NPO-Institut (Verein)

npoInterview - Werner Kerschbaum spricht mit Constance Schlegl

In den Newslettern von npoAustria habe ich in den vergangenen Jahren unter der Rubrik  'Alt, aber gut' Klassiker aus der Managementliteratur vorgestellt.

Nun geht es aber um aktuellere Themen, denn für die vielen Leser:innen des Newsletters von npoAustria ist es natürlich auch interessant, Einblicke in die Arbeits- und Gedankenwelt von Spitzenvertreter:innen des gemeinnützigen Sektors zu bekommen.

Diesmal bei uns zu Gast:

Constance Schlegel Portrait

Constance Schlegl, MPH


© Physio Austria - Hechenberger

Constance Schlegl, MPH ist Präsidentin von Physio Austria. Seit hat diese Position seit 2018 inne und übt diese Tätigkeit mittlerweile hauptamtlich aus. Davor war sie bereits viele Jahre in verschiedenen Funktionen als Landesverbandsvorsitzende in Wien und Niederösterreich und Koordinatorin des fachlichen Netzwerks Geriatrie sowie Mitglied des Präsidiums tätig. Sie ist seit 2001 Physiotherapeutin und war sowohl angestellt im Hanusch Krankenhaus Wien als auch seit 2006 freiberuflich als Vertagstherapeutin tätig. Sie hat ein Masterstudium im Bereich Public Health abgeschlossen und vertritt mit dieser Expertise die Physiotherapie auf berufspolitischer Ebene.

Sie ist in verschiedenen nationalen und internationalen Gremien, wie zum Beispiel der Plattform Patientensicherheit, der Österreichischen Gesellschaft für Public Health, der Österreichischen Gesellschaft für Case und Care Management sowie dem Weltverband der Physiotherapie – World Physiotherapy – aktiv. 
 
 

1. Fragen zum gemeinnützigen Sektor

 
Was war für Sie die wichtigste/wirkungsstärkste Entwicklung der letzten Jahre im gemeinnützigen Sektor?

Angesichts des mehrjährigen Krisenmodus (Pandemie, Inflation, geopolitische Krisen) ist es besonders erstaunlich, dass die wirkungsstärkste Entwicklung der letzten Jahre eindeutig die Professionalisierung & Digitalisierung des gemeinnützigen Sektors ist. Beide Entwicklungen sind auch im Gesundheitsbereich höchst relevant. NPO sind strategischer und agiler geworden. Die Digitalisierung ist auch die Grundlage dafür geworden, Prozesse zu professionalisieren und bei rückläufigen Ressourcen mehr Effizienz und Wirkung zu erreichen.
 

Welche Risiken/Chancen sehen Sie für den NPO-Sektor in der Zukunft?

Die partnerschaftliche und gleichberechtigte Zusammenarbeit der Öffentlichen Hand, der Privatwirtschaft und des Dritten Sektors – die so genannten Public-Social-Private Partnerships (PPSP) – ist angesichts verändernder wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen immer wieder gefordert. Veränderungen im ökonomischen (Strukturwandel, Fachkräftemangel etc.), ökologischen (Klimawandel, Hitzeperioden, Artensterben) und sozialen System (Armutsgefährdung, Alterung der Gesellschaft etc.) sind die großen Herausforderungen. Der Klimawandel, die Armutsgefährdung und der demografische Wandel sind auch für das Gesundheitswesen evidente Themen. Der Zusammenhalt und die Lösungsorientierung der PPSP-Partnerebenen entscheiden über die Resilienz unserer Gesellschaft.

 
Wenn Sie für einen Tag alle Möglichkeiten hätten - zum Beispiel als verantwortliche Ministerin oder Bundeskanzlerin - welche Maßnahmen würden Sie jedenfalls umsetzen?

Die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Prävention im Gesundheitssystem deutlich mehr Relevanz hat. Die Prävention und Frühintervention im Leistungskatalog (Bewegung, Ernährung, mentale Gesundheit) ausweiten und niederschwelligen Zugang zu Therapieleistungen stärken. Damit einhergehend Maßnahmen für mehr soziale Teilhabe umsetzen. 

 
 

2. Fragen zur eigenen Organisation

 
Was ist Ihrer Organisation in der jüngeren Vergangenheit besonders gut gelungen?

Wir konnten in den vergangenen Monaten die Positionierung der Physiotherapie deutlich stärken. Zwei Studien belegen die hohe Versorgungswirksamkeit sowie auch die wirtschaftliche Relevanz der drittgrößten Berufsgruppe im Gesundheitsbereich. Der Wert der Physiotherapie für eine gesunde Gesellschaft ist evident. Physiotherapie ist unverzichtbarer Bestandteil der Gesundheitsförderung, Prävention, Krankenbehandlung und Rehabilitation. Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung, Economica, hat ergeben, dass die Bruttowertschöpfung der Physiotherapie über 1,1 Mrd Euro beträgt. Abseits dieser Zahlen ist Physio Austria als Berufsverband zentraler Ansprechpartner der Stakeholder im Gesundheitsbereich.
 

