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Krasensky, Hans

Der Begründer der österreichischen Wirtschaftspädagogik und langjährige Ordinarius des ersten österreichischen Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität Wien feierte noch im Juli 2006 seinen 103. Geburtstag. Im November 2006 verstarb Hans Krasensky im 104. Lebensjahr. Anlässlich seines 95. Geburtstages veröffentlichte der Lehrstuhlinhaber gemeinsam mit Kollegen Twardy aus Köln nachfolgende Würdigung des umfassenden wissenschaftlichen Oevres des Jubilars (zbw, 94. Band, Heft 4, (1998), S. 594-597)

Der Wiener Wirtschaftspädagoge und Betriebswirt Hans Krasensky feiert seinen 95. Geburtstag

Anmerkungen zu einem der wenigen noch lebenden Mitbegründer unserer Disziplin.

Das umfassende wissenschaftliche Oeuvre des Jubilars sowie das umfangreiche Wirken in der Lehre wurden in nicht weniger als sieben Festschriften dargestellt, sowohl in wirtschaftspädagogischen wie auch in betriebswirtschaftlichen Publikationen. Krasenskys Werk ist charakterisiert durch eine enge Verbindung zwischen Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaftslehre. Bereits 1935 schrieb der Wirtschaftspädagoge Krasensky ein Buch zur theoretischen Positionierung der Disziplin Wirtschaftspädagogik, wobei aufgrund seiner betriebswirtschaftlichen Orientierung nicht überrascht, dass er die Disziplin aus dem Objekt der Betriebswirtschaftslehre entwickelte und seine Publikation (Grundzüge der Wirtschaftspädagogik, Wien 1935) in einer betriebswirtschaftlichen Schriftenreihe veröffentlichte.

Die Breite seiner Publikationen ist sowohl innerhalb der Wirtschaftspädagogik wie auch der Betriebswirtschaftslehre beeindruckend. Während der Wirtschaftspädagoge Krasensky neben der Betriebspädagogik (Betriebspädagogik - Die erzieherische Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Betrieb, Wien 1952) vor allem der kaufmännischen Lehrerlnnenausbildung sowie der wirtschaftlichen Massenaufklärung besonderes Augenmerk schenkte, verfasste der Betriebswirt Krasensky u.a. ein dreibändiges Standardwerk im Bereich des Revisions- und Treuhandwesens (Grundriss der Buchhaltungs- und Bilanzlehre unter besonderer Berücksichtigung ihrer wirtschaftlichen und rechtlichen Bedeutung, Wien 1949,1951,1959), ebenso zahlreiche Publikationen im Bereich der Bankbetriebslehre.

Die beiden zentralen thematischen Schwerpunkte Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaftslehre spiegeln sich nicht nur in den Veröffentlichungen wider, sondern auch in der institutionellen Verankerung Krasenskys an der Wirtschaftsuniversität Wien: Mehr als 20 Jahre leitete der Jubilar sowohl den Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik wie auch jenen für Bankbetriebslehre. Durch die enge Verzahnung zwischen Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaftslehre begründete Krasensky eine wirtschaftspädagogische Tradition, die bis heute für den Standort Wien typisch ist.

Da in den bisherigen zahlreichen Festschriften bereits ausführlich die allgemeinen Verdienste des Jubilars für die Disziplin Wirtschaftspädagogik dargestellt wurden, beschäftigen wir uns in den nachfolgenden Ausführungen kurz mit den vielfältigen persönlichen und beruflichen Kontakten Krasenskys zur Wirtschaftspädagogik in Köln.

Krasensky war nicht nur der Begründer der Wirtschaftspädagogik in Österreich, sondern er verfügte auch über regelmäßige Kontakte zur Scientific Community in Deutschland, vor allem zu den damaligen Repräsentanten der Wirtschafts-, Berufs- und Sozialpädagogik an der Universität zu Köln, Friedrich Schlieper und Alfons Dörschl.

Schlieper und Krasensky verband neben ihrer disziplinären Schlüsselrolle in Deutschland und Österreich in den Jahren der Nachkriegszeit (beide übernahmen 1951 einen ordentlichen Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik) auch viele inhaltliche Übereinstimmungen. Bspw. waren Krasensky und Schlieper von den kulturpädagogischen Konzepten Sprangers und Litts beeinflusst. Der sozialpädagogische Aspekt der Disziplin dokumentiert sich heute in der Bezeichnung des Kölner Instituts - Institut für Berufs-, Wirtschafts- und Sozialpädagogik ebenso im aktuellen Kölner Grundverständnis der Disziplin, während diese Tradition in Wien nicht fortgeführt wurde. Die unterschiedliche Betonung der Sozialpädagogik in Wien und Köln in den letzten 30 Jahren ist u.a. dadurch erklärbar, dass bereits Krasensky Sozialpädagogik thematisch anders gewichtete als Schlieper. Krasensky verknüpfte mit Sozialpädagogik primär die sozialwissenschaftliche Dimension von Wirtschaftspädagogik, während Schlieper den sozialerzieherischen Aspekt betonte.

