Der Pride Month ist vorbei. Die Unterstützung bleibt
Soziales Netzwerk beeinflusst die Entscheidung zum Coming-out
Studie der WU Wien zeigt: Öffentliche Coming-outs im persönlichen sozialen Umfeld erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich andere ebenfalls öffentlich zu ihrer LGBTQ-Identität bekennen.
Wie entsteht gesellschaftlicher Wandel? Eine Studie der WU Wirtschaftsuniversität Wien liefert darauf eine evidenzbasierte Antwort: Menschen entscheiden sich häufiger für ein öffentliches Coming-out, wenn zuvor jemand aus ihrem persönlichen sozialen Umfeld diesen Schritt gemacht hat.
Die Studie wurde von Jan Gromadzki vom Department of Economics der WU Wien gemeinsam mit Przemysław Siemaszko von der SGH Warsaw School of Economics durchgeführt. Im Unterschied zu früheren Untersuchungen konnten die Forschenden den Zeitpunkt von Tausenden öffentlichen Coming-outs erstmals präzise nachvollziehen.
Sichtbarkeit im persönlichen sozialen Netzwerk ist entscheidend
Im Mittelpunkt der Studie steht die Twitter-Kampagne #IamLGBT, welche 2019 nach einem gewaltsamen Angriff auf einen Pride-Marsch in Polen entstand. Tausende Nutzer*innen bekannten sich damals öffentlich zu ihrer LGBTQ-Identität, indem sie Beiträge mit dem Kampagnen-Hashtag veröffentlichten.
Die Forschenden rekonstruierten die sozialen Netzwerke der beteiligten Social-Media-Nutzer*innen und analysierten die exakten Zeitpunkte der einzelnen Coming-outs. Dadurch konnten sie untersuchen, ob Menschen sich mit höherer Wahrscheinlichkeit öffentlich zu ihrer Identität bekannten, nachdem Personen aus ihrem eigenen sozialen Netzwerk diesen Schritt gewagt hatten.
Die Ergebnisse zeigen einen klaren Zusammenhang: Je mehr Kontakte im persönlichen sozialen Netzwerk einer Person zuvor ein Coming-out veröffentlicht hatten, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person sich ebenfalls öffentlich zu ihrer Identität bekannte. Eine Erhöhung der Sichtbarkeit von Coming-outs im eigenen Netzwerk um eine Standardabweichung ließ die stündliche Wahrscheinlichkeit eines Coming-outs um rund 17 bis 20 Prozent ansteigen.
Enge soziale Beziehungen sind wichtiger als Bekanntheit
Die stärksten Effekte zeigten sich bei Coming-outs von Personen, mit denen eine wechselseitige soziale Beziehung bestand. Beiträge prominenter Accounts oder einseitige Follower-Beziehungen führten hingegen nicht zu vergleichbaren unmittelbaren Effekten.
Soziales Lernen statt bloßer Information
Nach Ansicht der Forschenden lässt sich der beobachtete Effekt nicht allein dadurch erklären, dass die Kampagne die Aufmerksamkeit für LGBTQ-Themen erhöht hat. Vielmehr sprechen die Ergebnisse dafür, dass soziales Lernen eine wichtige Rolle spielt. Wenn Menschen beobachten, dass Personen aus ihrem eigenen Netzwerk sich öffentlich zu ihrer Identität bekennen und darauf positive oder nur begrenzt negative Reaktionen erhalten, verändern sich ihre Erwartungen hinsichtlich der möglichen Folgen eines eigenen Coming-outs. Dadurch sinken die wahrgenommenen Hürden, die eigene Identität öffentlich zu machen.
Keine Hinweise auf eine stärkere Mobilisierung anti-LGBTQ-orientierter Nutzer*innen
Die Studie untersuchte außerdem, ob eine größere Sichtbarkeit von LGBTQ-Personen zu einer stärkeren Aktivität anti-LGBTQ-orientierter Nutzer*innen führte. Dafür fanden die Forschenden keine Hinweise. Stattdessen beobachteten sie einen leichten Anstieg bestärkender Beiträge von Unterstützer*innen.
Bedeutung für das Verständnis gesellschaftlichen Wandels
Die Autor*innen sehen ihre Ergebnisse als wichtigen Beitrag zum Verständnis der Entwicklung gesellschaftlicher Normen. Öffentliche Coming-outs seien nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern zugleich soziale Signale, welche beeinflussen, wie andere Menschen gesellschaftliche Normen wahrnehmen und die Risiken eines eigenen Coming-outs einschätzen.
Weiterführende Informationen
Studie
#IamLGBT: Social networks and coming out, European Economic Review 183 (2026); https://doi.org/10.1016/j.euroecorev.2025.105216
Autoren
Jan Gromadzki, Department of Economics, WU Wirtschaftsuniversität Wien (Korrespondenzautor)
Przemysław Siemaszko, SGH Warsaw School of Economics, Polen