Grüner Wasserstoff: Wie kann EU- Förderung wirksamer werden?
Neue WU-Studie zeigt: Die Förderung von grünem Wasserstoff könnte kosteneffizienter werden, wenn die Nachfrage im Umfeld stärker berücksichtigt wird.
Die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien gilt als eine der größten Herausforderungen der Energiewende. Grüner Wasserstoff spielt dabei eine Schlüsselrolle. Eine neue WU-Studie in „Nature Energy“ zeigt, dass die EU ihre Wasserstoffförderung deutlich kosteneffizienter gestalten könnte, wenn sie gezielt jene Standorte unterstützt, die zusätzliche Nachfrage in ihrem Umfeld anregen können. Die Studie identifiziert zudem jene Industrieregionen Europas, in denen das Potenzial zur Förderung der Umstellung auf Wasserstoff besonders groß ist.
Die EU verfolgt das Ziel, bis 2030 jährlich 10 Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff in Europa zu produzieren und weitere 10 Millionen Tonnen zu importieren. Bis 2050 soll grüner Wasserstoff zudem rund 10 % des Endenergieverbrauchs decken. Bislang konzentrieren sich die meisten politischen Maßnahmen der EU jedoch vor allem auf die Ausweitung des Angebots an grünem Wasserstoff, etwa über die Europäische Wasserstoffbank oder die sogenannten Hydrogen Valleys der EU.
Angebot allein reicht nicht aus
Vor dem Hintergrund unsicherer Nachfrage blieb die Europäische Wasserstoffbank im Jahr 2025 jedenfalls hinter den Erwartungen zurück: Von ihrem Gesamtbudget von 1,2 Milliarden Euro wurden lediglich 270 Millionen Euro vergeben. Die Förderkriterien bevorzugen derzeit vor allem jene Projekte, die die geringsten Zuschüsse pro produziertem Kilogramm Wasserstoff benötigen. Die Nachfrageseite wird dabei jedoch nicht explizit berücksichtigt.
Christian Rumpelnik, Erstautor der Studie und Forscher am Institute for Data, Energy, and Sustainability (IDEaS) der WU Wien, erklärt: „Eine funktionierende Wasserstoffwirtschaft setzt jedoch voraus, dass sich Angebot, Infrastruktur und Nachfrage gemeinsam entwickeln. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Politik nicht nur darauf achten sollte, welche Projekte mit dem geringsten Förderbedarf auskommen, sondern auch darauf, wo Fördermittel zusätzliche Nachfrage schaffen können.“
Nachfrage schafft weitere Nachfrage
Eine stärkere Berücksichtigung der potenziellen Anwender von grünem Wasserstoff, ihrer Standorte und ihrer Vernetzung untereinander könnte zu einer schnelleren Einführung und Verbreitung von grünem Wasserstoff beitragen, und zwar durch sogenannte Spillover-Effekte. Diese beschreiben, dass der Einsatz von grünem Wasserstoff an einem Standort die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass weitere Anlagen in der Umgebung ebenfalls auf die Technologie umsteigen, selbst wenn sie keine direkten
Förderungen dafür erhalten. Ursache dafür können gemeinsam genutzte Infrastruktur, spezialisierte Lieferketten oder der Austausch von Know-how sein. Für ihre Analyse nutzten die Forschenden eine Datenbank mit mehr als 14.100 potenziellen Wasserstoffanwendern in Europa. Sie modellierten die Entwicklung der Nachfrage von 2024 bis 2100 unter verschiedenen Szenarien und Politikmaßnahmen.
Fünf Industrieregionen mit besonderem Potenzial
Mehr als die Hälfte der Standorte mit dem höchsten Spillover-Potenzial konzentriert sich auf nur fünf Regionen entlang der Nordseeküste und der Rhein-Ruhr-Region: Düsseldorf, Köln und Rheinhessen-Pfalz in Deutschland sowie Antwerpen und Ostflandern in Belgien. Diese Regionen sind durch energieintensive Industrien wie Chemie, Eisen- und Stahlindustrie sowie bedeutende Schifffahrtsaktivitäten geprägt. Gerade in diesen Bereichen fehlen oft kostengünstige Alternativen zur Dekarbonisierung.
„Angebot und Nachfrage müssen gemeinsam entwickelt und gefördert werden. Unsere Studie zeigt, in welchen Industrieregionen Europas wir durch gezielte Unterstützung eine deutlich breitere Nutzung von grünem Wasserstoff erreichen und die Dekarbonisierung beschleunigen könnten. Damit liefern wir der Politik eine fundierte Grundlage für gezielte standort- und sektorspezifische Maßnahmen“, betont Behnam Zakeri, WU-Forscher und stellvertretender Leiter von IDEaS.
Handlungsempfehlungen für die Politik
Die Analyse zeigt, dass bereits eine moderate Anpassung der Bewertungskriterien der Europäischen Wasserstoffbank die Fördermaßnahmen um 13 bis 15 Prozent kosteneffizienter machen könnte. In einem idealisierten Szenario, das Unterschiede zwischen Branchen, Anlagengrößen und Kostenstrukturen ausblendet, steigt dieser Effekt sogar auf bis zu 41 Prozent.
Die Forschenden empfehlen daher, standortbezogene Faktoren wie das Spillover-Potenzial künftig stärker zu berücksichtigen und Fördermittel gezielt auf Regionen und Branchen mit besonders hohem Multiplikatoreffekt zu konzentrieren. Dies könnte etwa bei Auktionen der Europäischen Wasserstoffbank, Infrastrukturinvestitionen im Rahmen von RePowerEU oder Förderprogrammen für Hydrogen Valleys erfolgen.
Professorin Kavita Surana, Leiterin von IDEaS an der WU Wien und Mitautorin der Studie, sagt: „Angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen und der vielfältigen Herausforderungen der Energiewende liefert unsere Analyse eine wichtige evidenzbasierte Grundlage für wirksamere politische Maßnahmen.“
Weiterführende Informationen
Rumpelnik, C., Zakeri, B., & Surana, K. (2026). Spatially informed demand-side policies for green hydrogen diffusion in Europe. In: Nature Energy. https://doi.org/10.1038/s41560-026-02126-2