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Friedrich Salzmann in Wien

Einladung der Österreichischen Freiwirtschaftlichen Union zu einem Vortrag Friedrich Salzmanns von der Liberalsozialistischen Partei der Schweiz in Wien 1956

Österreich war nach 1945 mehrmals Schauplatz verschiedener Tagungen der Internationalen Freiwirtschaftliche Union. Zu den bekannten Gästen aus dem Ausland zählten Werner Zimmermann und Berta Heimberg. Durch ihre vielfältigen Verbindungen erhielten die alpenländischen Freiwirtschaftler/innen zahlreiche Anregungen, die einer Weiterentwicklung ihrer Ansätze dienlich waren. Die Abwehrhaltung gegenüber planwirtschaftlichen Strukturen, wie sie der Austrofaschismus und das NS-Regime hinterlassen hatten, erweckte eine Offenheit gegenüber neuen Konzepten, wie sie etwa von der deutschen Aktionsgemeinschaft soziale Marktwirtschaft hervorgebracht wurden.
(Bildquelle: Einladungsprospekt der ÖFU von 1956, Pierre Ramus-Archiv, Wien)

In Westdeutschland bildete sich zu Beginn der 1950er Jahre mit der Freiburger Schule der Nationalökonomie eine neue einflussreiche Denkrichtung heraus. Ihre Hauptvertreter Walter Eucken und Franz Böhm ventilierten das Konzept des Ordoliberalismus, nach dem die Marktwirtschaft mittels eines gesetzlich festgelegten Ordnungsrahmens umhegt werden soll. Insbesondere ging es dabei um eine antimonopolistische Ausrichtung der Ökonomie, die im Marktgeschehen die Freiheit der Bürgerschaft sichert. 1953 entstand im Milieu der Anhängerschaft Silvio Gesells die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM), die den Ordoliberalismus als wesentliche Neuerung begrüßte. Begründer war der ehemalige Freiwirtschaftler Otto Lautenbach. Nach dem Ableben Lautenbachs ein Jahr später übernahm der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Alexander Rüstow den Vorsitz in der ASM. Innerhalb des Kreises ergab sich in der Folge ein fruchtbares Zusammenwirken von unterschiedlichen ökonomischen Denkschulen (Ordoliberale, Gesellianer) mit Wirtschaftstreibenden und interessierten Laien. In Abgrenzung zur „freien Marktwirtschaft“ wurde das Ziel der „Sozialen Marktwirtschaft“ (Alfred Müller-Armack) formuliert, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auf der Basis von Wettbewerb und freier Initiative mit dem gesellschaftlichen Fortschritt zu verknüpfen (Verminderung sozialer Risiken, Ausbau des Wohlfahrtsstaates). Auf den Tagungen und in den Publikationen der ASM standen sowohl allgemeine weltanschauliche Aspekte als auch spezielle Fragen der Entwicklungszusammenarbeit, der Mittelstandpolitik oder der Agrarwirtschaft im Zentrum. Das Einsickern ordoliberaler Vorstellungen in die Freiwirtschaftsszene in Österreich vollzog sich allerdings nur langsam. In der Stellungnahme der ÖFU zum Vorentwurf für ein neues Programm der SPÖ vom März 1958 überwogen noch eindeutig die klassischen freiwirtschaftlichen Themen. Hingewiesen wurde auf die gewerkschaftsfreundliche und progenossenschaftliche Haltung der ÖFU, in Mittelpunkt aber standen die Forderung nach Bereitstellung eines reichlichen Kreditangebots sowie wohnbau- bzw. bodenpolitische Anliegen. Erst Anfang der 1960er Jahre trat in der österreichischen Freiwirtschaftsbewegung die antimonopolistische Ausrichtung im Sinne des Ordoliberalismus stärker hervor. Dies war aber bereits die Phase, in der die ÖFU und artähnliche Zirkel auf dem Abstellgleis landeten. Mit dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft vermochten sich auch andere Gruppen und Parteien anzufreunden. Nicht wenige der freiwirtschaftsorientierten Aktivist/innen traten wieder der Sozialdemokratie bei oder zogen sich ins Privatleben zurück. Im Jahr 1961 waren in ganz Österreich nur mehr rund 250 bis 300, im Raume Wien überhaupt nur noch 20 Personen für die freiwirtschaftliche Sache tätig. Der Bedarf an ökonomischen Reformkonzepten verminderte sich in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders spürbar. Die Investitionen stiegen, der Kapitalstock wuchs, und die Beschäftigungslage verbesserte sich in ungeahnter Weise. Im Bereich der Wirtschaftspolitik achtete man auf eine antizyklische Haushaltsgestaltung, die Wachstumsraten entwickelten sich in beeindruckender Weise, inflationäre Effekte konnten zunehmend unter Kontrolle gehalten werden. Erstmals seit in Österreich der Industrialisierungsprozess in Gang gekommen war, wurde ein breiter Massenkonsum möglich (Stichwort: Fordismus). Für die ÖFU hingegen waren die veränderten Gegebenheiten alles andere als günstig. Das erhöhte Freizeitangebot bedingte, dass nun vor allem junge Menschen fernblieben. Zweifellos aber verflachte auch der politische Diskurs. Die Bereitschaft, sich über grundlegende Dinge Gedanken zu machen und komplexe Themenfelder beackerten, verminderte sich spürbar. Im Bereich der Politik war man nun zunehmend an kurzfristig wirksamen „vorzeigbaren“ Erfolgen orientiert, die mediale Resonanz wurde wichtiger als mühsam erarbeitete Programme. In den 1960er Jahren wirkte die ÖFU etwas aus der Zeit gefallen. Ernst Dorfner und wenige andere versuchten den Funken am Leben zu halten, um später das Feuer neu entfachen zu können. Der Versuch, in den 1980er Jahren freiwirtschaftliches Gedankengut in ein grün-alternatives Milieu hineinzutragen, glückte teilweise. Auch ließ die zunehmende Krisenhaftigkeit der Wirtschaft das Interesse an Finanz- und Geldfragen wieder aufleben. Als die Österreichische Freiwirtschaftliche Union im Jahr 1988 aufgelöst wurde, begannen schon andere Gruppen an ihre Stelle zu treten.

Literatur:
  • Österreichische Freiwirtschaftliche Union: Unsere Stellungnahme zum Vorentwurf für ein neues Programm der SPÖ, Linz, 20. März 1958, vervielfältigtes Manuskript. Pierre Ramus-Archiv, Wien.

  • Österreichische Freiwirtschaftliche Union: Programm der Natürlichen Wirtschaft- und Sozialordnung, Linz 1962.

  • Gerhard Senft: Chronik einer Legende. Die Freiwirtschaftsbewegung in Österreich, in: Zeitschrift für Sozialökonomie, (28) 91/1991, 19-21.