Eine Person liest eine spanische Tageszeitung

Schaden Musikskandale – oder steigern sie Streams?

07. Mai 2026

Neue Studie analysiert Auswirkungen mehrerer prominenter Musikskandale

Eine neue Studie mit Beteiligung der WU Wien analysiert mehrere prominente Musikskandale und zeigt: Empörung und Boykottaufrufe verändern das Verhalten der Hörer*innen kaum. Greifen Streamingplattformen jedoch ein, hat das bedeutende Folgen für den wirtschaftlichen Erfolg von Künstler*innen.

Fans unterscheiden zwischen Künstler*innen und ihrem Werk

Skandale in der Musikindustrie führen in sozialen Medien oft zu Boykottaufrufen. Eine neue Studie analysiert mehrere prominente Skandalfälle rund um R. Kelly, Morgan Wallen, Rammstein und Sean „Diddy“ Combs. Dabei wurden Streamingdaten auf großen Musikplattformen wie Spotify, Apple Music und Amazon Music, sowie mehr als 11 Millionen Twitter-Beiträge ausgewertet, u.a. rund um das Hashtag #MuteRKelly, das zu einem Boykott seiner Musik aufrief.

Bei den meisten Skandalen gab es keinerlei redaktionelle Eingriffe seitens der Streamingplattformen. Trotz massiver öffentlicher Kritik, millionenfacher Social‑Media‑Beiträge und Boykottaufrufen ließ sich ohne Eingriffe der Plattformen kein nachhaltiger Rückgang der Streamingnachfrage feststellen. „In den von uns analysierten Fällen sehen wir keine Hinweise darauf, dass öffentliche Empörung allein die Streamingnachfrage nachhaltig senkt“, sagt Nils Wlömert vom Institut für Retailing & Data Science and der WU Wien,  Co-Autor der Studie. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Fans Künstler und Werk zumindest im Streamingkontext voneinander trennen.“

Streaming-Plattformen bestimmen, was gehört wird

Eine klare Ausnahme bildet der Fall R. Kelly. Spotify führte 2018 die Richtlinie „Hate Content and Hateful Conduct Public Policy“ ein und entfernte auf dieser Grundlage Songs dieses Musikers aus redaktionellen Playlists und Empfehlungen. Die Songs blieben jedoch weiterhin über Suche, On-Demand-Nutzung und Dritt-Playlists verfügbar. In der Folge brachen Kellys Streamingzahlen deutlich ein. Titel, die nicht aus Playlists entfernt wurden, verzeichneten hingegen keinen vergleichbaren Rückgang. Spotify zog die Richtlinie allerdings kurz danach wieder zurück, ohne R. Kellys Musik erneut in die Playlists aufzunehmen. Dies ermöglichte es den Forschenden, den Effekt von Plattform‑Sanktionen im Vergleich zu reinen Boykottaufrufen zu analysieren. „Redaktionelle Entscheidungen der Streamingplattformen bestimmen, was gehört wird. Unsere Ergebnisse veranschaulichen die wachsende Macht von Streamingplattformen“, so Wlömert.

Musikskandale können Streams kurzfristig steigern

In mehreren Fällen ging die intensive mediale Berichterstattung sogar mit kurzfristigen Zuwächsen bei den Streams einher. Skandale erhöhten die Aufmerksamkeit und führten zeitweise zu mehr Abrufen. „Öffentliche Empörung führt nicht automatisch zu weniger Nachfrage. In manchen Fällen rückt sie Künstler*innen kurzfristig stärker ins Blickfeld – und kann dadurch sogar zusätzliche Streams auslösen“, so Wlömert. Entscheidend ist daher nicht allein die öffentliche Kritik, sondern ob Streamingplattformen die Sichtbarkeit der Künstler*innen aktiv einschränken.

Quelle

Winkler, Daniel, Wlömert, Nils & Liaukonytė, Jura (2026): Separating the Artist from the Art: Social Media Boycotts, Platform Sanctions, and Music Consumption.
In: Journal of Marketing Research. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1177/00222437261445841

Pressekontakt

Julia Kreimel, MSc.
Wissenschaftskommunikation
Tel: +43-1-31336-5478
E-Mail: julia.kreimel@wu.ac.at

zurück zur Übersicht