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Geleitwort

FREIWIRTSCHAFTLICHE MARKIERUNGEN IN ÖSTERREICH 1860-1960.  Dokumentation einer sozialliberalen Bewegung

Zusammengestellt von Gerhard Senft

Werner Onken gewidmet

Geleitwort

Die Geschichte des Sozialliberalismus beginnt mit der Verbreitung der Lehre des britischen Ökonomen John Stuart Mill (1806-1873). Mill und seiner Anhängerschaft ging es darum, innerhalb eines marktwirtschaftlichen Gefüges neue Spielräume zu eröffnen, um so wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen gezielter Rechnung tragen zu können. Als eine Ausprägungsform des modernen Sozialliberalismus wandte sich die Freiwirtschaftsbewegung sowohl gegen das einseitig marktorientierte Manchestertum, als auch gegen die Formen einer Zwangswirtschaft, wie sie ökonomische Konzentrationsprozesse, Monopolbildungen und zentralistische Strukturen mit sich bringen. In Österreich bildete sich die Freiwirtschaftsbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf der Basis konkreter Problemlagen heraus. Wesentlich ging es dabei um die Finanzierung öffentlicher Haushalte und um die Gestaltung der Geldordnung. Nicht weniger bedeutend war die Frage des Zugangs zu natürlichen Ressourcen wie Grund und Boden (bzw. der Rohstoffe). Nach und nach wurde ein umfassendes Konzept entwickelt, das unter dem Etikett „Freiland – Freigeld – Festwährung“ Verbreitung fand. Damit verbundene Zielsetzungen waren, einerseits der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus entgegenzuwirken, andererseits die Grundlagen für eine faire Verteilung schaffen. Als Programm einer wirtschaftsoppositionellen Gruppe stand die Freiwirtschaft stets im Gegensatz zur neoklassischen Theorie, die ihre Hegemonie im Bereich der Wirtschaftswissenschaften im frühen 20. Jahrhundert zu entfalten begann. Die Differenzen resultierten aus unterschiedlichen Einschätzungen betreffend die Wirksamkeit geldpolitischer Maßnahmen und die wertschöpfende Funktion der Faktoren Arbeit, Kapital und Boden. Das freiwirtschaftliche Konzept baut darauf auf, dass Geldpolitik das realwirtschaftliche Geschehen positiv beeinflussen kann, dass aber die wertschöpfende Funktion allein dem Faktor Arbeit zuzurechnen ist. Auch hinsichtlich der methodischen Zugänge ließen sich keine Übereinstimmungen herstellen. Dem neoklassischen Ansatz, ökonomische Zusammenhänge quasi unter Labor-Bedingungen zu ergründen und so gewonnene Erkenntnisse auf die realen Verhältnisse zu übertragen, vermag die freiwirtschaftliche Seite nichts abzugewinnen.

Verschiedene Recherchen zur Freiwirtschaftsbewegung in Österreich haben eine Reihe von Materialien ans Licht gebracht, die nun im Rahmen einer virtuellen Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Die den Exponaten beigefügten Erläuterungen sollen aber nicht nur den historischen Kontext anschaulich machen, sondern auch eine Orientierungshilfe im aktuellen Diskurs um Komplementärwährungen, alternative Zahlungssysteme und Negativzinsen bieten. G. S. *