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Internationale Wertschöpfungsketten beeinflussen europäische Konjunkturerwartung

Für die Konjunk­tur­pro­gnose befragen die Euro­päi­sche Kommis­sion und natio­nale Forschungs­in­sti­tute monat­lich rund 135.000 euro­päi­sche Unter­nehmen zu ihrer aktu­ellen Geschäftslage und ihren Einschät­zungen für die nächsten Monate. Für Öster­reich sind die aktu­ellen Prognosen gut, die Wirt­schaft soll weiter wachsen. Eine Studie von WU und WIFO zeigt nun, wie stark die Abhän­gig­keit der Konjunk­tur­ein­schät­zung von den Verknüp­fungen inner­halb der einzelnen Wirt­schafts­zweige und deren Wert­schöp­fungs­ketten ist. Außerdem wird deut­lich, dass die konjunk­tu­relle Stim­mung auch stark von konjunk­tur- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Maßnahmen abhängt.

Die Konjunk­tur­er­war­tungen von Unter­nehmen gelten allge­mein als gute Frühin­di­ka­toren zur Einschät­zung von kurz- und mittel­fris­tigen Wirt­schafts­ent­wick­lungen. WU-Wis­sen­schaf­terin Anja Kukuvec und WU-Pro­fessor Harald Ober­hofer, auch wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter am Institut für Wirt­schafts­for­schung (WIFO), unter­suchten in einer aktu­ellen Studie nun die maßg­ebli­chen Bestim­mungs­fak­toren für die Konjunk­tur­er­war­tungs­bil­dung in der euro­päi­schen Wirt­schaft. Dabei berück­sich­tigten sie vor allem die Tatsache, dass sich Unter­nehmen in Wirt­schafts­bran­chen, die in einer Zulie­fer­be­zie­hung zuein­ander stehen, in ihrer Erwar­tungs­bil­dung beein­flussen können. Darüber hinaus analy­sierten sie auch die Reak­tion von Konjunk­tur­er­war­tungen auf wirt­schafts­po­li­ti­sche Maßnahmen, im Konkreten auf Verän­d­e­rungen von Lohn­ne­ben­kosten. Hierfür verwen­deten die Studi­en­au­toren die vier­tel­jähr­li­chen Daten der EU-Kom­mis­sion für den Zeit­raum von 2005 bis 2014 auf Bran­chen­ebene. Die Studie wurde geför­dert durch den Jubi­läumsf­onds der Oester­rei­chi­schen Natio­nal­bank.

Wirt­schaft­liche Verflech­tungen verstärken Einschät­zungen um 16 Prozent

Die Konjunk­tur­er­war­tungen inner­halb eines Wirt­schafts­zweiges werden maßg­eblich von anderen Wirt­schafts­bran­chen beein­flusst, für welche der Wirt­schafts­zweig Vorleis­tungen erbringt. Werden Unter­nehmen in einem Wirt­schafts­zweig pessi­mis­ti­scher, wirkt sich das somit im Durch­schnitt negativ auf die Einschät­zungen der vorleis­tenden Bran­chen aus, was wiederum die Erwar­tungen des ursprünglich betrof­fenen Wirt­schafts­zweiges beein­flussen kann. Über solche Wech­sel­wir­kungen werden Verän­d­e­rungen der Einschät­zungen noch im glei­chen Quartal um ca. 16 Prozent verstärkt. So sind beispiels­weise die wirt­schaft­li­chen Erwar­tungs­hal­tungen der öster­rei­chi­schen Zulie­fer­in­dus­trie im Auto­mo­bil­sektor von jenen der deut­schen Auto­her­steller und von anderen Indus­trien inner­halb dieser Wert­schöp­fungs­kette abhängig. Die Ergeb­nisse zeigen zudem eine starke Persis­tenz der Konjunk­tur­er­war­tungen über den Zeit­ver­lauf. Von einem auf das nächste Quartal verän­dern sich die Erwar­tungen im Durch­schnitt somit relativ wenig. „Die empi­ri­schen Ergeb­nisse zeigen klar, dass sich die Konjunk­tur­er­war­tung über verschie­dene euro­päi­sche Wert­schöp­fungs­ketten hin entwi­ckelt. Von Modellen uner­klärte Verän­d­e­rungen von unter­neh­me­ri­schen Erwar­tungen werden somit verstärkt, was wiederum zu Wellen an Opti­mismus bzw. Pessi­mismus führen kann“, so Kukuvec und Ober­hofer, „Diese Erkenntnis kann unser Verständnis hinsicht­lich der Entste­hung und Ausbrei­tung von Krisen bzw. wirt­schaft­li­chen Aufschwüngen verbes­sern.“

