Evaluierung der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024
Die Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024 (KHS24) stellte ein in mehrfacher Hinsicht neuartiges Vorhaben dar. So war sie die erste inneralpine, ländlich geprägte Kulturhauptstadtregion, mit entsprechend anderen Bedingungen, als es kleinere und größere Städte oder Ballungszentren bieten. Noch dazu verfügt die Region bereits über eine historisch tief verankerte kulturelle Identität und eine starke touristische Prägung, wodurch sowohl Chancen als auch strukturelle Herausforderungen für die Konzeption und Durchführung eines Kulturhauptstadtjahres entstanden. Nicht zuletzt war auch die hier vorgestellte SROI-Analyse ein Novum, das Herausforderungen mit sich brachte. Eine breite Betrachtung des gesellschaftlichen Mehrwerts, einem stakeholderbasierten Ansatz folgend und getragen von empirischen Erhebungen auf Mikroebene, stellt ein umfangreiches Unterfangen dar, gerade im Kontext einer Kulturhauptstadt Europas, bei der Wirkungen bei vielen unterschiedlichen Stakeholdern und Wirkungsbetroffenen nachzugehen sind.
Aufgrund begrenzter zeitlicher und finanzieller Ressourcen wurde so auch entschieden, eine Teil-SROI-Analyse durchzuführen und Wirkungen bei fünf wesentlichen Stakeholdergruppen zu identifizieren, zu quantifizieren und zu bewerten. Trotz der Beschränkung liefert die nun vorliegende Analyse erstmals eine umfassende empirische Analyse des kurzfristigen gesellschaftlichen Mehrwerts einer Kulturhauptstadt Europas aus mikrodatengestützter Perspektive, mit einem stakeholderbasierten Wirkungsverständnis.
Hauptergebnis der Analyse ist ein Teil-SROI-Wert von 4,28, der zeigt, dass jeder investierte Euro einen monetarisierten gesellschaftlichen Gegenwert von 4,28 Euro generierte. Sensitivitätsanalysen ergaben eine Bandbreite von 2,94 bis 7,02 Euro.
Für die Analyse wurde der finanzielle Input der KHS24 in der Höhe von rund 30,3 Mio. Euro – ein vergleichsweise geringes Budget im europäischen Kontext – den quantifizierten und monetarisierten 51 Wirkungen der fünf zentralen Stakeholder gegenübergestellt, die in Summe einen Wert von 129,7 Mio. Euro hatten. Diese Wirkungen basieren auf den umfangreichen Aktivitäten der KHS24. So wurden 314 Projekte, davon 117 assoziierte realisiert.
Die regionale Bevölkerung profitierte am stärksten vom Kulturhauptstadtjahr. Ein Mehrwert von über 42 Mio. Euro verdeutlicht die Breite der sozial-kulturellen Wirkungen. Besonders hervorzuheben sind ein gestärktes regionales Gemeinschaftsgefühl, ein gesteigertes Interesse an Kunst und Kultur, der Unterhaltungswert und der verbesserte Zugang zu kulturellen Angeboten. Gleichzeitig zeigten sich auch negative Effekte wie Enttäuschung über mangelnde regionale Einbindung sowie gesellschaftliche Konflikte. Dennoch überwiegen die positiven Wirkungen deutlich, was sich in einem durchschnittlichen Mehrwert pro Kopf in der Höhe von 388 Euro widerspiegelt.
Die Projektbeteiligten und Künstler*innen erfuhren ebenfalls substanzielle Wirkungen, die sich insgesamt auf etwa 31 Mio. Euro summieren. Hervorzuheben sind eine gestärkte Wahrnehmung, verbesserte Experimentiermöglichkeiten, Einkommensstabilisierung sowie gesteigerte Kooperationen und Vernetzungen. Die Belastungen und Erschöpfung durch die Projektintensität stellen eine relevante Negativwirkung dar, die auch in anderen Kulturhauptstädten beobachtet wurde.
