Stichwort: Provenienzforschung

Stichwort: Provenienzforschung

Provenienzforschung – abgeleitet vom lateinischen Wort „provenire“ (hervorkommen, entstehen) – beschäftigt sich, ganz allgemein gesprochen, mit der Erforschung der Herkunft von Kulturgütern. Dabei kann es sich um Kunstwerke, aber auch um Möbel, Musikinstrumente oder Bücher handeln. Spätestens seit Ende der 1990er Jahre stehen besonders jene Kulturgüter im Zentrum des Interesses, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihren damaligen BesitzerInnen auf unrechtmäßige Weise entzogen wurden oder die aus einer Notsituation heraus verkauft werden mussten. Dafür wurde der Terminus „NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter“ geprägt, kurz „NS-Raubgut“. Neben Archiven und Museen profitierten auch wissenschaftliche Bibliotheken von den Verfolgungs- und Entrechtungsmaßen gegen die vom NS-Regime Verfolgten sowie vom Raub „erbeuteter“ Bücher in den während des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht besetzten Gebieten.

Nicht wenige NS-Raubgut-Bücher gelangten aber auch erst nach dem Ende der NS-Herrschaft als antiquarische Erwerbungen, als Geschenke oder über den Dublettentausch in die Bestände der Bibliotheken. Da bis heute auf diesen Wegen Zugänge zu verzeichnen sind, ist letztlich jedes Buch, das vor 1945 gedruckt und nach 1933 erworben wurde, als ein potenzieller Raubgutfall zu analysieren.

Die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Bibliotheksgut ist mit besonderen Schwierigkeiten verbunden, die sich aus dem Untersuchungsgegenstand Buch ergeben. Im Gegensatz zu Werken der bildenden Kunst, die oft einen großen materiellen Wert darstellen und deren Besitzerinnen meist gut dokumentiert sind, handelt es sich bei Büchern um Werke, die im Allgemeinen keine außergewöhnlichen Einzelstücke sind, sondern in einer Vielzahl von Exemplaren gedruckt wurden. Nur in wenigen Fällen lassen sich in den Büchern Hinweise auf mögliche VorbesitzerInnen finden. Solche Spuren können etwa handschriftliche Besitzvermerke oder Widmungen, Exlibris, Stempel, Signaturen oder spezielle Einbände sein. Wenn derartige Merkmale fehlen und auch beispielsweise in den Zugangsbüchern der Bibliotheken keine entsprechenden Einträge gemacht wurden, ist eine Zuordnung geraubter Bücher zu ihren früheren Eigentümerinnnen und damit eine Rückgabe an mögliche Erbinnen fast unmöglich.