Welche Themen/Schwerpunkte werden in nächster Zukunft in Ihrer Organisation eine besonders hohe Priorität genießen?

Das Positionspapier von Physio Austria enthält klare Forderungen. Wir werden alles daran setzen, dass die gesetzliche geregelte Einbindung in die Versorgungsplanung kommt; dass Physiotherapie in den Eltern-Kind-Pass integriert wird; dass Physiotherapie an ELGA angebunden wird und last but not least die Etablierung des Berufsverbandes als gesetzliche Interessenvertretung. 21,8% der Bevölkerung nutzen Physiotherapie, Tendenz steigend.

 
Wie würden Sie die Schlüsselkompetenzen/Alleinstellungsmerkmale Ihrer Organisation definieren?

Von den mittlerweile knapp 20.000 Physiotherapeut*innen sind über 7.500 Mitglied bei Physio Austria. Mit unseren Qualitätsstandards stärken wir die Patient*innensicherheit durch die Leistungserbringung von bestens qualifizierten Physiotherapeut*innen als Angehörige eines gesetzlich geregelten Gesundheitsberufs. Physio Austria steht für Qualitätssicherung und für die Entlastung des Gesundheitssystems. Wir sind Informationsdrehscheibe, starke Interessenvertretung und Koordinator der Interessen der Physiotherapeut* innen.

 
Was sind die zentralen Werte in Ihrer Organisation?

Physio Austria steht für Qualität in der Physiotherapie und verfolgt das Ziel der optimalen Patient*innenbehandlung durch gut aus- und weitergebildete Physiotherapeut:innen, die sich ihrer Rechte und Pflichten und ihrer Verantwortungs- und Tätigkeitsbereiche bewusst sind. Die Funktionär*innen des Vereins sind selbst Physiotherapeut*innen und engagieren sich ehrenamtlich für bestmögliche Rahmenbedingungen für ihre Berufskolleg*innen.


Wenn jemand Fremder zum ersten Mal in Ihre Organisation kommt, was würde ihm besonders auffallen?

Dieses bundesweite Engagement von ehrenamtlichen Funktionär*innen, die sich geschlossen für die Interessen dieses wunderschönen Berufes einsetzen. Sie alle tragen dazu bei, dass Physiotherapie als unverzichtbarer Bestandteil der Gesundheitsversorgung immer fester verankert wird.

 
 

3. Fragen zur Person/Steckbrief

 
Von wem haben Sie am meisten gelernt?

In meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin und beim Masterstudium Public Health konnte ich von vielen Lehrenden wichtiges lernen. Ich lerne von vielen Kolleg*innen im Gesundheitsbereich täglich dazu. Auf privater Ebene habe ich in meiner Familie und bei meinen Freund*innen viele inspirierende Menschen. 


Welches Buch oder welchen Film empfehlen Sie den Leser:innen des npoAustria Newsletter?

Film: „Springsteen – Deliver Me From Nowhere“ – die Musik von Bruce Springsteen begleitet und inspiriert mich schon sehr lange. Ich war im vorigen Jahr sehr begeistert, dass dieses Musikdrama erschienen ist.

Buch: Ein Buch der Steirer Autorin Barbara Frischmuth: Das Verschwinden des Schattens in der Sonne.  

 
Was regt Sie besonders auf?

Illoyalität, Missbrauch von Vertrauen
 
Womit können andere Menschen Ihnen eine Freude bereiten?

Gemeinsam Musik machen. Ich spiele Bassgitarre in einer Band und bin jedes Mal begeistert, wenn bei unseren Konzerten der Rock- und Blues-Funke überspringt.
 
Wenn Sie nur noch kurze Zeit zum Leben hätten, was möchten Sie jedenfalls noch erledigen?

Innige und empathische Momente mit den mir liebsten Menschen haben. 

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die ihr Berufsleben gerade starten?

Stets neugierig bleiben und auch immer wieder den Mut haben, manche Dinge zu hinterfragen.

Was ist Ihr persönliches Lebensmotto bzw. Ihr Leitspruch?

Da halte ich es mit der großartigen Sängerin Ella Fitzgerald: „Gib niemals auf, für das zu kämpfen, was du tun willst. Mit etwas, wo Leidenschaft und Inspiration ist, kann man nicht falsch liegen.“
 
 

4. Allgemeines
 

Was ich jedenfalls noch sagen wollte... 

… immer in Bewegung bleiben.
 

 
 

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Frau Constance Schlegl, MPH, dass sie sich die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten.

Werner Kerschbaum
 

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