npoInterview - Werner Kerschbaum spricht mit Bernhard Drumel
In den Newslettern von npoAustria habe ich in den vergangenen Jahren unter der Rubrik 'Alt, aber gut' Klassiker aus der Managementliteratur vorgestellt.
Nun geht es aber um aktuellere Themen, denn für die vielen Leser:innen des Newsletters von npoAustria ist es natürlich auch interessant, Einblicke in die Arbeits- und Gedankenwelt von Spitzenvertreter:innen des gemeinnützigen Sektors zu bekommen.
Diesmal bei uns zu Gast:
Dr. Bernhard Drumel, Geschäftsführer der CONCORDIA Sozialprojekte GmbH (seit 2020)
© CONCORDIA Sozialprojekte Gemeinnützige Privatstiftung
Dr. Bernhard Drumel, gelernter Jurist mit Kärntner Wurzeln, weist eine langjährige Erfahrung im Management von internationalen Organisation auf, wie als Naturschutzdirektor beim WWF Österreich (1996-2001), Geschäftsführer von Greenpeace CEE (2001-2006) und globaler Fundraising- und Development Director bei Greenpeace International (2006-2010). Von 2010 bis 2020 unterstützte Drumel als Strategieberater (www.drumel.org) Führungsteams von nationalen und internationalen Organisationen. Seit 2020 ist er Geschäftsführer der CONCORDIA Sozialprojekte GmbH.
Drumel: "Ich finde es beschämend, dass es mitten in Europa noch immer Länder gibt, in denen fast die Hälfte der Kinder von existenzieller Armut bedroht sind. Seit vielen Jahren legt CONCORDIA Hand an, wo die Not am größten ist. Diese Mission werde ich mit all meiner Kraft vorantreiben. Kein Kind darf zurückgelassen werden."
CONCORDIA Sozialprojekte ist ein Verbund aus einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in Wien und sechs - ebenfalls gemeinnützigen - Schwester-Organisationen in Rumänien, Bulgarien, Kosovo, der Republik Moldau, Deutschland und der Schweiz. Als international tätige, unabhängige Hilfsorganisation sieht CONCORDIA Sozialprojekte ihren Kernauftrag in der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus extremer Armut in ein selbstbestimmtes Leben ohne Ausgrenzung. CONCORDIA Sozialprojekte sind überwiegend spendenfinanziert, mit jeweils über 500 Mitarbeiter/innen und Volontären.
1. Fragen zum gemeinnützigen Sektor
Was war für Sie die wichtigste/wirkungsstärkste Entwicklung der letzten Jahre im gemeinnützigen Sektor?
Die Gründung bzw. Stärkung von Dachverbänden für den Sektor (v.a. Bündnis Gemeinnützigkeit, AG Globale Verantwortung, Fundraising Verband Austria), die in herausfordernden Zeiten unsere Stimme und Interessen hörbarer und konsistenter zum Ausdruck gebracht haben.
Welche Risiken/Chancen sehen Sie für den NPO-Sektor in der Zukunft?
Ich sehe drei Hauptrisiken, die sich leider bereits in vielen Ländern Europas und weltweit manifestieren: Die Einengung unseres demokratischen Handlungsspielraums, den Verlust des Vertrauens in der Bevölkerung durch populistische Smear-Kampagnen bzw. eigenes Fehlverhalten, das an die Substanz geht.
Als größte Chancen sehe ich, dass die Notwendigkeiten in der Gesellschaft für unsere Arbeit größer werden und viele Organisationen in den letzten Jahren ihre Qualität, Wirkung und Professionalität gesteigert haben. Wir haben die Kraft, die Erfahrung und - noch immer - das Vertrauen, den Staat in der Unterstützung der Bedürftigen unter die Arme zu greifen bzw. als Anwalt für alles, was zählt im Gemeinwesen aufzutreten.
Wenn Sie für einen Tag alle Möglichkeiten hätten - zum Beispiel als verantwortliche Ministerin oder Bundeskanzlerin - welche Maßnahmen würden Sie jedenfalls umsetzen?
Eine nicht ungefährliche Frage, weil Macht immer Kontrolle und Demokratie damit ihre Zeit braucht. Bei ausreichend Zeit würde ich die Stärkung der Menschenwürde in der Verfassung als bindendes Leitprinzip einführen, an dem sich das gesamte Staatshandeln zu orientieren hat. Und dieses Prinzip dann konsequent umsetzen.
2. Fragen zur eigenen Organisation
Was ist Ihrer Organisation in der jüngeren Vergangenheit besonders gut gelungen?
Ich glaube, wir können stolz darauf sein, dass CONCORDIA in den letzten Jahren ihre Wirkung massiv erhöhen konnte, um Kinder aus extremen Armutsregionen Europas in Richtung selbstbestimmter Zukunft zu unterstützen. Wir haben ein holistisches Tageszentrumsmodell entwickelt, das in allen Armuts- und Krisenregionen funktionieren kann, unsere Academia hat die Professionalität im Sektor gestärkt und unser Kinderschutz-System ermöglicht ein ständiges und konsequentes Hinschauen. Ein exemplarischer Indikator aus dem letzten Jahr, der uns besonders freut: 98% unserer betreuten Kinder haben letztes Jahr das Schuljahr erfolgreich abgeschlossen.
Welche Themen/Schwerpunkte werden in nächster Zukunft in Ihrer Organisation eine besonders hohe Priorität genießen?
