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Freiwirtschaft und Arbeiterbewegung

Freiwirtschaft und Arbeiterbewegung

Angesprochen waren mit dem libertär-sozialistischen Slogan „Nieder mit der Geldherrschaft“ die durch das Geldwesen herbeigeführten Defekte, die das Wirtschaftsleben zunehmend beeinträchtigten. Da sich die freiwirtschaftlichen Gruppen im Österreich der Zwischenkriegszeit überwiegend als „Bürgerinitiativen“ verstanden, traten sie nur in Ausnahmefällen wahlwerbend auf. Erwartungen setzte man in die Sozialdemokratie, in der man eine verbündete Kraft im Kampf etwa gegen eine falsche empfundene Anleihepolitik zu finden hoffte. Demgegenüber war die Abgrenzung zum Kommunismus deutlich schärfer konturiert, wurde die „Freiwirtschaft“ doch als Gegenstück zur „Zwangswirtschaft“ begriffen.
(Bildquelle: Zeitungsausschnitt, 29. Juli 1923)

„Christlichsoziale und Großdeutsche sind sich bereits darin einig geworden, jene letzten Reste von Österreichs Selbständigkeit an das ‚goldene Kalb’ auszuliefern“, war in den „Blättern“ des Freiwirtschaftsbundes im August 1922 zu lesen. Nun liege es an der sozialdemokratischen Partei, nachhaltig wirksame Schäden für die österreichische Wirtschaft auf politischer Ebene zu verhindern. Übersehen wurde dabei, dass die Sozialdemokratie soeben dabei war, sich innerhalb des kapitalistischen Systems „realpolitisch“ einzurichten. In der täglichen Praxis spielte die Kritik des prominenten Parteitheoretikers Rudolf Hilferding am Finanzmarkt-Kapitalismus so gut wie keine Rolle mehr (Vgl. „Das Finanzkapital“, 1910). In Wien erweiterte die regierende sozialdemokratische Partei die budgetären Spielräume der Gemeinde mittels einer innovativen Steuerpolitik, doch die unter Kontrolle der Stadtverwaltung stehende Zentralsparkasse machte nichts anderes, als private Spargelder auf finanzkapitalistische Mühlen umzulenken. Dass sich auf der Ebene der Parteiführung ein technokratischer Modernisierungskonsens verbreitete, war nicht mehr zu verkennen. Ein zentralistischer Zug in der Politik des Roten Wien zeigte sich auch in der Auseinandersetzung um die Siedlerbewegung, deren autonomer Status gezielt unterminiert und deren Vorhaben zurückgestutzt wurden, indem der Massenwohnbau auf die Form des „Volkswohnpalastes“ ausgerichtet wurde. Ein anderes Beispiel ist die sozialdemokratische „Arbeiterbank“, deren Betriebsaufnahme den ursprünglichen Intentionen der Arbeiterbewegung gänzlich zuwiderlief, wie Pierre Ramus als ein Vertreter der anarchistischen Arbeiterschaft anmerkte. Im Blatt „Erkenntnis & Befreiung“ schrieb er 1925: „Die Idee der ‚Arbeiterbank‘ ist etwas, das Robert Owen und Pierre-Joseph Proudhon wollten und zum Teil verwirklichten.“ Für beide sollte eine solche Institution ein Mittel sein, so Ramus weiter, den Kredit auf gesellschaftlicher Ebene zinslos zu organisieren, dem besitzlosen Proletariat die Anschaffung von Produktionsmitteln zu erleichtern, um so Arbeiterassoziationen zu fördern und dem Sozialismus durch eine öffentlich kontrollierte Kapitalbildung eine ökonomische Basis zu geben. Die als Aktiengesellschaft gegründete sozialdemokratische „Arbeiterbank“ hingegen habe nur den Zweck, das aus dem gewerkschaftlichen Bereich kommende Geld für „rein kapitalistische Verzinsungs- und Kreditgeschäfte“ zu verwenden. Hinsichtlich derartiger Einschätzungen stimmten Freiwirtschaft und Anarchismus weitestgehend überein. Völlig zu Recht hatte die sozialdemokratische Parteispitze Theoretiker wie Theodor Hertzka stets als „anarchistische Sozialisten“ abgetan. Dennoch wirkten Anhänger der Freiwirtschaft auch innerhalb der Sozialdemokratie – zum Teil sogar bis weit in die Phase der Zweiten Republik.

Literatur:
  • Gerhard Senft: Der moderne Anarchismus – mehr als eine Diskursgeschichte, in: Pierre Ramus, Gesammelte Werke, Band 1: Biographische Skizzen, Wien 2017, 9-80.