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Bildung statt Einkommen – der wichtigste Faktor für ein längeres Leben

Stei­gende Einkommen und der daraus resul­tie­rende verbes­serte Lebens­stan­dard gelten seit langem als die wich­tigsten Faktoren für ein langes und gesundes Leben. Die neuen Forschungs­er­geb­nisse von WU-Pro­fessor Wolf­gang Lutz und Endale Kebede, beide Wissen­schaf­te­rInnen an der WU sowie dem Inter­na­tio­nalen Institut für Ange­wandte System­ana­lyse (IIASA), haben jedoch gezeigt, dass das Bildungs­ni­veau eines Menschen ein viel besserer Prädiktor für die Lebens­er­war­tung ist.

1975 entwi­ckelte Samuel Preston die Pres­ton-Kurve, die das Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) pro Person auf der hori­zon­talen Achse und die Lebens­er­war­tung auf der verti­kalen Achse zeigt. Die Kurve zeigt einen klaren, aber abfla­chenden Aufwärt­s­trend der Lebens­er­war­tung mit stei­gendem BIP. Im Lang­zeit­ver­gleich verschieben sich die Kurven zuneh­mend nach oben – dies wurde durch eine bessere Gesund­heits­ver­sor­gung erklärt. WU-Pro­fessor Wolf­gang Lutz und Endale Kebede, beide an WU und IIASA affi­li­iert, konnten nun in einer Studie belegen, dass nicht das stei­gende Einkommen, sondern Bildung der entschei­dende Faktor für ein längeres Leben ist. .

Entschei­dungs­basis für zukünf­tige Inves­ti­tionen

1985 gingen John Cald­well und Pat Cald­well davon aus, dass die sinkende Sterb­lich­keits­rate durch die anstei­gende weib­liche Bildung verur­sacht wurde. In ihrer neuen Studie analy­sierten Lutz und Kebede globale Daten aus 174 Ländern von 1970 bis 2015, um die beiden Hypo­thesen zu testen. „Gerade für poli­ti­sche Entschei­dungs­trä­ge­rInnen ist die Frage, welche Faktoren ausschlag­ge­bend für die mensch­liche Lebens­er­war­tung sind, von hoher Bedeu­tung. Denn die Antwort darauf lässt wich­tige Rück­schlüsse darauf ziehen, wofür Mittel bereit­ge­stellt werden sollten“, so Studi­en­autor Wolf­gang Lutz.

Auch Kinder­sterb­lich­keit durch Bildung beein­flusst

Lutz und Kebede unter­suchten auch die Lebens­er­war­tung in Abhän­gig­keit von der mitt­leren Schul­zeit der erwach­senen Bevöl­ke­rung. Die Kurve verläuft deut­lich stärker linear - eine Tatsache, die darauf hindeutet, dass Bildung die Entwick­lung viel besser erklärt. Zudem gibt es keine Verschie­bung der Kurve nach oben, die auf andere Faktoren hindeuten würde. Um die Ergeb­nisse zu über­prüfen, wurden auch die Daten auch multi­va­riaten Analysen unter­zogen. Ganz ähnlich zeigte sich auch das Bild in Bezug auf Kinder­sterb­lich­keit.

Mehr Bildung, bessere Gesund­heit

Die Forscher weisen darauf hin, dass höhere Bildung meist zu komple­xerem und länger­fris­tigem Denken führt und damit auch oft zu Verhal­tens­weisen, die sich auf die Gesund­heit positiv auswirken. In den letzten Jahr­zehnten verla­gerten sich die häufigsten Todes­ur­sa­chen zuneh­mend von infek­tiösen auf chro­ni­sche Krank­heiten, die stärker vom indi­vi­du­ellen Lebens­stil abhängen. Dies lässt erwarten, dass in Zukunft die Frage des indi­vi­du­ellen Verhal­tens, welches stark von der Bildung abhängt, für die Sterb­lich­keit weiter an Bedeu­tung gewinnen wird. „Unsere Forschung zeigt radi­ka­lere Ergeb­nisse als frühere Analysen zum Thema. Sie wider­spre­chen der weit­ver­brei­teten Ansicht, dass Einkommen und medi­zi­ni­sche Inter­ven­tionen die Haupt­fak­toren für Gesund­heit sind. Sie zeigt sogar, dass der schein­bare Zusam­men­hang zwischen Einkommen und Gesund­heit nicht kausal ist und beides durch Bildung beein­flusst wird", so Wolf­gang Lutz.

Bildung als globaler Schlüssel

In früh­eren Forschungs­ar­beiten am Witt­gen­stein Centre, einer Koope­ra­tion zwischen der WU, dem IIASA und dem Institut für Demo­gra­phie (VID, ÖAW), wurde schon gezeigt, wie wichtig eine breite Bildung der Bevöl­ke­rung für Armuts­be­kämp­fung und Wirt­schafts­wachstum sind und, dass sie die Anpas­sungs­fäh­ig­keit an den Klima­wandel verbes­sert. All dies unter­streicht die Forde­rung nach verbes­sertem Zugang zu Bildung als wich­tige Voraus­set­zung für nach­hal­tige Entwick­lung. „Die Ergeb­nisse sind für die gesamte Gesund­heits­for­schung welt­weit von Bedeu­tung. Sie sind entschei­dend für die Prio­ri­tä­t­en­set­zung nicht nur im eigenen Land sondern auch bei der Entwick­lungs­zu­sam­men­ar­beit.", so Lutz, „Natür­lich geht es dabei auch um die Finan­zie­rung von quali­tativ hoch­wer­tiger Bildung.“

Lutz W, Kebede E (2018). Educa­tion and Health: Redrawing the Preston Curve. Popu­la­tion and Deve­lop­ment Review.

DOI: 10.1111/padr.12141

Kontakt:

Wolf­gang Lutz
Grün­dungs­di­rektor des Witt­gen­stein Centre for Demo­graphy and Global Human Capital (IIASA, VID/ÖAW, WU)
Tel: +43 (0)1 31336 4752
wolf­gang.lutz@wu.ac.at

Endale Kebede
WU, IIASA
Tel: +43 1 31336 4165
endale.birhanu.kebe­de@wu.ac.at

Weitere Links

www.wu.ac.at
www.iiasa.ac.at
www.oeaw.ac.at/wic/

Pres­se­kon­takt:
Mag. Anna Maria Schwen­dinger
PR-Re­fe­rentin
Tel: + 43-1-31336-5478
E-Mail: anna.schwen­din­ger@wu.ac.at




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