1. Unseren neuen Leitsatz 'Children shaping futures' konsequent umzusetzen. Wir haben gelernt: Kinder und Jugendliche, selbst in extrem schwierigen Verhältnissen haben die Lebenskraft, die Neugier und den Werkzeugkoffer in sich. Wir unterstützen sie dabei, diese zu aktivieren und das Vertrauen in sich zu stärken. Und ihre Stimme zu erheben, als Individuen und aktive Bürger*innen. Dies erfordert einen egalitären Engagement-Ansatz.
2. Gemeinden und Organisationen in Armutszentren zu unterstützen, unser wirksames Tageszentrums-Modell aufzubauen und umzusetzen. Wir führen 20 dieser Tageszentren in 5 Ländern selbst, in Zukunft wollen wir in anderen Regionen und Ländern aufbauen helfen und dann übergeben. Dieses 'Social Franchise' setzen wir gerade in Rumänien das erste Mal um und wird unser Programm-Entwicklungsmodell für die Zukunft.
3. Unser Einnahmenportfolio weiter zu stärken, das uns ermöglicht, unsere Programme zu finanzieren. Wir können derzeit ca. auf ein Drittel Einzelspender*innen, ein Drittel Privatstiftungen und Unternehmen und ein Drittel institutionelle Förderungen zählen. Alle drei Pfeiler stehen gerade - ich glaube für den gesamten Sektor - unter Druck und auch wir müssen ständig dranbleiben.
Wie würden Sie die Schlüsselkompetenzen/Alleinstellungsmerkmale Ihrer Organisation definieren?
Unser Tageszentrumsmodell steht auf acht starken Pfeilern (Schaffung von Safe Spaces, Individuelles Case Management, Multidisziplinäre Teams, Community Outreach, Elternschule, Partizipation, Lokale Partnerschaften und ständige Qualitätskontrolle). Wir glauben daran, dass es eines der wirksamsten Interventionsmodelle ist, um Kinder aus dem Teufelskreis der Armut in eine bessere Zukunft zu begleiten.
Was sind die zentralen Werte in Ihrer Organisation?
Herzensverbindung, Commitment, Mut und der feste Glaube, dass jedes Kind eine Chance verdient.
Wenn jemand Fremder zum ersten Mal in Ihre Organisation kommt, was würde ihm besonders auffallen?
Hier in Wien im CONCORDIA-Haus kommt man gleich mal mitten ins Geschehen, im Erdgeschoss an unserem Lern- und Familienzentrum vorbei, in dem jeden Tag ca. 70 Kinder, Jugendliche und Frauen mit Fluchterfahrung aus über 20 Ländern betreut werden. An den Wänden sind unsere Werte gezeichnet. Wenn man in die nächsten beiden Stockwerke geht, begleiten Bilder von Kindern aus unserer Betreuung in ihrer Lebendigkeit den Aufstieg. Wir hören immer wieder, dass dies einladend wirkt und gleich mal unsere Mission sicht- und spürbar macht.
3. Fragen zur Person/Steckbrief
Von wem haben Sie am meisten gelernt?
Ich hatte das Glück, immer wieder Mentor*innen an meiner Seite zu wissen, die mich an der Hand genommen haben.
Am meisten gelernt für meine internationale Arbeit haben ich wohl vom internationalen Geschäftsführer von Greenpeace Gerd Leipold, in meiner Zeit als internationaler Direktor in der globalen Zentrale. Er hat mich ständig herausgefordert, und nicht immer angenehm. Aber vieles von meinem Rüstzeug habe ich aus dieser Zeit.
Jetzt lerne ich gerade täglich bei meiner Co-Geschäftsführerin Conny Burtscher, die mir ein Vorbild im Leitsatz 'Clear is kind' ist.
Welches Buch oder welchen Film empfehlen Sie den Leser:innen des npoAustria Newsletter?
Buch: Never let me go von Kazuo Ishiguro, weil die Fragilität des Heranwachsens und von Verbindungen in einer dystopischen Welt so tief berührend erzählt wird.
Film: A Perfect Day, weils den innewohnenden Heldenmythos im Sektor augenzwinkernd und tief behandelt.
Was regt Sie besonders auf?
Viel:
Ignoranz von jenen, die es wissen müssten.
Raffgier.
Alte Dominanzmuster.
Spielen mit niedrigen Instinkten zur Machtgewinnung.
Womit können andere Menschen Ihnen eine Freude bereiten?
Aufmerksamkeit und Zeit füreinander in Zugewandtheit.
Wenn Sie nur noch kurze Zeit zum Leben hätten, was möchten Sie jedenfalls noch erledigen?
Jeden Tag im Moment geniessen unter den Menschen, die ich liebe.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die ihr Berufsleben gerade starten?
Vertraut auf euch und versucht es auf viele Arten. Und wenn ihr mal stolpert, Krone richten und weitergehen.
Was ist Ihr persönliches Lebensmotto bzw. Ihr Leitspruch?
Serenity Prayer von Reinhold Niebuhr:
Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
4. Allgemeines
Was ich jedenfalls noch sagen wollte...
Genug gesagt. Danke fürs Lesen. Bitte bleiben Sie CONCORDIA und den vielen tollen Organisationen im Sektor gewogen.
Ich bedanke mich sehr herzlich bei Herrn Dr. Bernhard Drumel, dass er sich die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten.
Werner Kerschbaum