Die Wirkungen reichten auch über die Projektbeteiligten in die regionale Kulturszene. Sie profitierte mit rund 9,5 Mio. Euro insbesondere von infrastrukturellen Impulsen, erhöhter künstlerischer und kultureller Diversität sowie gesteigerter Sichtbarkeit. Gleichzeitig erschwerten Finanzierungslücken außerhalb der KHS24 und ein gewisser Erschöpfungseffekt nach dem Kulturhauptstadtjahr die kurzfristigen Entwicklungen abseits der KHS24-Projekte. Die in Teilen zurückhaltende Bewertung der Kulturhauptstadt-Aktivitäten in einer Befragung der regionalen Kulturszene zeigt ungenutztes Potenzial auf und verweist auf strukturelle Herausforderungen im kulturellen Ökosystem der Region.
Auch wenn das Erzielen wirtschaftlicher Effekte nicht primär Ziel einer Kulturhauptstadt Europas ist, so wird ihnen auf regionaler und nationaler Ebene dennoch viel Wert beigemessen. Entsprechend wurde der in diesem Zusammenhang wichtige (Kultur)Tourismus ebenfalls in die SROI-Analyse aufgenommen.
Tourist*innen erfuhren einen Mehrwert von rund 29 Mio. Euro, getragen durch gesteigertes kulturelles Interesse, Unterhaltung, Bildungsimpulse und ein stärkeres Bewusstsein für europäische Werte. Negative Effekte wie erhöhte Nächtigungskosten blieben marginal. Die Analyse zeigt jedoch, dass viele touristische Wirkungen nur zu einem geringeren Anteil unmittelbar der KHS24 zugerechnet werden können, da es sich vielfach um kunst- und kulturaffine Tourist*innen handelt, die auch sonst ein Kulturprogramm absolviert hätten. Immerhin 165 Euro durchschnittlicher Mehrwert kam so auf eine*n Tourist*in.
Mit den Tourismusbetrieben profitierte die zweite Seite des Tourismus primär finanziell durch zusätzliche Gäste, was sich in einem Mehrwert von rund 14 Mio. Euro, bei insgesamt rund 18 Mio. Euro an gesellschaftlichem Mehrwert dieser Stakeholdergruppe niederschlug. Darüber hinaus wurden Impulse für nachhaltigen Tourismus und eine vielfältigere Gästezusammensetzung sichtbar. Geringfügige Herausforderungen ergaben sich durch temporäre Überforderung aufgrund untypischer Besucher*innenstrukturen.
Insgesamt zeigt die vorliegende Teil-SROI-Analyse, dass rund zwei Drittel des geschaffenen gesellschaftlichen Mehrwerts in der Region verbleiben. Bei der Bewertung des Teil-SROI-Werts von 4,28 ist zudem zu berücksichtigen, dass der Wert nur fünf der 18 Stakeholder und Wirkungsbetroffenengruppen inkludiert. Hierbei wurden, wie in manchen SROI-Analysen generell üblich, nur die wesentlichsten Stakeholder inkludiert. Eine vorsichtige Bewertung, bei gleichzeitig konsequenter Berücksichtigung von negativen Wirkungen, lässt vermuten, dass ein vollständiger SROI-Wert höher läge. Einen gewissen Dämpfer für den Teil-SROI-Wert brachte auch die analysierte Region mit sich. Das Salzkammergut mit Bad Ischl als Bannerstadt ist eine vielfach touristisch geprägte Region mit starker Identität, die auch kulturell seit langem ein breites Programm bietet. Entsprechend schwierig ist es hier, künstlerisch neue Wege zu gehen, kulturelle Impulse zu setzen und touristischen Mehrwert zu stiften, ohne auf Ablehnung eines Teils der Bevölkerung zu stoßen. Eine SROI-Analyse als breite Form der Wirkungsanalyse kann dies nicht außen vor lassen, was entsprechend dämpfend auf den geschaffenen Mehrwert wirkt. Insofern kann der Wert von 4,28 als nach unten gut abgesichert gelten.