Vorlesen

Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon

Charles Fourier (1772-1837), Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865)

Als wichtige Impulsgeber hinsichtlich einer Erneuerung der Geldordnung und des Bankenwesens traten die französischen Frühsozialisten auf. Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon u. a. kritisierten die kapitalistischen Verhältnisse scharf. In Weiterführung der Ideen von 1789 wandten sie sich gegen die Ausbeutung in den Produktionsstätten, sie kämpften für eine Beseitigung des proletarischen Elends und forderten die Gleichheit aller Menschen. In der frühsozialistischen Strömung wird jedoch bereits eine Differenzierung erkennbar: Während Personen wie Fourier und Proudhon eine freiheitlich-individualistische Linie vertraten, bezogen sich ein Henri de Saint-Simon oder ein Louis Blanc auf eine zentralistisch und hierarchisch organisierte Gesellschaft, in der der Staat eine dominierende Rolle spielt.
(Bildquelle Fourier: Wikimedia Commons. Bildquelle Proudhon: Wikimedia Commons)

Als kritischer Sozialtheoretiker war Charles Fourier zahlreichen Schikanen von behördlicher Seite ausgesetzt. Seine Beteiligung an einem Aufstandsversuch in Lyon brachte ihm eine Haftstrafe ein. Nach der Konfiszierung des familiären Vermögens verarmt, musste er sich mit ungeliebten Tätigkeiten über Wasser halten. Obwohl es ihm nun verwehrt war, sich vollständig der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen, gelang es ihm, zahlreiche Werke zu veröffentlichen. Seine „Theorie der vier Bewegungen“ erschien 1808, im Jahr 1819 schloss er die achtbändige „Große Abhandlung“ („Grand traité“) ab. Zuletzt befasste er sich mit Fragen der Industrie und der Vergesellschaftung. Fourier geht davon aus, dass eine Harmonie des Zusammenlebens ohne unterjochende Momente möglich ist. Seinem Idealbild entsprach das sogenannte Phalansterium, eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die eine Fülle von sozialen Funktionen vom Schulwesen bis zur Altenbetreuung abdeckt. Fourier trat als einer der ersten für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, und er prägte den Begriff des Feminismus („Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet.“). Denker wie John Stuart Mill und Herbert Marcuse zeigten sich von Fourier beeindruckt. Die Kommuneexperimente der 1968er Generation bezogen sich ebenfalls wesentlich auf seine Vorstellungen. Im Gegensatz zu Fourier stammte Pierre-Joseph Proudhon aus sehr einfachen Verhältnissen. Ein Zugang zu Bildungsinstitutionen blieb ihm lange Zeit verwehrt. Sein Elan machte es ihm aber später möglich, vieles aufzuholen. Durch seine ökonomischen und sozialtheoretischen Schriften wurde er schließlich zu einem Vordenker des französischen Sozialismus und der internationalen Arbeiterbewegung. Aus seiner Kritik an den Auffassungen von Thomas Robert Malthus („ Der Tisch ist nicht für alle gedeckt“) entwickelte Proudhon das auf dem Prinzip gegenseitiger Unterstützung basierende Programm des Mutualismus (lat. mutuus = Gegenseitigkeit, Wechselseitigkeit). Eine antimonopolistische Ausrichtung der Wirtschaft soll die Grundlage eines guten Lebens für alle sichern. Solange das Privateigentum als Privileg oder als Monopol besteht, so Proudhons Überlegung, sei es als Diebstahl zu werten. Seinem föderalistischen Denken entsprechend plädierte er für dezentrale Organisationsformen bzw. für freiwillige Zusammenschlüsse in überschaubaren Einheiten. Die Selbstorganisationstätigkeit der arbeitenden Menschen sei völlig ausreichend, sodass Regierungsmaßnahmen überflüssig würden. Proudhons Vorschläge hinsichtlich eines Tauschbankensystems sahen die gleichrangige Zusammenführung von Arbeitserzeugnissen und monetären Mitteln vor. Zielsetzung war, dem Gelde die Vorzugsposition im ökonomischen Geschehen zu nehmen und gleichzeitig den Produktionsfaktor Arbeit aufzuwerten. Fouriers und Proudhons Einflüsse zeigten sich vor allem innerhalb der libertär-syndikalistischen Richtung.

Literatur:
  • Jacques Droz (Hg.): Geschichte des Sozialismus. Band II: Der utopische Sozialismus bis 1848. Band III: Sozialismus und Arbeiterbewegung bis zum Ende der Ersten Internationale, Frankfurt/M - Berlin - Wien 1972.

  • Iring Fetscher: Charles Fourier (1772-1837), in: Walter Euchner: Klassiker des Sozialismus. Band 1: Von Babeuf bis Plechanow, München 1991, 58-75.

  • Hans Manfred Bock: Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), in: Walter Euchner: Klassiker des Sozialismus. Band 1: Von Babeuf bis Plechanow, München 1991, 97-109.