Vorlesen

Pflegebedürftigkeit: Kulturelle Unterschiede verzerren das Bild

Trotz steigender Lebenserwartung wird anteilsmäßig die Zahl der Menschen mit gesundheitlichen Langzeiteinschränkungen in Europa in den kommenden dreißig Jahren nicht steigen – dies zeigt eine aktuelle Studie von WU-Wissenschafterin Daniela Weber vom Institut für Health Economics and Policy. Erstmals wurden dabei kulturelle Variablen, die bislang die Statistik verzerrten, bereinigt. Zwar wächst auch zukünftig aufgrund der demografischen Entwicklung die Gruppe der Menschen über 65 Jahren in Europa an, der Anteil an zu erwartenden Menschen mit längeren Gesundheitsproblemen wird aber laut der aktuellen Prognose bei rund 21 Prozent für Frauen und 17 Prozent bei Männern stagnieren.

Die Frage nach dem Trend von Langzeiteinschränkungen wird seit langem vor allem im Hinblick auf notwendige Ressourcenbereitstellung im Pflegebereich gestellt. Daniela Weber vom Institut für Health
Economics and Policy
an der WU und ihr Kollege Sergei Scherbov vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) untersuchten anhand der EU-SILC Daten, der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen der Europäischen Union, wie sich die Zahlen schwerer gesundheitlicher Langzeiteinschränkungen von Frauen und Männern in 26 europäischen Ländern zukünftig verschieben werden. Laut Prognose werden im Jahr 2047 eine von fünf Frauen und einer von sechs Männern im Alter von 65 Jahren oder älter mit schwereren gesundheitlichen Einschränkungen im täglichen Leben konfrontiert sein. Durchschnittlich betrifft dies – zukünftig wie auch heute – rund 21 Prozent der Europäerinnen und 17 Prozent der Europäer 65+. Die EU-SILC-Daten zur Gesundheitsprognose wurden ermittelt, in dem die befragten Personen bei der Datenerhebung verschiedenste Auskünfte zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand gaben. Mittels dieser Angaben lässt sich die Prognose für die kommenden 30 Jahre erstellen.

Kulturelle Unterschiede verfälschen Bild

Seitens der Wissenschaft galt ursprünglich die Annahme, dass der relative Anteil an von Langzeiteinschränkungen Betroffenen der Altersgruppe 65+ in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich ausfallen würde. Daniela Weber und ihr Kollege konnten jedoch Gegenteiliges beweisen. „Auch wir fanden erst große Unterschiede zwischen den Nationalitäten bei der Selbsteinschätzung ihres Gesundheitszustandes. Auch die bereits bekannten Unterschiede zwischen Männern und Frauen wurden deutlich“, erklärt Weber, „Sobald wir aber die diversen kulturellen und nationale Einflüsse in der Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes berücksichtigten, konnten wir kaum mehr Unterschiede zwischen den 26 europäischen Ländern feststellen.“ Kulturelle Unterschiede manifestierten sich beispielsweise darin, dass 27 Prozent der deutschen, über 65-jährigen Frauen von einem schlechten Langzeitgesundheitszustand berichteten, während nur 12 Prozent der niederländischen Befragten über Probleme klagten. Da beide Länder allerdings über ähnliche Gesundheitssysteme verfügen und auch die nahezu gleiche Lebenserwartung vorliegt, wird deutlich, dass die Unterschiede nicht einzig im tatsächlichen Gesundheitszustand der Frauen beider Länder liegen, sondern auch in der subjektiven Einschätzung und dem Gesundheitsbewusstsein. Entgegen den Erwartungen werde in allen Ländern Europas der Durchschnitt der betroffenen Frauen bei rund 21 Prozent und der Männer bei rund 17 Prozent liegen, so die Wissenschafterin. Differenzen werde es jetzt und in Zukunft kaum geben.

Keine Entwarnung für die Politik

„Es hat sich gezeigt, dass sich der Anteil der Bevölkerung mit gesundheitlichen Einschränkungen in den nächsten 30 Jahren kaum ändern wird. Aber man darf hier auch nicht vergessen, dass die absoluten Zahlen der 65+ Bevölkerung steigen und man dadurch deutlich mehr Menschen mit gesundheitlichen Langzeiteinschränkungen erwarten muss. Hier ist die Politik also definitiv gefragt“, so Weber. In Österreich wird die Zahl der Menschen mit Langzeiteinschränkung im Jahr 2017 bei ca. 193.000 Frauen und rund 117.000 Männern geschätzt. Bis 2047 soll diese Zahl laut Prognose auf zirka 308.700 Frauen und rund 212.000 Männer ansteigen. Für die 26 Untersuchungsländer gesamt wird die Anzahl der Betroffenen von rund 11,5 Millionen Frauen und 6,9 Millionen Männer im Jahr 2017 auf rund 16,9 Millionen Frauen sowie 11,1 Millionen Männer mit schweren Langzeitgesundheitsproblemen bis 2047 wachsen.

Zur vollständigen Studie, publiziert in BMJ Open.


Pressekontakt:

Mag. Anna Maria Schwendinger
PR-Referentin
Tel: + 43-1-31336-5478
E-Mail: anna.schwendinger@wu.ac.at

 

Presse-Information als PDF
Presse-Information als PDF


zurück zur Übersicht