Vorlesen

Migration macht unternehmerisch

Eine aktuelle Studie untersuchte die kognitiven Folgen des Wechsels aus einem kulturellen Kontext in einen anderen. Das Ergebnis ist eindeutig: interkulturelle Erfahrungen steigern die Fähigkeit, unternehmerische Gelegenheiten zu entdecken, signifikant. Wer innovative Unternehmensgründungen fördern möchte, sollte also internationale Mobilität unterstützen. Dies gilt für temporäre Migration (z.B. Auslandssemester oder befristete berufliche Wechsel) und permanente Migration (z.B. Immigration).

Es gibt viele Beispiele von erfolg­rei­chen Inno­vator/inn/en und Entre­pre­neuren mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund wie Andrew Carnegie, Sergey Brin (Google) oder Attila Doğudan. Die beste­hende Forschung führt dies vor allem auf Selek­ti­ons­ef­fekte zurück. Wer emigriert und sich auf ein neues Leben einlässt, der ist auch sonst eher bereit, unter­neh­me­ri­sche Risiken einzu­gehen. Im Projekt von Peter Vandor, Leiter des Social Entre­pre­neurship Centers am WU-Kom­pe­tenz­zen­trum für Nonpro­fit-Or­ga­ni­sa­tionen und Social Entre­pre­neurship, und WU-Pro­fessor Niko­laus Franke, Leiter des Insti­tuts für Entre­pre­neurship und Inno­va­tion, wurde eine andere Erklä­rung geprüft. Sie vermu­teten, dass die inter­kul­tu­relle Erfah­rung selbst eine Wirkung auf kogni­tive Fähig­keiten hat. Wer mehr unter­schied­liche Kontexte erlebt, reichert auf diese Weise seinen Wissen­spool an. Dieser wiederum ist die wich­tigste Basis für die Fähig­keit, unter­neh­me­ri­sche Gele­gen­heiten zu finden.

Erfolgs­brin­gerin inter­kul­tu­relle Erfah­rung

Um ihre Hypo­these zu prüfen, entwi­ckelten die WU-For­scher ein eigenes Test­ver­fahren und maßen die unter­neh­me­ri­schen Fähig­keiten von WU-Stu­die­renden vor und nach einem Auslands­se­mester. Im Zuge des stan­dar­di­sierten Tests mussten die Studie­renden eine Aufga­ben­stel­lung lösen und Entre­pre­neurship­-­Ideen entwi­ckeln. Die Ergeb­nisse wurden dann von Expert/inn/en aus dem Bereich Venture Capital im Blind­ver­fahren bewertet. Mehr als die Hälfte der Studie­renden verbringt im Rahmen ihres Studiums ein Semester im Ausland, orga­ni­siert durch das Zentrum für Auslands­stu­dien der WU. Vandor und Franke vergli­chen die Verän­d­e­rung mit einer Stich­probe, die im glei­chen Zeit­raum daheim geblieben war. Der Unter­schied ist eindeutig: die erste Gruppe stei­gerte ihre unter­neh­me­ri­schen Fähig­keiten um 17 Prozent. Die Vergleichs­gruppe verän­d­erte sich sogar leicht negativ. Um mehr über die genauen Gründe des Zuwachses zu erfahren, führten sie eine zweite Studie, ein soge­nanntes „Priming“-Expe­ri­ment mit Immi­grant/inn/en durch. Dabei riefen sie in der Versuchs­gruppe die Erin­ne­rung an ihren inter­kul­tu­rellen Hinter­grund durch eine kleine Aufgabe aktiv ins Gedächtnis zurück. Bei der Kontroll­gruppe wurde dies unter­lassen. Der Unter­schied in der Fähig­keit, unter­neh­me­ri­sche Gele­gen­heiten zu finden, war mit 26 Prozent sogar noch größer als in der ersten Studie. Vor allem aber wurden die Erklä­rungs­hy­po­thesen bestä­tigt. „Zwei Effekte erklären die Wirkung von inter­kul­tu­reller Erfah­rung: Erstens kann man beste­hende, aber daheim noch nicht genutzte Produkte, Dienst­leis­tungen und Geschäftsm­o­delle aus dem Ausland über­t­ragen. Und zwei­tens verfügt man über mehr ‚Erfah­rungs­bau­steine‘, die man für krea­tive Neukom­bi­na­tionen, also Schum­peter’sche Inno­va­tionen nutzen kann“, erklärt Niko­laus Franke.

Ergeb­nisse prak­tisch umsetzen

Die Folge­rungen liegen auf der Hand: Soll das Niveau an Inno­va­tion und Unter­neh­mens­grün­dungen in Öster­reich zukünftig ange­hoben werden, ist die Erhöhung der inter­na­tio­nalen Mobi­lität ein beson­ders effek­tiver Ansatz­punkt. „Natür­lich bietet es sich auch an, die inter­kul­tu­rellen Erfah­rungen derje­nigen zu nutzen, die ohnehin zu uns kommen“, ergänzt Peter Vandor. „So können beispiels­weise auch Migrant/inn/en eine wich­tige Quelle für mehr Entre­pre­neurship sein.“ Das Forschungs­pro­jekt „See Paris and…found a busi­ness? The impact of cros­s-­cul­tural expe­ri­ence on oppor­tu­nity reco­gni­tion capa­bi­li­ties“ wird demnächst im Journal of Busi­ness Ventu­ring erscheinen, der welt­weit führ­enden wissen­schaft­li­chen Zeit­schrift im Bereich Entre­pre­neurship. Dr. Peter Vandor ist Leiter des Social Entre­pre­neurship Centers am Kompe­tenz­zen­trum für NPOs und Social Entre­pre­neurship. Er ist zudem Gründer des Social Impact Award, einer Initia­tive für junge Sozi­al­un­ter­nehmer in 10 Ländern. Univ. Prof. Dr. Niko­laus Franke ist Leiter des Insti­tuts für Entre­pre­neurship und Inno­va­tion sowie akade­mi­scher Direktor des MBA zu Entre­pre­neurship & Inno­va­tion von WU und TU und ist wissen­schaft­li­cher Leiter des WU Grün­dungs­zen­trums.

Working paper - See Paris...and found a business
Working paper - See Paris...and found a business


zurück zur Übersicht