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Johannes Ude

Johannes Ude und der Wirtschaftsverein für Österreich

Mit seiner Hinwendung zum autoritären Ständestaat hatte sich der politische Katholizismus in Österreich einige Fallstricke gelegt. Allerdings bestand innerhalb des katholischen Lagers auch eine Gruppe, die dem Austrofaschismus skeptisch bis ablehnend gegenüberstand. Dazu gehörte der christlichsoziale Gewerkschafter Franz Lifka (1901-1961) ebenso wie der Theologe Johannes Ude (1874-1965).
(Bildquelle: Plakat aus den frühen 1930er Jahren. Einladung zu Vorträgen von Johannes Ude. Privatarchiv, Dr. Peter Newrkla)

Im Rahmen der Tagung der Studienrunde katholischer Soziologen im Juni 1933 wurde der Austeritätskurs der Regierung Dollfuss kritisiert und für geldreformerisch inspirierte Selbsthilfeaktionen zur Belebung der Wirtschaft geworben. Die herausragendste Gestalt in diesem Kreise war ohne Zweifel Johannes Ude. Nach seinem Studium in Rom hatte sich Ude 1905 an der Universität Graz habilitiert. Er schloss weitere Studien an und erwarb insgesamt vier Doktorate. Etwa zeitgleich mit dem Antritt seiner ersten Stelle als außerordentlicher Universitätsprofessor begann er sich mit lebensreformerischen Ansätzen zu befassen. Während des Ersten Weltkrieges im Sanitätsdienst, wirkte er nach 1918 mehrere Semester als Dekan der Grazer Hochschule, wo er auch eine umfangreiche publizistische Tätigkeit entfaltete. In diese Phase fiel auch seine beginnende Beschäftigung mit freiwirtschaftlichem Gedankengut. Der vom ihm 1926 mitbegründete Wirtschaftsverein für Österreich verknüpfte antikapitalistische Muster der Romantischen Schule der Nationalökonomie (Adam Müller) mit freiwirtschaftlichen Positionen. In den oberen Rängen der Kirchenhierarchie wurde Udes politisches Engagement mit zunehmendem Befremden aufgenommen. Bereits für die erste größere Wahlauseinandersetzung musste er seine Kandidatur zurückziehen. Bei den Wahlen im April 1927 konnte der Wirtschaftsverein zwar kein Mandat für den Nationalrat erringen, doch eroberte er zwei der Sitze im steirischen Landtag. In der Folge wurde Udes abweichendes Verhalten immer mehr durch Redeverbote und durch Einschränkungen seiner Lehrtätigkeit sanktioniert, bis er 1934 an der Universität „beurlaubt“ wurde. Die zunehmende Isolierung trug zweifellos dazu bei, dass er nun auf die „braune Karte“ setzte und die „Anschluss“-Bewegung unterstützte. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1938 wurde ihm der verbrecherische Charakter des neuen Regimes jedoch sehr bald klar. Anlässlich der Novemberpogrome verfasste er Protestnoten, die auch in der Emigrantenpresse Widerhall fanden. Ude geriet nun selbst in die Fänge des NS-Regimes. Als Universitätslehrer dauerhaft in den Ruhestand versetzt, wurde er 1939 erstmals festgenommen, nachdem er von der Kanzel herab die NS-Politik angegriffen hatte. Es folgten weitere Verhaftungen, zuletzt 1944, nachdem er wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Feindbegünstigung“ angezeigt worden war. Zu dem Gerichtsverfahren, das für Ude ein sicheres Todesurteil bedeutet hätte, kam es wegen des Kriegsendes nicht mehr. Nach 1945 nahm Ude seine Publikationstätigkeit wieder auf. Er schrieb u. a. über Vegetarismus, Tierrechte und die Gefahren der Atomkraft. Noch einmal suchte er die Wahlauseinandersetzung, seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten 1951 brachte aber ein enttäuschendes Ergebnis. Sein Hauptbetätigungsfeld war inzwischen ohnehin der Antimilitarismus geworden, wobei er sich u. a. mit dem bekannten Pazifisten Otto Friedländer gemeinsam in der von Bertha von Suttner 1890 gegründeten Friedensgesellschaft engagierte.

Literatur:
  • Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Frankfurt - Berlin - Brüssel - New York - Oxford - Wien 2002.

  • Ulrich L. Lehner: Johannes Ude – Maverick and Visionary, in: Johannes Ude: Thou Shall Not Kill, Eugene 2016, ix-xiii.