Charakteristika der Zeitverwendung
Clara Himmelbauer, Yamna Krasny und Karin Heitzmann (2025)
Im Forschungsprojekt „Charakteristika der Zeitverwendung im Kontext von Armut, Mobilität und intergenerationalen Zeitverwendungsmustern“ führten wir detaillierte empirische Auswertungen der österreichischen Zeitverwendungserhebung 2021/22 durch und verknüpften diese systematisch mit einer Reihe weiterer Datensätze. Einen besonderen Fokus legen wir – neben den Hauptkategorien Zeitarmut, Mobilität und intergenerationale Zeitverwendungsmuster – auf Genderfragen und die Verteilung der Zeitnutzung zwischen Frauen und Männern.
Der erste zentrale Fokus unseres Projektes war die Untersuchung von Zeitarmut, welche als ein Mangel an Freizeit definiert wird. Wir erfassten empirisch, wie viele Menschen und welche sozioökonomischen Gruppen besonders von Zeitarmut betroffen sind. In Österreich sind etwa 19% der Bevölkerung ab 10 Jahren zeitarmutsgefährdet, wobei Frauen (mit 20,6%) überproportional betroffen sind. Auch andere soziodemographische Merkmale spielen eine Rolle: besonders häufig von zeitarm sind Frauen im mittleren Alter, während Personen ab 60 Jahren kaum betroffen sind. Auch Migrationshintergrund, die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen, und das Alter des jüngsten Kindes erhöhen das Risiko einer Zeitarmutsgefährdung.
Durch die Verknüpfung der Zeitverwendungserhebung mit Daten aus EU-SILC, Mikrozensus und der Integrierten Lohn- und Einkommensteuerstatistik zeigt das Projekt zudem, dass Zeitarmut und Einkommensarmut häufig gemeinsam auftreten. Diese Mehrfachbelastung durch beide Armutsformen betrifft wiederum Frauen in besonderem Maße. Außerdem wird deutlich, dass soziale Ungleichheiten oft intersektional wirken und nur durch integrierte politische Ansätze wirksam adressiert werden können.
Armutsgefahrdung nach Haushaltstyp. Gruppen mit weniger als 30 Ausprägungen wurden von der Analyse ausgeschlossen
Lesebeispiel: Etwa 30% aller Frauen in Ein-Eltern-Haushalten sind rein zeitarmutsgefährdet. Etwas mehr als 30% sind rein einkommensarmutsgefährdet (Haushaltseinkommen). Etwas über 10% aller alleinerziehenden Frauen sind sowohl einkommens- als auch zeitarmutsgefährdet.
Datenbasis: Zeitverwendungserhebung 2021/22, EU-SILC 2021 und 22.
Unser zweite Projektschwerpunkt sind Mobilitätsmuster, wie sie in der Zeitverwendungserhebung sichtbar werden. Wir analysierten, wie viel Zeit unterschiedliche Bevölkerungsgruppen für Wege aufwenden und wie sich tägliche Mobilität nach Geschlecht, Region und Urbanisierungsgrad unterscheidet. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen im Durchschnitt mehr Wege zurücklegen als Männer (2,13 gegenüber 1,95 Wegen pro Tag), jedoch insgesamt ähnlich viel Zeit mit Mobilität verbringen, da die Wege von Männern tendenziell länger sind. Frauen nutzen zudem häufiger öffentliche Verkehrsmittel und gehen mehr zu Fuß, während Männer vermehrt das Auto und das Fahrrad nutzen.
Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede spiegeln sich auch in den Zwecken der Wege wider: Frauen verbringen mehr Wege im Kontext von Care-Arbeit, Einkäufen und administrativen Aufgaben, während Männer mehr Wege im Zusammenhang mit ihrer Berufstätigkeit zurücklegen.
Zudem variiert das Mobilitätsverhalten stark je nach Urbanisierungsgrad. In städtischen Gebieten werden mehr Wege zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt, während in ländlichen Regionen der PKW dominiert – übrigens relativ unabhängig von der Qualität des öffentlichen Nahverkehrs, wie unsere Analysen zeigen. Trotz dieser Unterschiede zeigt sich, dass die durchschnittliche Zeit, die für Wege aufgewendet wird, zwischen urbanen und ländlichen Gebieten kaum variiert.