Nied­rige Erwar­tungen trotz stei­gender Nach­frage

Zuwächse in der Herstel­lung von Zwischen- sowie Endpro­dukten sind mit opti­mis­ti­scheren Konjunk­tur­ein­schät­zungen in der entspre­chenden Wirt­schafts­branche verbunden. Auch die Erwar­tungen von vorleis­tenden Wirt­schafts­bran­chen reagieren positiv auf Zuwächse in der Herstel­lung von Zwischen­pro­dukten (posi­tive Exter­na­li­täten). Im Gegen­satz dazu zeigen Zuwächse der Nach­frage nach Endpro­dukten durch­schnitt­lich nega­tive Effekte auf die Erwar­tungs­hal­tung aller anderen Wirt­schafts­zweige: Firmen sorgen sich dabei mögl­i­cher­weise um einen Rück­gang ihrer Wett­be­werbs­fäh­ig­keit im euro­päi­schen Binnen­markt. „Eine gestie­gene Nach­frage nach Produkten von Wett­be­wer­bern aus derselben Branche aber in einem anderen EU-Mit­glieds­land deutet daraufhin, dass die heimi­schen Unter­nehmen an Wett­be­werbs­fäh­ig­keit einge­büßt haben. Zusätz­lich gehen wir davon aus, dass Wirt­schafts­zweige negativ auf die Entwick­lung in anderen aber ähnli­chen Bran­chen reagieren. Das heißt beispiels­weise, wenn die Nach­frage an Fahr­rä­dern steigt, ist zwar die Prognose dieses Indus­trie­zweiges positiv, hingegen korri­giert beispiels­weise die Motor­ra­d-­In­dus­trie ihre Einschät­zung nach unten. Dies löst wiederum weitere Wellen­ef­fekte aus“, präz­i­siert Kukuvec dieses Argu­ment.

Senkung der Lohn­ne­ben­kosten sorgt für Opti­mismus

Konjunk­tur­ein­schät­zungen sind auch von wirt­schafts­po­li­ti­schen Maßnahmen abhängig. Eine Reduk­tion der Lohn­ne­ben­kosten, beispiels­weise, beflü­gelt nicht nur die Erwar­tungen zur Geschäftslage im betrof­fenen Wirt­schafts­zweig, sondern stimmt auch alle anderen Bran­chen inner­halb derselben Wert­schöp­fungs­kette opti­mis­ti­scher. Hier zeige sich laut Ober­hofer auch die Wich­tig­keit wirt­schafts­po­li­ti­sche Maßnahmen speziell auf bestimmte Wirt­schafts­zweige und Länder abzu­stimmen. Die Studi­en­er­geb­nisse legen nahe, dass diese effek­tiver zu sein scheinen als euro­päi­sche Univer­sal­pro­gramme, um die Wider­stands­fäh­ig­keit der gesamten EU zu stärken. „Bei der Ausge­stal­tung der indi­vi­du­ellen Poli­tik­maß­nahmen in den einzelnen Mitglieds­län­dern sollten aller­dings auch deren Effekte auf Wirt­schafts­zweige in anderen EU-Staaten berück­sich­tigt werden. Das ‚Euro­päi­sche Semester‘ erscheint somit als sinn­voller insti­tu­tio­neller Rahmen um natio­nale Poli­tik­maß­nahmen inner­halb der EU effektiv koor­di­nieren und die euro­päi­schen Wert­schöp­fungs­ketten in der Poli­tik­ge­stal­tung berück­sich­tigen zu können.“

ZUR STUDIE

Pres­se­kon­takt:
Mag. Anna Maria Schwen­dinger
PR-Re­fe­rentin
Tel: + 43-1-31336-5478
E-Mail: anna.schwen­din­ger@wu.ac.at



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