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Wissenschaftliche Rezeption

Zur Rezeption auf wissenschaftlicher Ebene

Nach dem Ersten Weltkrieg war ein zunehmendes Echo auf die freiwirtschaftlichen Ansätze aus dem wissenschaftlichen Bereich wahrzunehmen. Ein ausgeprägtes Interesse zeigte die Redaktion der „Zeitschrift für schweizerische Statistik und Volkswirtschaft“, die 1920 die Ergebnisse einer Enquete über die Freigeldlehre präsentierte. Erste themenbezogene Dissertationen erschienen an Hochschulen in Deutschland und in der Schweiz..
(Bildquelle: Titelblatt, Irving Fisher: Auf dem Wege zum Freigeld. Über Geldwert-Theorien, Bern 1925)

Wenig freundlich war der Empfang jedoch in Österreich, wo der einflussreiche Ökonom und Sozialtheoretiker Othmar Spann den Gedanken des Freigeldes als „grotesk“ abkanzelte, da es „das Sparen sinnlos“ mache und somit die „Neubildung von Produktivkapital“ behindere. Im Blatt der Industriellenvereinigung, wo Spann seine rechtskonservative Ideologie verbreitete, wurde Silvio Gesell zudem als ein eigentumsfeindlicher Geist verunglimpft. Neutral bis zustimmend äußerten sich Robert Eisler und Richard Kerschagl, wobei Letzterer Gesell sogar „außerordentlich interessante“ Denkergebnisse zubilligte. Eine etwas breitere Anerkennung war nach dem Freigeld-Versuch in Wörgl festzustellen. Der „Österreichische Volkswirt“ berichtete darüber im Mai 1933, im Jahr darauf wurde an der Universität Innsbruck Alfred Hornungs Dissertation mit dem Titel „Das Ergebnis des Wörgler Schwundgeldversuchs“ angenommen. (An der Wiener Hochschule für Welthandel wurde die erste Dissertation zum Thema Freigeld erst 1948 vorgelegt.) In breiter Form beschäftigte sich Franz Oppenheimer 1935 mit der Geld- und Krisentheorie Gesells in der eingangs erwähnten Schweizer Fachzeitschrift. Ausgehend von einer klassischen Position, entwickelte Oppenheimer eine grundsätzlich andere Sicht auf das Geldwesen als Gesell, wobei er sich geldpolitischen Maßnahmen gegenüber grundsätzlich reserviert zeigt. Jedoch stimmt er mit Gesells Analyse des „Urzinses“ (als Resultat jener Vorteile, die das Geldwesen gegenüber dem Naturaltausch bietet) überein, ebenso hinsichtlich der prinzipiellen Bewertung des Zinsphänomens: „Der Zins bzw. der Profit ist nur zu erklären durch die Abzüge vom vollen Arbeitsertrag der Schaffenden, nur als ‚Mehrwert‘, wie auch Gesell es tut.“ Als weitgehend kongruent erweisen sich zudem die Einschätzungen bezüglich des Sayʼschen Theorems, das die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems geschickt verschleiert, und bezüglich des Faktors Grund und Boden. Aus den Reihen der international häufig zitierten Ökonomen kamen Stellungnahmen von Irving Fisher, John Maynard Keynes und Maurice Allais. Fisher vertrat eine monetäre Konjunkturtheorie, wobei er Gesell als einen Vordenker wertschätzte. Gesell habe entscheidende Beiträge zur Gestaltung einer stabilen Währung geliefert, wobei er sich als einer der Ersten dem Problem der Geldumlaufgeschwindigkeit zugewandt habe. Keynes lobte Gesells Einsichten im Hinblick auf die Vorzugsposition des Geldes gegenüber der Warenwelt und im Hinblick auf Funktionen des Zinses, der als entscheidender Faktor den Standard für das Wachstum des Realkapitals vorgebe. Keynes und Gesell stimmen besonders in ihren sozialphilosophischen Ergebnissen überein, die eine postkapitalistische Perspektive beinhalten. Nach Überwindung der Knappheitsverhältnisse im Realkapitalsektor würde die Macht des Kapitalrentners dahinschmelzen und der Mehrwert verschwinden, so die beiden unisono. Allais zögerte nicht, Gesells Konzept eine „bahnbrechende Wirkung“ zuzusprechen.

Literatur:
  • Maurice Allais: Economie et Intérèt, Paris 1947. Eugen Böhler: Freigeld – ein Weg aus der Krise?, Dissertation, Aarau 1933.

  • Dudley Dillard: Gesells Monetary Theory and Social Reform, in: The American Economic Review, (32) 2/1942, 348-352.

  • John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, München - Berlin 1936.

  • Fritz Levi: Die wissenschaftliche Begründung der Freigeldlehre, Dissertation, Bern 1934.

  • Im Anhang vollständig wiedergegeben: Franz Oppenheimer: Freiland – Freigeld. Kritik der Geld- und Krisentheorie Silvio Gesells, in: Zeitschrift für schweizerische Statistik und Volkswirtschaft, 71 (III) 1935, 313-343.