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Provenienzforschung: Auszeichnung für historische Spurensuche

Gestern, am 30. November, durften die Bibliothekarinnen und Historikerinnen Regina Zodl und Roswitha Hammer den Senator-Wilhelm-Wilfling-Sonderpreis 2015 der WU für herausragende Leistungen im Bereich der Provenienzforschung entgegennehmen. Im Zuge des Provenienzforschungsprojektes der WU begaben sich die beiden Forscherinnen auf die Spuren der Büchergeschichte und widmen sich seither intensiv dieser kritischen, zeithistorischen Aufarbeitung an der WU. Bis heute fanden im Zuge von Restitutionen bereits zahlreiche Bücher den Weg zurück zu ihren ursprünglichen Besitzer/inne/n.

Seit 2010 wird an der WU-Universitätsbibliothek auf Initiative von Bibliotheksdirektor Nikolaus Berger ein NS-Provenienzforschungsprojekt durchgeführt. 66.000 Bände aus dem Zeitraum 1933 bis 1950 wurden bis dato von den beiden WU-Bibliothekarinnen Regina Zodl und Roswitha Hammer untersucht, um in einem ersten Schritt potenziell bedenkliche Erwerbungen ausfindig zu machen.  

Nach der kontinuierlichen Auswertung der gewonnenen Daten wurden Dossiers erstellt, um die Erb/inn/ensuche und die Vorbereitung von Restitutionen voranzutreiben. Dabei arbeitet die WU eng mit dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) und der Arbeitsgruppe NS-Provenienzforschung der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) zusammen. „Die Provenienzforschung, der an der WU ein hoher Stellenwert beigemessen wird, ist ein wichtiger Teil der historischen Aufarbeitung. Die Suche nach Spuren der Geschichte in unserer Bibliothek ist eine detektivische Arbeit, für die es ein gehöriges Maß an Leidenschaft braucht. Diese Leidenschaft bringen Frau Hammer und Frau Zodl in vollstem Maße mit und ich freue mich sehr, Ihnen heute als Zeichen der Anerkennung den Senator-Wilhelm-Wilfling-Sonderpreis 2015 überreichen zu dürfen“, so WU-Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger.  

Suche nach den rechtmäßigen Besitzer/inne/n  

In der Provenienzforschung ist detaillierte Beweis- und Spurensicherung angesagt. „Wir suchen nach Etiketten und Vermerken, tragen sie in Listen ein, scannen, führen Abgleiche mit dem Inventarbuch durch usw., und sammeln dabei im Grunde Indizien, um nicht rechtmäßige Erwerbe festzumachen“, beschreiben die Preisträgerinnen ihren Arbeitsalltag. Erhärtet sich der Verdacht, dass Bücher ursprünglichen Besitzer/inne/n verfolgungsbedingt entzogen wurden, geht die Detektivarbeit in die nächste, entscheidende Phase. „Es gilt, die rechtmäßigen Besitzer/innen oder deren Erb/inn/en ausfindig zu machen. Via Recherche von Meldedaten in den Stadt- und Landesarchiven, mit Blick in die sogenannten Wiener Adressbücher der Rathausbibliothek und in enger Kooperation unter anderem mit der IKG und dem Nationalfonds.“ Ihre bisherigen Überprüfungen führten zu einer Liste von 1.121 potenziell bedenklichen Erwerbungen, die 74 Personen und 118 Institutionen zuzuordnen sind.  

Erst kürzlich fand an der WU die feierliche Übergabe von zahlreichen Büchern an die Erb/inn/engemeinschaft von Leopold Singer statt, der 1939 aufgrund seiner jüdischen Herkunft Wien verlassen musste. 696 Bücher aus dem Bestand der WU-Bibliothek konnten dank der intensiven Recherche von Roswitha Hammer und Regina Zodl eindeutig der Provenienz Leopold Singer zugeordnet werden. „Ein berührender Moment“, so die beiden WU-Bibliothekarinnen.  

Kontakt:
Anna Maria Schwendinger, Bakk.
PR-Referentin
anna.schwendinger@wu.ac.at  
Tel.: 01/31336–5478
wu.ac.at/press   



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