WU-Forscherinnen: Häusliche Gewalt ist keine Privatsache – sie hängt mit Ungleichheiten am Arbeitsplatz zusammen
Häusliche Gewalt wird verstärkt durch Ungleichheiten im Haushalt, im Arbeitsleben und in der Gesellschaft, von denen Frauen überproportional betroffen sind.
Ungleichheit am Arbeitsplatz kann dazu führen, dass Frauen in missbräuchlichen Beziehungen stärker gefährdet sind, vor allem aufgrund finanzieller Abhängigkeit – der Ausstieg aus einer Gewaltbeziehung ist für Frauen dadurch oft kaum leistbar. Forscherinnen der WU appellieren an Österreichs Arbeitgeber, betroffene Mitarbeiterinnen konsequent durch konkrete Maßnahmen zu unterstützen.
Laut WHO hat weltweit etwa jede vierte Frau, die jemals verheiratet oder in einer Partnerschaft war, mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren aktuellen oder ehemaligen Ehemann oder einen männlichen Partner erfahren.
Für Frauen, die häusliche Gewalt erleben, kann das Arbeitsleben zur Herausforderung werden: Die Misshandlungen durch Partner oder Ex-Partner können zu Fehlzeiten oder Arbeitsunterbrechungen führen und die Konzentration und Arbeitsleistung beeinträchtigen. Das erhöht ihr Risiko, den Job zu verlieren, behindert den beruflichen Aufstieg und verursacht Mehrkosten für die Arbeitgeber.
Eine Erwerbstätigkeit kann aber für Frauen, die aus einer Gewaltbeziehung ausbrechen möchten, auch eine wichtige Funktion erfüllen, weit über die Sicherung eines eigenen Einkommens hinaus: Die Arbeit kann zu einem Weg in die Sicherheit, Unabhängigkeit und in ein Leben frei von Missbrauch werden.
Ungleichheit verstärkt häusliche Gewalt
Dr. Andrea Romo Pérez und Professorin Lena Knappert vom Institut für Gender und Diversität in Organisationen der WU Wien stützen sich auf internationale Forschungsergebnisse, um aufzuzeigen, wie Ungleichheit am Arbeitsplatz und häusliche Gewalt miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig verstärken.
Anhaltende Ungleichheiten bei Beschäftigung und Entlohnung – wie sie sich im europaweit überdurchschnittlichen österreichischen Gender-Pay-Gap widerspiegeln (17,6 % im Jahr 2024 gegenüber 11,1 % EU-weit) – sowie die Überrepräsentation von Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen (unsichere Arbeitsplätze, Teilzeitarbeit) verschärfen die wirtschaftlichen Risiken von Frauen und ihre Gefährdung durch häusliche Gewalt, so die Forscherinnen. „Zusätzlich zum überproportionalen Anteil an der unbezahlten Betreuungsarbeit, die Frauen im Haushalt leisten, bedeuten diese strukturellen Ungleichheiten oft, dass Frauen finanziell abhängiger und stärker von häuslicher Gewalt gefährdet sind und missbräuchliche Beziehungen nur schwer verlassen können“, erklärt Romo Pérez.
Für die betroffenen Frauen kann (anhaltende) häusliche Gewalt tödlich enden. Im Jahr 2025 gab es in Österreich insgesamt 15 Femizide und 39 Fälle schwerer Gewalt gegen Frauen, meist verübt von aktuellen oder ehemaligen Partnern. Im Jahr 2026 wurden bereits 15 Femizide und 45 Fälle schwerer Gewalt gemeldet.
Die Verantwortung der Arbeitgeber
International haben bereits zahlreiche Organisationen Unterstützungsprogramme für Mitarbeiterinnen gestartet, von häuslicher Gewalt betroffen sind. In Österreich beteiligen sich zwar viele Arbeitgeber an Sensibilisierungskampagnen, aber es gibt kaum konsequente Unterstützungsangebote im Arbeitsalltag, die fix in der Unternehmenspraxis verankert sind.
Doch wenn Organisationen zu häuslicher Gewalt schweigen, verschließen sie die Augen vor dem Zusammenhang zwischen erhöhten Risiken für Frauen und der Rolle der Arbeitgeber. „Dieses Schweigen ist nicht neutral“, betont Knappert. Schweigen bedeutet, dass Arbeitgeber ihre Verantwortung gerade in einem Bereich abgeben, wo sie erheblich zur Prävention beitragen können, und dass häusliche Gewalt weiterhin als Privatsache und nicht als Problem im Arbeitsleben betrachtet wird.
Die Autorinnen betonen, dass Organisationen wichtige Beiträge leisten können, indem sie häusliche Gewalt offen ansprechen, die Sicherheit ihrer Beschäftigten im häuslichen Umfeld im Auge behalten und konkrete, nachhaltige Unterstützung anbieten. So können Arbeitgeber verhindern, dass Machtverhältnisse fortgeschrieben werden und bestimmte Gruppen – in diesem Fall Frauen, besonders solche, die mehreren Formen der Marginalisierung ausgesetzt sind – weiterhin an den Rand gedrängt werden, was sich auch auf ihre Sichtbarkeit und ihre Möglichkeiten zur Veränderung auswirkt.
Arbeitgeber müssen handeln
In ihrem Beitrag für eine Sonderausgabe der Fachzeitschrift International and Intercultural Communication zu geschlechtsspezifischer Gewalt in verschiedenen Kulturen werfen Pérez und Knappert eine Reihe von Fragen auf, die die gängige internationale Unternehmenspraxis in den Blick nehmen und Denkanstöße für Organisationen liefern sollen: Sind Führungskräfte darauf geschult, häusliche Gewalt zu erkennen und richtig zu reagieren? Wissen sie, wie sie in solchen Fällen kommunizieren sollen, welche Aussagen womöglich kontraproduktiv sind und wo die Mitarbeiterinnen weitere Unterstützung bekommen können? Arbeiten Überlebende und Opfer/Überlebende bei der Gestaltung von Richtlinien mit? Sind die Richtlinien inklusiv formuliert, anstatt von einem fixen Opferprofil auszugehen? Wird mit Organisationen gegen häusliche Gewalt zusammengearbeitet, um Richtlinien zu entwerfen, Schulungen durchzuführen und echte Unterstützung anzubieten?
Die Studie im Detail und weitere Informationen
Andrea Romo Pérez und Lena Knappert, Women at the intersection of domestic violence and workplace inequality. Veröffentlicht in: Julia Khrebtan-Hörhager et al. (2026). Spectacles of control: Gendered violence across cultures. Journal of International and Intercultural Communication. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1080/17513057.2026.2653028
Statistiken zu Femiziden in Österreich: www.aoef.at/index.php/zahlen-und-daten/femizide-in-oesterreich
Statistiken zum Gender-Pay-Gap in Österreich: Gender-Pay-Gap lag in Österreich 2024 bei 17,6 %
Schätzungen der WHO zur Verbreitung von Gewalt gegen Frauen, 2023: Violence against women prevalence estimates, 2023
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