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Gründe für Studienabbrüche von nicht-traditionellen Studierenden

Der Zugang zu Hochschulbildung ist innerhalb der EU trotz Ausbau der Angebote immer noch stark von der sozialen Herkunft geprägt - auch in Österreich. Trotz Bildungsexpansion ist die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus bildungsnahen Familien zu studieren nach wie vor mehr als doppelt so hoch als für Kinder, deren Eltern über keine Matura verfügen. Eine aktuelle Studie der Abteilung Bildungswissenschaft der WU analysiert, mit welchen Hindernissen und Spannungen nicht-traditionelle Studierende im universitären Umfeld konfrontiert sind. Die Studie zeigt, dass eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Schulen und Universitäten, entsprechende Unterstützungsangebote an Universitäten und ein stärkerer Fokus auf die Vermittlung von Diversitätskompetenz in der LehrerInnenausbildung angestrebt werden sollte.

Zahlreiche Studien beschäftigen sich mit der sozialen Ungleichheit innerhalb der österreichischen Studierendenpopulation. Wenige allerdings befassen sich mit den soziokulturellen Gründen, warum nicht-traditionelle Studierende (darunter fallen z.B. Studierende mit Betreuungspflichten, arbeitende Studierende, Studierende, die einer Minderheit angehören oder Personen, die die ersten innerhalb der Familie sind, die studieren) ein viel höheres Risiko haben, ein Studium abzubrechen. Erna Nairz-Wirth, Leiterin der Abteilung für Bildungswissenschaft, und ihr Forschungsteam haben Interviews mit nicht-traditionellen Studierenden geführt, die ein Studium abgebrochen haben. Die Erfahrungen der Befragten flossen schließlich in Empfehlungen ein, um deren Drop-Out Rate an Unis zu senken.

Wahrnehmung, sozial schlechter gestellt zu sein

Ein Universitätsstudium verlangt viel Selbstorganisation und das Meistern sozialer, ökonomischer und kultureller Hürden. Nicht-traditionelle Studierende verfügen oft über kein entsprechendes Netzwerk aus Verwandten und FreundInnen, können dadurch auf weniger „Informationskapital“ zurückgreifen und finden sich somit an der Universität schwerer zurecht. Oft wurde ihnen ihre eigene ungesicherte soziale Stellung schon in der Schulzeit bewusst (gemacht). „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Erfahrungen, die unsere Befragten an der Uni gemacht haben, oft in Zusammenhang mit jenen, die sie zuvor in der Schule gemacht haben, stehen“, so Erna Nairz-Wirth. Die Befragten gaben an, bereits während der Schulzeit, teilweise sogar bereits im Kindergarten, das Gefühl entwickelt zu haben, sozial schlechter gestellt zu sein als KlassenkameradInnen. Das Gefühl, dass ein akademischer Beruf nicht zu ihrem Lebensplan gehört, wird (oft unbewusst) über Eltern, Lehrpersonen und SchulkollegInnen vermittelt. Dadurch kann ein labiler Habitus entstehen, der sich in Krisensituationen (z.B.: Leistungsschwierigkeiten, zusätzliche finanzielle Hürden) nachteilig auswirkt und zum Studienabbruch beitragen kann.

Wenig Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten

Schülerinnen und Schüler aus sozial schlechter gestellten Milieus schließen die Schule oft mit wenig Selbstvertrauen und mit der mangelnden Überzeugung ab, sich an einer Universität ein passendes Netzwerk aufbauen zu können, um erfolgreich zu sein“, so Erna Nairz-Wirth. Wird der Schritt an eine Universität gewagt, kämpfen die Personen mit weiteren Problemen: „Viele gaben an, an der Uni mit großen Hürden konfrontiert und mit den starren zeitlichen Regeln und Abläufen nicht zurechtgekommen zu sein.“ Nur in wenigen Schulen und Hochschulen werden regelmäßig langfristige Berufsorientierungs-Coachings und Mentoringprogramme angeboten. Während das Gefühl der Ausgrenzung und Isolation für einige Ansporn ist, um erfolgreich zu sein, ist es für andere eine kaum zu überwältigende Barriere.

