Außenansicht des D3 und des AD Gebäudes

Zollinger Manfred

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Nachruf

Manfred Zollinger
(19. August 1956, Feldkirch – 6. Mai 2023, Catania)

Am 6. Mai 2023 hat uns die bestürzende Nachricht erreicht, dass unser langjähriger Kollege Manfred Zollinger plötzlich und unerwartet während eines Urlaubs auf Sizilien verstorben ist.

Manfred Zollinger schloss an der Universität Wien sein Studium der Geschichte und Germanistik 1984 mit der Sponsion zum Mag. phil. und 1991 mit der Promotion zum Dr. phil ab. Mit seiner Dissertation zum Thema „Banquiers und Pointeurs. Geschichte des Glückspiels zwischen Integration und Ausgrenzung“ legte er ein erstes Hauptwerk zu seinem wissenschaftlichen Lebensthema, der historischen Glücksspielforschung, vor. Die Studie erschien 1997 bei Böhlau als Monographie mit dem Titel „Geschichte des Glücksspiels vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg“. Während seiner Arbeit am wissenschaftlichen Institut für Spielforschung und –pädagogik an der Universität Mozarteum in Salzburg (1991-2002) erstellte er die 1996 erschienene Monographie „Bibliographie der Spielbücher des 15. bis 18. Jahrhunderts. Erster Band: 1473-1700“.

Daneben und danach folgten vielfältige weitere wissenschaftliche Leistungen im Bereich der Glücksspielforschung. Hervorzuheben sind zahlreiche Beiträge in Fachjournalen wie Homo ludens oder Ludica aber auch in kultur- und landesgeschichtlichen Zeitschriften wie etwa L’Homme, Wiener Geschichtsblätter oder Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde.

Bei seinen weit verzweigten internationalen Aktivitäten kam Manfred Zollinger zugute, dass er Französisch, Italienisch und Englisch in Wort und Schrift fließend beherrschte. Dadurch konnte er an großen Ausstellungsprojekten als Kurator und Gestalter von Katalogen erfolgreich mitarbeiten. Zu erwähnen sind etwa die wissenschaftliche Beratung für „75 ans de la Loterie Nationale“ (Brüssel, Musée des Beaux Arts, 2008) und „Le goût du jeu“ (Paris, Bibliothèque nationale de France, 2009), die Tätigkeit als Ko-Kurator mit Ernst Strouhal und Brigitte Felderer für „Spiele der Stadt. Glück, Gewinn und Zeitvertreib“ (Wien Museum, 2012) und als Kurator für „Créateurs de chances. Loteries en Europe“ (La Tour-de-Peilz, Musée Suisse du jeu, 2012). In der Schweiz arbeitete er besonders eng mit Ulrich Schädler und in Italien mit der Zeitschrift „Ludica. Annali di storia e civiltà del gioco“ zusammen.

Dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der WU war Manfred Zollinger seit dem WS 2001/02 als Lektor verbunden. Er unterrichtete hier in zahlreichen Seminaren (tw. gemeinsam mit Karl Bachinger, Peter Berger und Charlotte Natmeßnig), hielt viele Jahre lang Proseminare und Einführungsveranstaltungen und bot zuletzt im laufenden Sommersemester ein vierstündiges Wahlfach Wirtschafts- und Sozialgeschichte an. Im Jahr 2013 organisierte er gemeinsam mit Peter Berger den internationalen Workshop „Random Riches. Gambling and Speculation in Perspectives“, aus dem 2016 der bei Routledge publizierte Sammelband „Random Riches. Gambling Past & Present“ hervorging. 2017 organisierte er die Session „Transformations in the gambling industry“ für den European Business History Congress an der WU. Daneben lehrte er zeitweilig auch an anderen Hochschulen, zum Beispiel am Institut für Geschichte der Universität Salzburg oder am Department für Cultural Studies der New Design University, St. Pölten.

Neben seinem Hauptthema hat Manfred Zollinger auch zahlreiche Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Zeitgeschichte geleistet. 2005 gehörte er gemeinsam mit Karl Bachinger, Herbert Matis und Andreas Resch dem Team an, das für die Staatsvertrags-Jubiläumsausstellung „Das neue Österreich“ (Wien, Oberes Belvedere) den Bereich Wirtschaft betreute und den Katalogbeitrag „Der lange Weg zum Wohlstand“ verfasste. 2007/08 fungierte er als Mitglied der Arbeitsgruppe „Haus der Geschichte der Republik Österreich“, 2008/09 als wissenschaftlicher Berater und Koordinator des Beitragsbandes für die „Republik.Ausstellung 1918-2009“ (Wien, Parlament, 2008-2009). Im Katalogband erschien sein Beitrag „‘L’Autriche, c’est moi‘? Georges Clemenceau, das neue Österreich und das Werden eines Mythos“, in dem er nachwies, dass Clemencau nie den ihm zugeschriebenen Ausspruch tat, dass Österreich nach den Friedensverhandlungen in St. Germain das sein sollte, „was übrig blieb“. 2006 gab er gemeinsam mit Hannes Androsch und Anton Pelinka den Band „Karl Waldbrunner. Pragmatischer Visionär für das neue Österreich“ heraus, zu dem er auch den größten Textbeitrag (S. 17-141) beisteuerte. 2012/13 oblag ihm die archivmäßige Erfassung und Erschließung des Vorlasses von Hannes Androsch im Österreichischen Staatsarchiv.

Manfred Zollinger war ein ungemein gebildeter und belesener Kollege und Freund, der uns nicht zuletzt mit seinem immensen Wissen über Rock- und Popmusik in privaten Gesprächen beeindruckte. Auf einer Reise des Instituts nach Japan zum World Economic History Congress 2015 durften wir auch seine in Frankreich lebende Lebenspartnerin kennen lernen. Ihr und der ganzen Familie gilt unsere tief empfundene Anteilnahme.