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Armut und soziale Ausgrenzung während der COVID-19 Pandemie

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Karin Heitzmann (2020)
 

In Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz - COVID-19: Analyse der sozialen Lage in Österreich

Zur Studie Des BMSGPK

Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung waren schon vor der COVID-19 Pandemie Problemlagen in Österreich, die unterschiedliche Personengruppen unterschiedlich stark betroffen haben. Wesentliche Ursachen für ein überdurchschnittliches Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdungsrisiko sind Arbeitslosigkeit (damit korrelierend ein niedriger Bildungsabschluss und/oder ein schlechter Gesundheitszustand), nicht-österreichische Herkunft und spezifische Haushaltszusammensetzungen (v.a. Einelternfamilien). Auch Lücken in der Versorgung dieser und anderer Risikogruppen waren bekannt.
 

Pandemie trifft bereits armutsgefährdete Gruppen stark

Die positive Entwicklung der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdungsquote in Österreich seit 2008 könnte als Konsequenz der COVID-19 Pandemie gestoppt werden und sich evtl. umkehren. Personengruppen, die schon vorher überproportional von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung bedroht waren, sind von den (ökonomischen und sozialen) Konsequenzen der Pandemie zum Teil stärker betroffen als die Durchschnittsbevölkerung. Das zeigt sich etwa an einer überproportional hohen Arbeitslosenquote von Ausländer*innen als Folge der Pandemie. Die Erfahrungen vom Homeschooling legen zudem nahe, dass Familien (v.a. Mütter) mit Kindern besonders belastet waren, insbesondere Einelternfamilien, Familien mit mehreren Kindern und Familien mit bildungsfernen Eltern. Die Pandemie und ihre Konsequenzen generierte aber auch „neue“ Gruppen von Betroffenen, die bislang nicht im Fokus der Armutsforschung gestanden sind, insbesondere (Solo-)Selbstständige. Weitere Problemlagen, die sich in den letzten Monaten intensiviert haben, werden von den abgebildeten Armuts- und Ausgrenzungsindikatoren gar nicht erfasst: Etwa die (erwartbare) Zunahme an psychischen Belastungen und Erkrankungen, hervorgerufen durch Überforderung, Unsicherheit, Angst und Einsamkeit in der Phase der Pandemie.
 

Abgeleitete Handlungsempfehlungen

Erstens müssen Maßnahmen getroffen (bzw. verlängert) werden, die die Erwerbsarbeitsmarktbeteiligung hochhalten bzw. möglichst viele Menschen in den Erwerbsarbeitsmarkt (re-)integrieren. Mittelfristig sind es soziale Investitionen zur Erhöhung des Humankapitals (künftiger) Beschäftigter, die erfolgsversprechend sind (z.B. Ausbau der Frühen Hilfen, Bildung/Qualifikation, Maßnahmen zur Verbesserung des individuellen Gesundheitszustandes, etc.) sowie der Abbau von Beschäftigungshemmnissen (z.B. Ausbau Kinderbetreuung, Abbau konservativer Ansichten zur genderspezifischen Arbeitsteilung, sozial-pädagogische Angebote im Zweiten und Dritten Arbeitsmarkt, etc.). Bei Vorliegen von Arbeitslosigkeit oder langfristiger Erwerbsinaktivität ist auf eine ausreichende Höhe der sozialen Unterstützung (z.B. eine Mindestabsicherung bei Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe; Erhöhung der Transferleistungen bei Sozialhilfe bzw. Bedarfsorientierter Mindestsicherung) zu achten: Die bislang gewährten Einmalzahlungen werden dafür wohl nicht ausreichen. Spezifische Unterstützungen von besonders betroffenen Risikogruppen könnten dieses Maßnahmenpaket begleiten. Alle erwähnten Interventionen wurden schon lange vor der COVID-19 Krise als vielversprechend für eine Reduktion von Armut oder sozialer Ausgrenzung vorgeschlagen. Insbesondere gilt es, die Resilienz der Unterstützungssysteme im Blick zu behalten – und (Reform-)Maßnahmen bzw. sozialstaatliche Institutionen einer „Nachhaltigkeitsprüfung“ zu unterziehen, die sie auch auf ihre „Armutsfestigkeit“ hin untersucht.
 

Weiterer Forschungsbedarf

Weitere und vertiefende Forschungen zur Armut und sozialen Ausgrenzung, insbesondere auch zu neuen Risikogruppen oder zur Effektivität (reformierter) Unterstützungssysteme (wie insbesondere der Sozialhilfe) würden zudem helfen, fundierte Entscheidungen zur nachhaltigeren Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung zu treffen.