Vorlesen

Ideendiebstahl verhindert: Online-Communities regeln den Schutz geistigen Eigentums selbst

Online-­Com­mu­nities sprühen vor Ideen. Aber wie wird das geis­tige Eigentum der UserInnen geschützt? In den riesigen und anonymen Foren, bei denen Nutze­rinnen und Nutzer aus den unter­schied­lichsten Kulturen und Rechts­sys­temen mitma­chen, sind tradi­tio­nelle Schutz­me­cha­nismen (Copy­right, Rechtsweg, Überw­a­chung durch das orga­ni­sie­rende Unter­nehmen) wirkungslos. Herrscht in Commu­nities also Raub­rit­tertum? Eine aktu­elle Studie des Insti­tuts für Entre­pre­neurship & Inno­va­tion (E&I) der WU unter der Leitung von WU-Pro­fessor Niko­laus Franke belegt nun erst­mals, dass Online-­Com­mu­nities den Umgang mit geis­tigem Eigentum und dessen Schutz selber regeln. Dies geschieht durch ein starkes infor­melles System an sozialen Normen, die das formale Recht wirksam ersetzen.

Um die Exis­tenz dieses Normen­sys­tems nach­zu­weisen sowie dessen Funk­tio­nieren zu verstehen führten die Forsche­rinnen und Forscher vom E&I Institut der WU Julia Bauer, WU-Pro­fessor Niko­laus Franke und Philipp Türt­scher eine umfang­reiche Fall­studie in der Thre­ad­les­s-­Com­mu­nity durch. Thre­ad­less ist eine Online-­De­si­gn-­Com­mu­nity mit mehr als 3 Millionen regis­trierten Nutze­rInnen. Die Commu­ni­ty­-­Mit­glieder sind sehr aktiv und reichen – für jeden zugänglich – viele hundert Designs pro Woche ein.

Die sieben IP Normen

Das System der Thre­ad­les­s-­Com­mu­nity besteht aus sieben weit akzep­tierten und zusam­men­hän­genden Normen. Diese regu­lieren das Verhalten der Commu­ni­ty­-­Mit­glieder im Umgang mit geis­tigem Eigentum höchst effektiv und stellen die Basis für Inno­va­tion und Kolla­bo­ra­tion inner­halb der Commu­nity dar. Eine der wich­tigsten Normen ist, dass exaktes Kopieren verboten ist und ein Vergehen durch strenge, gemein­schaft­liche Sank­tionen geahndet wird. „Das Aufbauen auf Ideen von anderen Commu­ni­ty­-­Mit­glie­dern ist erlaubt, sofern die Urhe­berin oder der Urheber gefragt und zitiert wird. Jedes Commu­ni­ty­-­Mit­glied ist ange­halten, nach Kopien Ausschau zu halten und in unklaren Fällen andere Mitglieder darauf aufmerksam zu machen, um gemein­schaft­lich eine Entschei­dung zu treffen, ob es zu Sank­tionen kommt oder nicht“, erklärt Niko­laus Franke, Leiter des E&I Insti­tuts. Um zu prüfen, wie effektiv das ermit­telte System wirk­lich ist, verletzten die Forsche­rInnen es im Feld­ex­pe­ri­ment bewusst: Über ein halbes Jahr reichten sie unter falschen Namen Kopien beste­hender Designs bei Thre­ad­less ein und beob­ach­teten, ob das System mit dieser Heraus­for­de­rung wie prognos­ti­ziert fertig werden würde. Das Ergebnis: Der größte Teil der Imita­tionen wurde von der Commu­nity entdeckt und scharf sank­tio­niert – im Regel­fall inner­halb von wenigen Stunden. „Dies zeigt eindrucks­voll, wie mächtig das kollek­tive Normen­system der Commu­nity ist“, so Franke.

Impli­ka­tionen für die Praxis

Für Betreiber von Crowd­sour­cin­g-­Com­mu­nities bedeuten die Ergeb­nisse, dass nicht nur die Ideen­ge­ne­rie­rung an die Mitglieder der Commu­nity ausge­la­gert, sondern auch der Schutz geis­tigen Eigen­tums "crowd­ge­sourced" werden kann. Dies erfor­dert jedoch bestimmte tech­ni­sche Voraus­set­zungen der Platt­form. Um ein funk­tio­nie­rendes normen­ba­siertes System zu gewähr­leisten, muss Trans­pa­renz, Akti­vität und Empower­ment der Mitglieder unter­stützt werden. Beispiels­weise sollte es möglich sein, dass zwischen den Mitglie­dern der Commu­nity reger Austausch herrscht. Auch die Bewer­tung von Designs, öffent­liche Diskus­sionen und die Mögl­ich­keit zur Einsicht von früh­eren Arbeiten sind essen­tiell für das Funk­tio­nieren. Neben den tech­ni­schen Aspekten spielt Repu­ta­tion eine wich­tige Rolle, das heißt, dass Mitglieder aktiv am Normen­system teil­nehmen. So können Platt­form­be­trei­be­rInnen zum Beispiel einen spezi­ellen "Alumnus"-Status für beson­ders aktive Mitglieder einführen. Dies fördert die Bindung zur Commu­nity sowie zum Unter­nehmen und dient als Anreiz für andere Mitglieder, diesen Status zu errei­chen.

Über die Studie

Die der Studie zugrun­de­lie­genden Daten wurden durch einen umfang­rei­chen Mehr­me­tho­den­an­satz gewonnen. Dieser bestand aus einer netno­gra­phi­schen Studie, in der 1.224.579 Beiträge analy­siert wurden, einer Befra­gung von Commu­ni­ty­-­Mit­glie­dern sowie einem Feld­ex­pe­ri­ment. Die Ergeb­nisse wurden im Fach­journal Infor­ma­tion Systems Rese­arch publi­ziert, eines der führ­enden wissen­schaft­li­chen Jour­nals im Bereich Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaften.

Pres­se­kon­takt:
Mag. Anna Maria Schwen­dinger
PR-Re­fe­rentin
Tel: + 43-1-31336-5478
E-Mail: anna.schwen­din­ger@wu.ac.at

Vollständige Studie als PDF
Vollständige Studie als PDF
Presseinformation als PDF
Presseinformation als PDF


zurück zur Übersicht