Taschengeldkunde als Wegbereiter in die Finanzmündigkeit?
WU Wien: Diskussion zur Finanzbildung legt den Finger in die Wunde
Im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Kompetenzzentrums für Finanzbildung an der WU Wirtschaftsuniversität Wien diskutierten am 16. Dezember 2025 Bildungsminister Christoph Wiederkehr, Staatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl und Bundesschulsprecherin Hannah Scheidl mit Expert*innen über die Rolle von Forschung und Politik zur Förderung wirtschaftlicher Eigenverantwortung.
Hilfe zur Selbsthilfe: Breiter Schulterschluss für mehr Mündigkeit
Prof. Dirk Loerwald von der Universität Oldenburg forderte spezialisierte Finanzbildung in der Schule, zum Beispiel das Fach ,Taschengeldkunde‘. Kinder hätten lange kein Verständnis dafür, dass ihr Essen zuhause am Frühstücks- oder Mittagstisch ein ökonomisches Vorspiel hätte, nämlich im Geldbörserl ihrer Eltern. Dem könnte entgegengetreten werden, indem Heranwachsende früh schon „die Welt hinter der Welt“ verstehen lernen. Für die Ausbildung einer eigenen Mündigkeit bräuchten sie die richtigen Werkzeuge, dazu zählen
instrumentelles Basiswissen, z.B. zu Zahlungsmitteln und Währungen,
Struktur- und Funktionenwissen, bspw. aktuelle Nachrichten verstehen sowie
die Fähigkeit zur normativen Einordnung und der Verknüpfung übergeordneter Sinnzusammenhänge wie auch Ethikverständnis.
Integralrechnungen ja, Mietvertrag: nein.
Bundesschulsprecherin Hannah Scheidl bringt es aus einem anderen Blickwinkel auf den Punkt: das Meistern von Integralrechnungen wird gelehrt, nicht aber, wie ein Mietvertrag zu lesen ist. Das Thema, wie Finanzen oder die Wirtschaft funktionieren, werde im Pflichtschulsystem komplett „unter den Tisch gekehrt“.
Ausbildung der Lehrenden
Während der Publikumsdiskussion wurde von den Diskutant*innen hinsichtlich eines Punktes schnell ein Konsens gefunden: Finanzbildung beginnt nicht bei den Schüler*innen, sondern bei der Ausbildung der Lehrpersonen sowie der Erstellung von zeitgemäßen und interaktiven Unterrichtsmaterialien.
Bundesschulsprecherin Scheidl betont jedoch, dass das Rad nicht neu erfunden werden muss; Es gibt bereits funktionierende Projekte und Initiativen, welche regional gelebt werden. Auch Finanzbildungscoaches werden von Schulen gern eingeladen. Das sind Studierende, welche kurz vor dem Abschluss ihres Wirtschaftspädagogikstudiums (an der WU Wien) stehen und eine Reihe von zusätzlichen Lehrveranstaltungen zur Förderung von Finanzbildung besucht haben. Sie bereiten auf Anfrage einer Schule ein Unterrichtskonzept zu bestimmten Finanzbildungsthemen vor und kommen dann vorbei, um den Unterricht zu halten.
Das WU Kompetenzzentrum für Finanzbildung
Mit dem neuen Kompetenzzentrum wurde im Sommer 2025 eine zentrale Plattform aus der Taufe gehoben, welche wissenschaftliche Erkenntnisse aus interdisziplinärer Zusammenarbeit bündelt und den Austausch zwischen Forschung, Politik und Praxis fördert. Ziel ist es, Finanzbildung lebensnah zu vermitteln und durch Forschung und Lehre nachhaltig zu stärken.
Die Gründung baut auf der langjährigen Arbeit von Univ.-Prof. Dr. Bettina Fuhrmann auf, welche sich seit über zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Team am Institut für Wirtschaftspädagogik intensiv mit der Förderung finanzieller Bildung befasst. Unter dem Projektnamen „Zentrum für Finanzbildung“ wurden seither zahlreiche Forschungs- und Lehrprojekte für Jugendliche und Erwachsene entwickelt und umgesetzt. Im Sommer 2025 wurden diese Aktivitäten in eine eigene Organisationseinheit überführt: das WU Kompetenzzentrum für Finanzbildung, geleitet von Univ.-Prof. Dr. Bettina Fuhrmann, mit Dr. Julia Rieß als Direktorin.
Die besondere Stärke des Kompetenzzentrums liegt in seinem breit angelegten Forschungsansatz:
13 Professor*innen aus acht Departments – von Finance, Accounting & Statistics über Sozioökonomie, Marketing und Management bis zu Recht, Strategy & Innovation und Volkswirtschaft – bringen ihre Expertise ein. Die interdisziplinäre Struktur verdeutlicht, dass finanzielle Entscheidungen stets in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet sind.
Mit der Gründung des Kompetenzzentrums setzt die WU Wien einen wichtigen Meilenstein und schafft damit einen Ort, an dem Finanzbildung systematisch erforscht und aktiv weiterentwickelt wird und welcher Österreichs Bildungslandschaft langfristig prägen soll.
Pressekontakt
Mag. Christina Maria Bachmaier
Wissenschaftskommunikation
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