Erfolg neu denken: Warum wir im Nonprofit-Sektor mehr als Wirkung messen müssen
von Florentine Maier
Was macht den Erfolg einer Nonprofit-Organisation wirklich aus?
Diese Frage begleitet unsere Arbeit seit Jahrzehnten – und sie ist heute aktueller denn je. Denn NPOs stehen zunehmend unter Druck, ihre Wirksamkeit gegenüber Fördergebern, Politik und Öffentlichkeit nachzuweisen.
Doch die gängigen Antworten greifen oft zu kurz. Die aktuelle Studie des Instituts für Nonprofit Management und Governance an der WU Wien zeigt: Erfolg im Nonprofit-Sektor ist kein eindimensionales Konzept. Erfolg ist facettenreich und auch abhängig davon, wer ihn bewertet.
Ein Blick in die Praxis: Was für Führungskräfte wirklich zählt
Basierend auf den Einschätzungen von 861 Führungskräften aus Nonprofit-Organisationen in Wien, Shenzhen und San Francisco haben wir untersucht, welche Erfolgsindikatoren für sie in der Praxis tatsächlich relevant sind. Trotz unterschiedlicher institutioneller Kontexte zeigt sich ein erstaunlich klares Bild: Nonprofit-Leader denken Erfolg breit – und deutlich differenzierter als viele klassische Messmodelle.
Zwar spielen vielbeachtete Faktoren wie Effektivität, Effizienz und Wirkung eine wichtige Rolle. Doch sie sind nur ein Teil des Ganzen. Entscheidend ist vielmehr ein Zusammenspiel aus vier Dimensionen:
Interne Handlungen (z. B. strategische Umsetzung, Ressourceneinsatz)
Externe Handlungen (z. B. Zielerreichung, gesellschaftliche Wirkung)
Interne Beziehungen (z. B. Teamzusammenhalt, Inklusion)
Externe Beziehungen (z. B. Vertrauen von Stakeholdern, Kooperationen)
Diese zweidimensionale Logik – innen/außen und Handlung/Beziehung – ermöglicht ein umfassenderes Verständnis von Erfolg, das die Realität organisationaler Praxis besser abbildet.
Zwei blinde Flecken der Forschung
Besonders bemerkenswert ist, dass zwei zentrale Erfolgsdimensionen bislang in der Forschung stark unterschätzt wurden:
Erstens die Qualität der Beziehungen innerhalb der Organisation: Aspekte wie Zusammenhalt, Vertrauen oder soziale Inklusion sind aus Sicht vieler Führungskräfte erfolgsentscheidend, spielen in externen Evaluationen aber kaum eine Rolle.
Zweitens das tatsächliche Nutzungsverhalten externer Stakeholder: Oft ist die größte Herausforderung für NPOs nicht die Entwicklung wirkungsvoller Maßnahmen oder die effiziente Erbringung dieser Maßnahmen, sondern vielmehr die Motivation der Zielgruppe, diese Angebote auch anzunehmen. In der Literatur zum Thema Wirkungsmessung wurde dieser Herausforderung bisher verhältnismäßig zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Diese Erkenntnisse fordern uns heraus, unsere Messsysteme zu überdenken. Denn was nützt eine perfekt geplante Intervention, wenn dabei die Arbeitsbedingungen im Inneren der NPO schlecht sind, oder das Angebot von jenen, die am meisten davon profitieren würden, nicht angenommen wird?
Vom Messen zum Verstehen
Die Debatte um Wirkungsmessung hat den Nonprofit-Sektor zweifellos vorangebracht. Doch sie hat auch zu einer Verengung geführt. Wenn wir Erfolg ausschließlich über Output oder Impact definieren, übersehen wir zentrale Voraussetzungen nachhaltiger Wirkung: funktionierende Organisationen und tragfähige Beziehungen.
Unsere Ergebnisse zeigen deutlich: Erfolgreiche Nonprofits sind nicht nur effektiv – sie sind auch sozial eingebettet, intern resilient und extern anschlussfähig.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Führungskräfte bedeutet dies, Erfolg breiter zu denken und auch „weiche“ Faktoren systematisch zu berücksichtigen. Für Fördergeber heißt es, Bewertungsmaßstäbe zu hinterfragen und Raum für differenzierte Erfolgslogiken zu schaffen. Und für die Forschung eröffnet sich die Chance, bestehende Modelle weiterzuentwickeln.
Denn letztlich geht es nicht darum, weniger zu messen – sondern das zu messen, was für eine spezifische NPO relevant ist.
Ein neuer Blick auf Erfolg
Wenn wir den Nonprofit-Sektor stärken wollen, müssen wir akzeptieren: Erfolg ist mehr als Wirkung. Er entsteht im Zusammenspiel von Handeln und Beziehungen, von innen und außen. Darin liegt die Stärke und Zukunft unserer Organisationen.
Über die Autorin
Univ. Doz.in Dr.in Florentine Maier forscht zu den Auswirkungen demokratischer und betriebswirtschaftlicher Formen des Organisierens, sowie zu den Möglichkeiten der Integration beider Formen zur Stärkung organisationaler und organisationsübergreifender Governance. Ihr Forschungsgegenstand sind vor allem Genossenschaften und Non-Profit-Organisationen. Im Rahmen des Civic Life of Cities Lab untersucht sie Zivilgesellschaft in Städten. Sie unterrichtet Studierende und PraktikerInnen zu allgemeinen und Nonprofit-Management-Themen, derzeit mit besonderem Fokus auf Nachhaltigkeitstransformation und psychosoziale Resilienz angesichts der Vielfach- und Dauerkrise.
Vor ihrer Habilitation in Betriebswirtschaftslehre (2018) absolvierte sie ein Doktoratsstudium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Personalmanagement sowie ein Masterstudium der Handelswissenschaften und der chinesischen Sprache an der WU. Darüber hinaus studierte sie Sinologie und Chinesische Sprache an der Universität Wien und der Dr. Sun Yat-Sen University (Volksrepublik China) und war Fulbright Visiting Scholar an der Universität Stanford.