Anzahl der Wege nach Geschlecht, sowie Dauer, Zweck, Modal Split und Begleitperson bei Wegen nach Geschlecht.
Lesebeispiel: Frauen legen durchschnittlich 2,13 Wege pro Tag zurück.
Datenbasis: Zeitverwendungserhebung 2021/22.
Das dritte zentrale Thema des Forschungsprojekts war die Analyse intergenerationaler Zeitverwendungsmuster, insbesondere der Zusammenhang zwischen der Zeitverwendung von Eltern und der ihrer Kinder im selben Haushalt. Die Zeitverwendungserhebung 2021/22 bietet den Vorteil, dass alle Angehörigen eines Haushalts ab zehn Jahren ein Zeittagebuch ausfüllen, was die Analyse der Zeitverwendung von Eltern und deren Einfluss auf die Zeitverwendung und den Bildungserfolg ihrer Kinder ermöglicht.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Mädchen schon im Alter von zehn bis 19 Jahren mehr Zeit mit Care-Arbeit und Bildung verbringen, während Buben mehr Freizeit haben. Diese Unterschiede nehmen mit dem Alter zu, wobei Buben auch häufiger erwerbstätig sind und seltener an Aus- und Weiterbildung teilnehmen.
Außerdem finden wir Hinweise darauf, dass Zeitarmut von Eltern einen Einfluss auf die Zeitverwendung von Kindern und Jugendlichen hat. Kinder aus zeitarmutsgefährdeten Haushalten haben im Durchschnitt weniger Freizeit als ihre Altersgenoss*innen aus nicht-zeitarmen Haushalten.
Schließlich analysierten wird den Zusammenhang zwischen jener Zeit, welche Kinder und Jugendliche mit Hausarbeit verbringen, und der Zeit, die ihre Eltern darauf aufwenden. Unsere Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass Kinder bei der Zeitverwendung für Hausarbeit ihre Eltern imitieren – das heißt wenn die Eltern mehr unbezahlte Arbeit leisten, dann übernehmen ihre Kinder auch mehr. Dieses Verhältnis ist besonders ausgeprägt zwischen Vätern und Söhnen: Je mehr Hausarbeit von Vätern geleistet wird, desto mehr Zeit verbringen auch Söhne damit.
Zusammenhang zwischen der von Eltern und Kindern geleisteten Zeit für Hausarbeit in Paarhaushalten mit Kindern zwischen zehn und 18 Jahren.
Lesebeispiel: Die stärkste (positive) Korrelation zwischen der Zeit, welche Eltern und Kindern mit Hausarbeit verbringen, besteht zwischen Vätern und Söhnen. Wenn Väter mehr Hausarbeit leisten, dann tun das ihre Söhne tendenziell auch.
Datenbasis: Zeitverwendungserhebung 2021/22.
Insgesamt liefert unser Projekt neue Erkenntnisse, welche eine solide Grundlage für relevante politische Implikationen bilden. Besonders deutlich zeigen sich Gender-Ungleichheiten in der Zeitverwendung. Wenn eine gleichere Verteilung zwischen den Geschlechtern erreicht werden soll, dann müssen entsprechende Gegenmaßnahmen gesetzt und geschlechtergerechte Politiken zu entwickelt werden, die eine ausgewogene Verteilung von Arbeitslasten in den Bereichen Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Hausarbeit fördern. Andererseits sind politische Maßnahmen notwendig, um Zeitstress und Zeitarmut generell zu vermindern – nicht zuletzt aufgrund der negativen gesundheitlichen Effekte, die damit verbunden sein können. Dies gilt insbesondere auch für betroffene Frauen und Familien, in denen Care-Arbeit durch Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen eine zentrale Rolle spielt. Entsprechende Unterstützungsmaßnahmen (etwa ein weiterer Ausbau und eine Förderung von qualitativ hochwertiger institutioneller Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen) könnten damit dazu beitragen, das höhere Risiko von Frauen, unter Zeitarmut zu leiden, zu verringern.
Kontakt
Clara HIMMELBAUER
E-Mail: clara.himmelbauer@wu.ac.at
MEHRYamna KRASNY
Karin HEITZMANN
E-Mail: karin.heitzmann@wu.ac.at
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