Bedarf nach speziellen Unterstützungsangeboten

Aus dem Spektrum der Gründe, die einem Studienabbruch von nicht-traditionellen Studierenden zugrunde liegen, sind fehlendes Zugehörigkeitsgefühl verbunden mit einem Mangel an speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Unterstützungsangebote besonders hervorzuheben. Denn nicht-traditionelle Studierende scheuen oftmals die direkte Interaktion mit TutorInnen, LektorInnen oder ProfessorInnen. Es ist daher essentiell, nicht-traditionellen Studierenden entsprechend ausgebildete TutorInnen- und MentorInnen zur Seite zu stellen, die ihre Probleme verstehen und sie entsprechend unterstützen.

Zusammenarbeit Schule - Uni intensivieren

Dass die Schulwahl eine große Rolle für eine spätere akademische Laufbahn spielt, ist unumstritten. Die Interviewergebnisse zeigen, dass es für Jugendliche aus bildungsferneren Schichten sehr schwer sein kann, sich im universitären Umfeld zu integrieren. Obwohl inzwischen mehr Veranstaltungen zur Studienwahl und Berufsfindung in den Oberstufen angeboten werden, sind bei nicht-traditionellen StudienanfängerInnen Orientierungslosigkeit und Informationsmängel festzustellen. Aus diesen Erkenntnissen lassen sich wichtige Schlüsse zusammenfassen: Es braucht eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Universitäten, zusätzliche und vor allem durchgehend angebotene Studien- und Berufsorientierung, eine bessere Gestaltung der Bildungsübergange und einen Ausbau des Angebots in der Vermittlung von Diversitätskompetenz innerhalb der LehrerInnenausbildung sowie des Universitätspersonals.

Maßnahmen an der WU

An der WU findet in diesem Bereich nicht nur relevante Forschung statt, diverse Unterstützungsangebote für nicht-traditionelle Studierende werden bereits umgesetzt. Seit vergangenem Jahr gibt es das Stipendienprogramm „WU4You“, das begabten Schülerinnen und Schülern aus einkommensschwachen Familien ein Studium ermöglicht und diese fördert. Die StipendienbezieherInnen nehmen am Mentoring@WU-Programm teil (höhersemestrige Studierende begleiten StudienanfängerInnen), werden aber auch individuell betreut und gecoacht. Im Rahmen des Projekts „WU@School“ besuchen WU-BotschafterInnen AHS- und BHS-Schulen, um ihnen das Studienangebot vorzustellen. Schulen kommen auch regelmäßig auf den Campus, um sich vor Ort zu informieren und haben die Möglichkeit, Pre-Study-Workshops zu buchen. Einer dient z.B. der Vermittlung der Unterschiede von Schule und Universität und Fachhochschule und Universität. „Die WU bemüht sich, gerade den schwierigen Übergang von Schule zur Universität für so genannte ‚First Generation Students‘ zu erleichtern“, erklärt WU-Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger. Ein anderes Projekt unterstützt SchülerInnen bei der Orientierung und Bewältigung des herausfordernden Bildungsübergangs. „In Zusammenarbeit mit ausgewählten Pilot-BHS-Schulstandorten in Wien werden Unterstützungsworkshops und -module erarbeitet. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf der Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf das universitäre Umfeld, auf das Anforderungsprofil, auf benötigte akademische Skills, sprachliche Fähigkeiten und Selbstorganisation“, so die Rektorin. SchülerInnen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft oftmals den Schritt in die dritte Ausbildungsstufe trotz eines hohen Leistungspotentials nicht wagen, stehen im Fokus.

Pressekontakt:
Mag. Cornelia Moll
Pressesprecherin
Tel: + 43-1-31336-4977
E-Mail: cornelia.moll@wu.ac.at 

Details zur Studie als PDF
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Drop Out-Gründe von nicht traditionellen Studierenden als PDF
Drop Out-Gründe von nicht traditionellen Studierenden als PDF


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