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Studie: Digitale Überwachung im Netz gefährdet persönliche Freiheit

Smartphones, Online Tracking, Big Data sind allgegenwärtige Begriffe. Was wirklich dahinter steht und wie sie unseren Alltag versteckt beeinflussen, darüber klärt WU-Professorin Sarah Spiekermann, Leiterin des Instituts Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik, gemeinsam mit Netzaktivist Wolfie Christl in ihrer aktuellen Studie auf. Ihre jahrelange systemische Recherche legt offen, wie Netzwerke aus Internet- und Datenhandelsfirmen Informationen über die gesamte Bevölkerung sammeln, austauschen und einsetzen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass der massive Datenaustausch nicht nur die Personalisierung von Werbeschaltungen ermöglicht, sondern auch demokratische Grundwerte wie Freiheit, Autonomie und Menschenwürde massiv gefährdet. Nachzulesen ist dies auch in ihrem Buch „Networks of Control. A Report on Corporate Surveillance, Digital Tracking, Big Data & Privacy“, heute erschienen im Facultas Verlag.

Detaillierte Persönlichkeitsprofile erstellen heute nicht nur Internetriesen wie Google, Facebook und Co., sondern auch tausende andere weltweite Unternehmen, die oftmals unbekannt sind. Rund um den Globus werden riesige Mengen an Daten gesammelt. Im Jahr 2007 wurde das Smartphone eingeführt, Facebook hatte 30 Millionen Mitglieder und Internet-NutzerInnen bekamen erstmals Werbeanzeigen auf Basis ihrer individuellen Daten und Verhaltensweisen eingeblendet. Nicht einmal zehn Jahre danach wird heute unser gesamter Alltag auf Schritt und Tritt von Firmen digital überwacht, durchleuchtet und analysiert. WU-Professorin Sarah Spiekermann widmet sich bereits seit vielen Jahren dem Themenbereich Privacy und erweitert das Forschungsspektrum an der WU seit heute durch das „Privacy and Sustainable Computing Lab“, einer Forschungskooperation des WU-Instituts Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik sowie des WU-Institute for Information Business, mit internationalen ForscherInnen und AktivistInnen.

Grundwerte gefährdet

In ihrer aktuellen Studie präsentieren Spiekermann und ihr Co-Autor Christl, Netzaktivist, Programmierer, Leiter von „Cracked Labs“, die Ergebnisse ihrer jahrelangen Recherche und akribischen Auswertung und Zusammenfassung zahlreicher Publikationen, Forschungsberichte, Zeitungsartikel und unzähliger anderer Quellen. Miteinbezogen werden auch die Informationen von hunderten Firmen-Websites, Broschüren und Datenkatalogen. Das gezeichnete Bild zeigt ein enormes Ausmaß kommerzieller digitaler Überwachung. Gesammelte Daten werden von Unternehmen dazu eingesetzt, Menschen zu kategorisieren, einzuschätzen und zu bewerten – entlang ihrer Interessen, Abneigungen, Wünsche und Schwächen bis hin zu ihrem Gesundheits-zustand und ihrer Kreditwürdigkeit. Daraus ergeben sich Diskriminierungspraktiken, die bis zum Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen reichen. Regelmäßig werden automatisierte Entscheidungen getroffen, ob und zu welchen Konditionen beispielsweise Kredite oder auch Jobs vergeben werden. Diese automatisierten Entscheidungen wirken somit nicht nur auf die Privatsphäre der Menschen, sondern gefährden laut Spiekermann demokratische Grundwerte wie Freiheit, Autonomie und Menschenwürde. Die Nutzung umfassender Datenprofile unter Einbeziehung alltäglicher digitaler Spuren für lebensentscheidende Fragen in Bereichen wie Versicherung, Finanzen und Arbeitsleben ist international bereits Realität.

Erhöhte Aufmerksamkeit, schärfere Gesetze

„Große Hoffnung für mehr Datensicherheit und somit auch Sicherung unserer Grundwerte setzen wir in die neue EU-Datenschutzverordnung und andere gesetzliche Initiativen auf EU-Ebene, die nun nach jahrelangen Verhandlungen 2018 endlich in Kraft treten“, so Sarah Spiekermann, „dennoch wird es auch weiterhin allerhöchste gesellschaftliche Aufmerksamkeit und weiterer Maßnahmen erfordern.“ An erster Stelle steht dabei laut Spiekermann die Schaffung von mehr Transparenz über die Praktiken der Datensammelunternehmen durch Regulierung und Forschung. Neben massiv verstärkter gesellschaftlicher Bewusstseinsarbeit und Wissensvermittlung über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Informationstechnologie, insbesondere bei der Ausbildung von TechnikerInnen und ProgrammierInnen, fordern die StudienautorInnen wirksame Standards zum Schutz der Privatsphäre, die nicht ausschließlich von Industrie-LobbyistInnen bestimmt werden.

Ihre detaillierten Erkenntnisse erläutern Sarah Spiekermann und Wolfie Christl in ihrem Buch „Networks of Control. A Report on Corporate Surveillance, Digital Tracking, Big Data & Privacy“, heute erschienen im Facultas Verlag.

Zur Studie

Pressekontakt:
Mag. Anna Maria Schwendinger
Presse-Referentin
Tel: + 43-1-31336-5478
E-Mail: anna.schwendinger@wu.ac.at
wu.ac.at

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