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BAUER Leonhard, em.o.Univ.Prof. Dr. (1940-2020) †

Leonhard Bauer - Ein Nachruf

Leonhard Bauer war ein außergewöhnlicher Mann. Er war ein umfassend gebildeter, hoch kompetenter Gesprächspartner, ein origineller Denker und ein im besten Sinne unorthodoxer Ökonom.

Für jene, die den Vorzug hatten, bei ihm studieren oder mit ihm arbeiten zu dürfen, werden seine Lehrveranstaltungen, seine Beiträge in den diversen universitären Gremien, seine wissenschaftlichen Arbeiten, aber vor allem der Mensch und pointierte Ökonom immer in bester Erinnerung bleiben. Er hat uns gelehrt, die ausgetretenen Pfade der Wissenschaft zu verlassen, auch auf die Gefahr hin, in unwegsamem Gelände vermehrt auf Orientierung achten zu müssen.

Leonhard Bauer, von seiner Herkunft Burgenländer, war gewissermaßen auch ein Schotte. Dies nicht nur in seiner Wertschätzung des Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith, sondern auch als Absolvent des Schottengymnasiums in Wien.

Leonhard Bauer war ein außergewöhnlicher Mann. Er war ein umfassend gebildeter, hoch kompetenter Gesprächspartner, ein origineller Denker und ein im besten Sinne unorthodoxer Ökonom.

Als ein schwerer Verkehrsunfall sein Leben radikal veränderte, war es seiner eisernen Disziplin, seinem Willen und seiner Tatkraft zuzuschreiben, dass er die gesundheitlichen Folgen durch Training und Ausdauer eindämmen konnte.

Schon zuvor ein unkonventioneller Denker, brachte ihn dieser gewaltige Einschnitt dazu, auch in der Ökonomie alternative Wege, Theorien und Ansätze zu verfolgen, seit 1976 als Professor für Volkswirtschaft an der WU Wien. Zum Beispiel jene, dass es nicht die unbegrenzte Freiheit des maximierenden homo oeconomicus zu postulieren gilt, sondern vielmehr konkrete Erfordernisse und Machtverhältnisse vorzufinden sind, historisch und sozial vermittelte Bedingungen, in die die unterschiedlichen, ökonomisch agierenden Gruppen eingebunden sind.

Wissenschaft war für ihn - in seinen Worten - nur dann „spannend“, wenn sie immanente Widersprüche verstehen und in einen Rahmen, in ein Spannungsfeld zu setzen vermochte, welche wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt erst möglich machten.

Die monumentale Studie „Geburt der Neuzeit“, gemeinsam mit Herbert Matis verfasst, ist wohl als sein größtes Werk zu bezeichnen. Die Transformation vom agrarisch geprägten Mittelalter in kapitalistische Marktwirtschaften, in die Neuzeit, wird in all ihren Facetten und Deutungsverlagerungen aufgezeigt. Eine gleichfalls historische Perspektive verfolgten jene Projekte, die die Entwicklungsgeschichte der ökonomischen Wissenschaft von der politischen zur ‚reinen‘ Ökonomie nachzeichneten. Dass diese sich dem Ideal der Naturwissenschaften immer stärker anzunähern versucht (selbst dann, wenn die Naturwissenschaften sich davon schon wieder entfernen), sah er – der als Ökonometriker seine Karriere begann - dabei als hochgradig reduktionistisch und gefährlich an.

Ein langjähriger Freund und Kollege hat über Leonhard Bauer einmal gesagt, dieser wüsste in idealtypischer Weise das Protestantische und das Katholische in sich zu vereinen: sein protestantisches Arbeitsethos mit einer katholischen, fast möchte man sagen, ‚barocken’ Lebenslust zu verbinden. Auch seine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Dialektik von Ökonomie und Religion war facettenreich: Die Festschreibung des Menschen auf ein egozentrisches, asoziales (Kleinkind-)Verhalten, die Nichtbeachtung wichtiger, für Bauers Oevre geradezu konstitutiver Passagen aus Adam Smiths Werken (um sich auf den ‚Nebenschauplatz’ der invisible hand zu konzentrieren) - all das religionsähnliche Dogmen. Am massivsten und plakativsten jedoch: An die Annahmen dieser Mainstream-Ökonomie ist zu glauben, denn wissenschaftlich beweisbar sind sie nicht.

Feministisch bewusste Studierende waren oft verdutzt, wenn sie Professor Bauer zum ersten Mal begegneten: Ein ‚Küss die Hand’, perfekt zuvorkommende, gleichwohl antiquierte Umgangsformen, zuweilen schon manieristisch ins Extrem getrieben, zeichneten ihn aus. Diese Umgangsformen standen aber im Gegensatz zu seinem beruflichen Agieren, in dem Professor Bauer in einer Vielzahl von Kommissionen, aber auch in seiner Rolle als Vorgesetzter, eine klar frauenfördernde, gleichstellungspolitische Position vertreten, vehement begründet sowie eingefordert hat.

Vieles kann hier nicht zur Sprache kommen; z.B. dass Leonhard Bauer in höherem Alter noch eine Fremdsprache annähernd perfekt erlernt hat, ebenso, dass er in politischen Umbruchsituationen in Zentralamerika aktiv involviert war.

Dass gerade er, der in dieser Coronazeit besonders umsichtig agiert hat, nun 80-jährig an Covid 19 verstorben ist, mag als besondere Ironie des Schicksals gelten. Unsere tiefe Anteilnahme gilt in dieser schweren Zeit seiner Frau Veronika und seiner Tochter.

Für jene, die den Vorzug hatten, bei ihm studieren oder mit ihm arbeiten zu dürfen, werden seine Lehrveranstaltungen, seine Beiträge in den diversen universitären Gremien, seine wissenschaftlichen Arbeiten, aber vor allem der Mensch und pointierte Ökonom immer in bester Erinnerung bleiben. Er hat uns gelehrt, die ausgetretenen Pfade der Wissenschaft zu verlassen, auch auf die Gefahr hin, in unwegsamem Gelände vermehrt auf Orientierung achten zu müssen.