationsprozess selbst. Werden Ressourcen abgeschöpft, welche eigentlich für Forschung, Entwicklung und technologische Verbesserungen vorgesehen sind, wird die von Joseph Schumpeter beschriebene „schöpferische Zerstörung“ gebremst, also jener Prozess, bei dem neue Ideen, Produkte und Unternehmen bestehende Technologien ersetzen und dadurch langfristigen Fortschritt ermöglichen. 

„Innovationen sind der Motor langfristigen Wirtschaftswachstums“, so Prettner. „Wer Innovationen behindert, nimmt einer Volkswirtschaft genau jene Dynamik, die langfristig Wohlstand schafft.“

Kurzfristige Belastung oder dauerhafte Wachstumsbremse

Die Studie zeigt erstmals systematisch, dass beide Formen extraktiver Institutionen unterschiedliche wirtschaftliche Folgen haben. 

  • Die Abschöpfung von Einkommen und Produktion wirkt sich vor allem während der Industrialisierung aus. Ist dieser Übergang jedoch einmal geschafft, bestimmt diese Form der Ressourcenabschöpfung die langfristige Wachstumsrate nicht mehr wesentlich.

  • Anders verhält es sich bei Eingriffen in Innovationsaktivitäten. Werden Forschung und Entwicklung systematisch behindert oder Ressourcen für Innovation entzogen, sinkt nicht nur das Wachstum während der Industrialisierung. Auch auf dem langfristigen Wachstumspfad entwickelt sich die Wirtschaft dauerhaft langsamer. Damit entstehen Wohlstandsverluste, die sich über Generationen hinweg weiter aufschaukeln können.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass institutionelle Qualität weit über kurzfristige wirtschaftspolitische Effekte hinausreicht“, fasst Prettner zusammen. „Ob Innovationen entstehen können oder politisch ausgebremst werden, entscheidet wesentlich darüber, wie erfolgreich sich Volkswirtschaften langfristig entwickeln.“

Politische Eliten bevorzugen oft den weniger sichtbaren Eingriff

Die Forschenden argumentieren außerdem, dass politisch Machthabende Eingriffe in Innovationsprozesse häufig bevorzugen. Während die direkte Abschöpfung von Einkommen weite Teile der Bevölkerung unmittelbar betrifft und dadurch breiten politischen Widerstand hervorrufen kann, bleiben Eingriffe in Forschung und Entwicklung für viele Menschen zunächst weniger sichtbar. Gleichzeitig helfen sie, wirtschaftliche Umbrüche durch Innovationen zu verlangsamen, die bestehende Machtstrukturen oftmals infrage stellen.

Historische Beispiele reichen von der Unterdrückung wissenschaftlicher Forschung in der Sowjetunion bis zur verzögerten Einführung des Buchdrucks im Osmanischen Reich.

Solche Maßnahmen lösten oftmals weniger unmittelbaren Widerstand aus als direkte wirtschaftliche Belastungen, verursachten jedoch erhebliche langfristige Schäden für Innovationskraft und Produktivität.

Konsequenzen für Wirtschafts- und Innovationspolitik

Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung leistungsfähiger Institutionen für nachhaltigen Wohlstand. Politische Rahmenbedingungen, die Forschung und Innovation ermöglichen, sind die wichtigste Determinante für das langfristige Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft und deren Wohlstandsentwicklung.

„Wirtschaftlicher Fortschritt hängt nicht allein von Kapital und Arbeit ab“, betont Prettner. „Mindestens ebenso entscheidend sind Institutionen, die Innovation zulassen, statt sie aus politischen Interessen einzuschränken.“

Zum Methodendesign

Für die Studie entwickelt wurde ein theoretisches makroökonomisches Modell, das wirtschaftliche Entwicklung, Industrialisierung und langfristiges Wachstum gemeinsam mit politischen Institutionen analysiert. Aufbauend auf einem etablierten Schumpeterianischen Wachstumsmodell unterscheiden die Forschenden zwischen zwei Innovationsformen: 

  • der Entwicklung neuer Produkte und damit dem Markteintritt von Firmen (horizontale Innovation) sowie 

  • der Qualitätsverbesserung bestehender Produkte (vertikale Innovation).

Erstmals wird dabei modelliert, dass eine politisch herrschende Elite unterschiedliche Möglichkeiten der Ressourcenabschöpfung besitzt: Sie kann Ressourcen in Form von Einkommen oder Produktion abschöpfen oder gezielt Ressourcen entziehen, welche für Forschung und Entwicklung vorgesehen sind.

Anschließend wird das Modell anhand langfristiger Daten der US-Wirtschaft für den Zeitraum von 1650 bis 2022 kalibriert. Simulationen zeigen, wie sich unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen auf den Beginn der Industrialisierung, den Verlauf des Wirtschaftswachstums und den langfristigen Wohlstand auswirken.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

Erklärung zur Grafik (s. Anhang): Die roten Punkte repräsentieren die Daten des Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukts in den USA, während die blaue Linie die Modellvorhersage darstellt. Das Modell prognostiziert den Take-off-Zeitpunkt (das Einsetzen anhaltenden Wirtschaftswachstums zu Beginn des 19. Jahrhunderts) sowie die Wirtschaftswachstumsrate nach dem Take-off (im 19. und 20. Jahrhundert) relativ zuverlässig. Wenn man stattdessen die institutionellen Rahmenbedingungen von Russland in das Modell einsetzt und alles andere unverändert hält, ergibt sich ein späterer Take-off und eine geringere langfristige Wachstumsrate, wie es auch empirisch beobachtet werden kann.

Publikation

Autoren

  • Klaus Prettner, WU Wirtschaftsuniversität Wien

  • Martin Stojanovikj, University of Deusto

Grafik zu Paper Prettner, K., & Stojanovikj, M. (2026). Extractive Institutions and the Takeoff to Long-Run Growth: A Schumpeterian Perspective. European Economic Review, 187, 105347.

Die roten Punkte repräsentieren die Daten des Pro-Kopf-BIP in den USA, während die blaue Linie die Modellvorhersage darstellt. Das Modell prognostiziert den Take-off-Zeitpunkt (Einsetzen anhaltenden Wirtschaftswachstums zu Beginn des 19. Jhdt.) sowie die Wirtschaftswachstumsrate nach dem Take-off (im 19. + 20. Jhdt.) relativ zuverlässig. Wenn man stattdessen die institutionellen Rahmenbedingungen von Russland in das Modell einsetzt & alles andere unverändert hält, ergibt sich ein späterer Take-off &eine geringere langfristige Wachstumsrate, so wie wir es auch in der Realität beobachten können.

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