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Die Liberalsozialistische Union

Franz Newerkla und die Liberalsozialistische Union

Den mit der Herausbildung der Österreichischen Freiwirtschaftlichen Union (ÖFU) vorgezeichneten Trend zur politischen Mitte wollten nicht alle der Gesell-Anhänger mitvollziehen. Die von Franz Newerkla angeführte Liberalsozialistische Union grenzte sich gegenüber den gemäßigten Freiwirtschaftler/innen durch ein deutlich schärfer konturiertes Programm ab.
(Bildquelle: Flugblatt. Einladung der Liberalsozialistischen Union zu einer gemeinsam mit Ergokraten durchgeführten antimilitaristischen Veranstaltung 1955. Privatarchiv, Dr. Peter Newrkla)

Franz Newerkla (eigentl. Franz Newrkla, 1896-1973) stammte aus dem südmährischen Nikolsburg (Mikulov) in Tschechien. Während des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst eingezogen, geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Für die revolutionäre Erhebung 1917 entwickelte er starke Sympathien, wobei er sich vor allem für die Siedlungsexperimente der Umbruchszeit begeisterte. Die späteren Weichenstellungen hin zum autoritären Kommunismus konnte er jedoch nicht goutieren. Zurück in Österreich, tauchte er in die anarchoide Subkultur von Wien und Umgebung ein. Er verkehrte mit Aktivist/innen aus dem syndikalistischen Umfeld, mit Siedlungsbewegten sowie mit dem Personenkreis aus dem pazifistischen Lager. Die krisenhaften 1920er Jahre bescherten dem Agitator, der eine deutliche Hebung der Massenkaufkraft einforderte, nicht unerheblichen Zulauf. Der Mensch habe ein Recht auf Arbeit und Leben, so das Credo Newerklas, daher solle der Staat, wenn er nicht für Vollbeschäftigung zu sorgen imstande sei, Grundstücke an arbeitslose Familien abtreten, damit diese für ihr Auskommen selbst sorgen können. Als 1928 etwa 300 Kolonist/innen in der Wiener Lobau mit Rodungsarbeiten begannen, um Landflächen für Baugründe und für landwirtschaftliche Nutzung zu erschließen, befand sich Newerkla mitten unter ihnen. Dieses Projekt wurde zwar durch die öffentliche Hand abgesegnet, doch insgesamt überwog hinsichtlich der Verteilung von Grund und Boden eine restriktive Haltung. So schritt Newerkla, als ab 1930 die Arbeitslosenzahlen wieder rasant stiegen, mit Gleichgesinnten zu einer Bodenbesetzung im Bereich des Biberhaufenweges im Lobau-Gebiet. Innerhalb der Arbeitslosenbewegung war er zu dieser Zeit schon eine Art Kulturheld geworden. Er organisierte wöchentliche Zusammenkünfte, schlug „Notfront“ als Grußformel für Arbeitslose vor (analog zur „Rotfront“ der Kommunistischen Partei) und regte diverse Aktionen an. So wurden von der Galerie des österreichischen Parlaments Flugblätter abgeworfen, mit denen beschäftigungslose Personen auf ihre präkere Situation aufmerksam machten. 1931 verwirrte ein – wie man heute sagen würde – Flashmob die Wiener Polizei, als eine Gruppe Arbeitsloser mit Besen in der Hand eine Kehraktion in der Innenstadt durchführte. Die Staatsmacht schritt rasch ein, und die Beteiligten wurden wegen Störung der „öffentlichen Ordnung“ angezeigt. Auf Protestmärschen gaben sich die teilnehmenden Arbeitslosen durch weiße Armbinden zu erkennen und sie skandierten: „Wir sind arbeitswillig, aber arbeitslos.“ Newerkla übernahm im Selbsthilfeverband der arbeitslosen Österreicher die Rolle des Obmanns. Außerdem trat er als Herausgeber der „Arbeiter-Ausgabe. Unabhängiges Organ der Werktätigen und Arbeitslosen Österreichs“ auf (Nebentitel: Freies Volk, Nr. 1/1931. 1932: Organ der Arbeitslosen, Kolonisten und Werktätigen). Das Wochenblatt konnte nach seiner Gründung im Oktober 1931 jedoch nur bis März 1932 erscheinen. Nicht nur der „Arbeiter-Ausgabe“, auch dem Selbsthilfeverband war ein nur kurzes Dasein beschieden. Nachdem der Vorwurf aufgetaucht war, zu ungesetzlichen Handlungen (Landbesetzungen) aufzurufen, schritt einmal mehr die sich zuständig fühlende Behörde ein. In der Ära des Austrofaschismus wurde es still um Newerkla. Die Entwicklungen zwischen 1933 und 1945 waren seiner Vorstellungswelt diametral entgegengerichtet. Ein Rückzug in die innere Emigration fand allerdings nicht statt. Nachweislich war Newerkla als Teil des österreichischen Widerstandes gegen die NS-Herrschaft aktiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Newerkla zunächst bei den Freiwirtschaftlichen Sozialisten tätig. Eine Vereinigung mit den bürgerlichen Freiwirtschaftler/innen lehnte er ab und gründete stattdessen 1951 die Liberalsozialistische Union. Als Verbandsblatt wurde „Der Liberalsozialist“ ins Leben gerufen. Zwar bestand eine Art „Waffenstillstandsabkommen“ zwischen ÖFU und den Liberalsozialisten, doch ließen sich Spannungen nicht vermeiden. Jeden Samstag scharte Newerkla in Wien ein buntes Publikum um sich, wie Andreas Kreis berichtet: „Kriegsdienstgegner, Syndikalisten, Anarchisten“ – „20 bis 25 Leute“. (Andreas Kreis im Brief an Franz Prankl vom 17. April 1951. Pierre Ramus Archiv, Wien) Am Büchertisch lagen u. a. die Schriften des Libertären Pierre Ramus. Die Schwestergruppierung der Liberalsozialistischen Union, die Liberalsozialistische Partei der Schweiz, war bereits 1946 gegründet worden. Mandatare dieser Partei saßen von 1947 bis 1976 im eidgenössischen Parlament. Das Programm der Liberalsozialistischen Partei enthielt übrigens folgende bemerkenswerte Passage: „Der Sozialismus, wie [Pierre-Joseph] Proudhon und [Michail] Bakunin und später Gustav Landauer und Franz Oppenheimer ihn eigentlich wollten, erhielt mit Silvio Gesell seine Verwirklichungsmöglichkeit im Sinne der Wahrung, ja Mehrung der persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit.“ Die Liberalsozialistische Partei der Schweiz bestand bis 1990. Das Ablaufdatum der österreichischen Liberalsozialistische Union war deutlich früher angesetzt. Ihre Spur verlor sich bereits im Laufe der 1950er Jahre …

Literatur:
  • O. V.: Weiße Armbinden für die Arbeitslosen, in: Freiheit!, 25. Juni 1931, 4.

  • Liberalsozialistische Partei der Schweiz (Hg.): das Programm der Freiheit, erklärt am außerordentlichen Parteitag am 17. August 1947, ohne Ortsangabe.