Das TC Gebäude bei Nacht.
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BFG-Verwaltungspraktikum

Vanessa Aichstill und Melina Still 2
Erfahrungsbericht

von Vanessa Aichstill, LL.B. (WU) und Melina Still, LL.B. (WU)

Im September 2020 führte uns die Praktikumsstelle des Instituts für Österreichisches und Internationales Steuerrecht in die Hintere Zollstraße zum Bundesfinanzgericht. Dort verbrachten wir einen Monat im imposanten Gebäude des Bundesministeriums für Finanzen.

Unsere Erwartungen waren klar: Das Leben einer Richterin sollte erkundet und als zukünftiger Berufswunsch abgewogen werden. Jede erhielt ihr eigenes Büro und wurde einer erfahrenen Richterin zugeteilt. Nach einigen Vorträgen zu den Kammern Gebühren, Zoll und Finanzstrafrecht konnte sich jede von uns in ihren Tätigkeitsbereich stürzen. Dabei verfassten wir sogar die ersten eigenen Entscheidungen und konnten das Richterinnendasein hautnah testen. Für Abwechslung sorgten auch zahlreiche Verhandlungen, bei denen wir im großen Quantschnigg-Saal teilnehmen konnten. Angefangen von einfachen Parkometerfällen bis hin zu finanzstrafrechtliche Belangen großer Unternehmen beobachteten wir hitzige Befragungen und schlussendlich interessante Entscheidungen.

Melina kann sich nach diesem Praktikum wohl offiziell als „Gebührenexpertin“ bezeichnen. In den ersten zwei Wochen standen tägliche Besprechungen und Vorträge zu wirklich jeder Art von Gebühren mit ihrer betreuenden Richterin am Programm. Die Begeisterung der Richterin für dieses Thema war mehr als ansteckend. Nie hätte frau geahnt, welche interessanten rechtlichen Fragestellungen sich in diesem Bereich ergeben können. Melina beschäftigte sich in ihren Entscheidungen unter anderem intensiver mit der Bemessungsgrundlage bei der Grunderwerbsteuer und der Qualifikation einer Vereinsobfrau als offene Stellvertreterin bei Eingaben iSd Gebührengesetzes. 

Vanessa hingegen fokussierte sich auf die Einkommenssteuer. Ihre Richterin nahm sich dabei den verschiedensten ArbeitnehmerInnenveranlagungen an. Dabei konnte sie sich tiefergehend mit den Sachbezugswerten sowie Kinderabsetzbeträgen beschäftigen. Zuletzt wurde noch recherchiert, ob nun die Vergütungen von dritter Seite in die Veranlagung führen oder nicht. Die Erfahrung und Professionalität der betreuenden Richterin war beeindruckend und eine solche Expertise in steuerlichen Angelegenheiten zu erlangen, wirklich erstrebenswert.

Die Erfahrung bei Gericht gab uns die Möglichkeit, das gelernte Wissen der WU zu vertiefen und in echten Entscheidungen anzuwenden. Jeder Beweis kann das Ruder noch einmal herumreißen. Für die Zukunft wissen wir nun, wie das Leben am Gericht abläuft und nehmen wertvolle Erfahrungen sowie Kontakte für die spätere berufliche Laufbahn mit. Am spannendsten war es doch, sich in einen Fall tiefgehend einzuarbeiten und diesen unabhängig entscheiden zu dürfen – natürlich schlussendlich in Zusammenarbeit mit der Richterin. Es ist auf jeden Fall ein besonderes Gefühl, wenn die „erste eigene“ Entscheidung approbiert wird. Der Beruf der Richterin bringt aber auch große Verantwortung mit sich. Hinter jedem Beschwerdeführer/jeder Beschwerdeführerin steckt letzten Endes ein Mensch mit einer individuellen, oft auch berührenden Lebensgeschichte.