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Freiwirtschaftliche Propaganda

In der Zeit der Weltwirtschaftskrise intensivierte sich die freiwirtschaftliche Propaganda. Hier: Flugblatt als Beilage zur Wochenzeitung „Freiwirtschaft. Österreichische freiwirtschaftliche Zeitung“ (Kitzbühel 1935-1938)

Mitte des Jahres 1930 wurde Österreich von den ökonomischen Erschütterungen im Gefolge des New Yorker Börsenkrachs von 1929 erfasst. Die „Große Depression“ zeigte ihre Auswirkungen in den verschiedensten Sektoren.
(Bildquelle: Titelleiste, Wochenzeitung, Flugblatt 1936, Pierre Ramus-Archiv, Wien)

Nicht nur, dass sich die Kreditversorgung durch die Zuspitzung der Probleme im Bankenapparat und durch erhebliche Kapitalabzüge verschlechterte, allein die spürbare Verminderung der Austauschbeziehungen zwischen den Ländern bereitete Anlass zur Sorge. In der Krisenphase 1929 bis 1933 reduzierte sich der gesamte Außenhandel Österreichs um rund zwei Drittel. Die Auswirkungen der kumulativen Deflation (einer sich hochschaukelnden Geldverknappung) schlugen sich auch in der Ertragslage der Landwirtschaft nieder. Durch zunehmende Verschuldung gerieten bäuerliche Betriebe in eine prekäre Situation, das Schrumpfen ihrer Vermögensbasis nahm oftmals existenzbedrohende Formen an. Die industrielle Erzeugung hatte schon in den 1920er Jahren unter einer hohen Schuldenlast, zu geringen Investitionen und bestehenden Überkapazitäten gelitten. Der Produktionsausstoß der alpenländischen Industrie verminderte sich in der Krisenphase um 38 Prozent. Die Betriebszusammenbrüche in Industrie und Gewerbe – zwischen 1929 und 1933 verdoppelte sich in Österreich die Zahl der Insolvenzen – ließen die Arbeitslosenzahlen rasant ansteigen. Innerhalb eines Jahres, von 1932 bis 1933, wuchs das Heer der Erwerbslosen von 468.000 auf 557.000 Personen an, was einer Arbeitslosenrate von 25,9 Prozent entsprach. Der Rückgang der Beschäftigung und der voranschreitende Lohnabbau schmälerten die Konsummöglichkeiten der Arbeitsbevölkerung beträchtlich, sodass sich die Deflationsspirale weiterdrehte. 1933 rutschte der Index des allgemeinen Geschäftsganges unter das Niveau von 1923, das Bruttonationalprodukt lag in diesem Jahr unter dem von 1913. Durch das erlahmende Wirtschaftsleben gerieten auch die öffentlichen Haushalte unter Druck. Zu Beginn der 1930er Jahre musste der österreichische Staat kurzzeitig die Bedienung seiner Auslandsschulden einstellen (Stichwort: Transfermoratorium). Die prozyklische Ausrichtung in der Wirtschaftspolitik kam durch die Einschränkungen im Bereich der Finanzpolitik und durch die restriktive Geldpolitik zum Ausdruck. Der Verzicht der Regierung auf gegensteuernde Maßnahmen hatte mit den in Österreich vorherrschenden Wirtschaftsideologien zu tun, die von der Wiener Schule der Nationalökonomie ins Spiel gebracht worden waren. Demnach sollte abwartend auf eine Beruhigung der Kapitalmärkte gesetzt und auf die „Selbstheilungskräfte des Marktes“ gehofft werden. Die Lohnsenkungen im Verein mit den Sparmaßnahmen im Staatshaushalt trugen jedoch wesentlich zur Verschärfung der Krise bei.

Literatur:
  • Dieter Stiefel: Die große Krise in einem kleinen Land. Österreichische Finanz- und Wirtschaftspolitik 1929-1938, Wien - Köln - Weimar 1988.

  • Fritz Weber: Vor dem großen Krach. Österreichs Banken in der Zwischenkriegszeit am Beispiel der Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe, Wien - Köln - Weimar 2016.