Das Verständnis Krasenskys von Sozialpädagogik wurde von ihm wie folgt präzisiert: ,,Grundlegend sei unterschieden, dass die Wirtschaftspädagogik ein Anwendungsfall der Sozialpädagogik ist. Sozialpädagogik ist jedoch nicht im Sinne einer Fürsorge oder Betreuungspädagogik oder einer Armenpädagogik bzw. Kriminalpädagogik zu verstehen, sondern das Wort ,,sozial" in seinem ursprünglichen Sinne als Kontaktnahme zwischen zwei oder mehreren Menschen untereinander aufzufassen" (,,Die Bedeutung der Wirtschaftspädagogik in der Erziehungspraxis der Gegenwart. In: K. Abraham (Hrsg.): Gedanken zur Wirtschaftspädagogik. Festschrift für Friedrich Schlieper, Freiburg 1962, S. 117).

An anderer Stelle konkretisiert Krasensky sein Verständnis von Sozialpädagogik wie folgt: ,,lhr wahres Wesen (der Wirtschaftspädagogik - Anm. der Verfasser) ruht im Sozialen und erfasst aus den zwischenmenschlichen Verhältnissen die wirtschaftlich bestimmten Beziehungen. Sie ist ein Teil der Sozialwissenschaften ..." (Zur geistes- und erziehungsgeschichtlichen Entwicklung der Wirtschaftspädagogik, Wien 1949, S. 15).

Wenngleich Schlieper und Krasensky Sozialpädagogik inhaltlich unterschiedlich akzentuieren, ist doch beiden gemeinsam, die soziale Verantwortung aller in der Wirtschaft und Wirtschaftserziehung Beteiligten zu betonen. Angesichts der aktuellen Tendenzen, kaufmännische Bildung in den Berufsschulen weitgehend auf instrumentell verkürztes Wissen zu reduzieren (z.B. durch Forderungen nach Abbau der allgemein bildenden Fächer in den Berufsschulen), klingen die Äußerungen Krasenskys aus dem Jahr 1962 zur Aufgabe einer wirtschaftsberuflichen Ausbildung sehr modern und aktuell: ,,Die wirtschaftsberufliche Ausbildung kann nicht als ein Dressurakt ausgelegt werden, der seine Abgänger befähigt, unmittelbar einen Arbeitsplatz in der Wirtschaft zu übernehmen und auszufüllen" (Die Bedeutung der Wirtschaftspädagogik in der Erziehungspraxis der Gegenwart. In: K. Abraham (Hrsg.): Gedanken zur Wirtschaftspädagogik. Festschrift für Friedrich Schlieper, Freiburg 1962, S. 121).

Eine der wichtigsten Bezugspunkte Krasenskys zu Köln bildete die ,,Dr.-Kurt-Herberts-Stiftung zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses der Wirtschafts- und Sozialpädagogik". Das Wirken von Dr. Herberts, der Eigentümer eines großen Industrieunternehmens der Chemiebranche in Wuppertal war, wurde vom Jubilar stets besonders gewürdigt. Neben der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses finanzierte diese Stiftung zwischen 1964 und 1970 die Herausgabe von Jahrbüchern für Wirtschafts- und Sozialpädagogik, in denen die damals renommiertesten Wirtschaftspädagogen Beiträge veröffentlichten. Vorsitzender des Vorstandes dieser Stiftung war Friedrich Schlieper, die wissenschaftliche Redaktion der jährlich erscheinenden Jahrbücher erfolgte durch Alfons Dörschl (geschäftsführend) und Hans Krasensky.

In einer handschriftlich geschriebenen Festschrift anlässlich des 70. Geburtstages von Kurt Herberts, die von den Stiftungsmitgliedern verfasst und aus finanziellen Grünen (die Stiftung wurde in der Zwischenzeit aufgehoben) niemals veröffentlicht wurde, beschäftigen sich Schlieper und Krasensky in ihren Beiträgen mit betriebspädagogischen Themen. In diesen dokumentieren beide Autoren u. a. ihre gemeinsame Sensibilität für soziale Fragestellungen. Ein kurzer Ausschnitt aus einer Kopie des handschriftlichen Beitrages Krasenskys zu dieser unveröffentlichten Festschrift (diese wurde den Autoren von Herrn Dr. Schannewitzky vom Institut für Berufs-, Wirtschafts- und Sozialpädagogik in Köln zur Verfügung gestellt) veranschaulicht die sozialpolitische Dimension im Denken des Jubilars.

Krasensky beschränkte sich nicht nur darauf, die Integration von Allgemeinbildung und Berufsbildung zu fordern und durch bildungspolitische Maßnahmen in Österreich zu fördern, sondern verwirklichte auch diese Zielvorstellung in seinem privaten Leben. Trotz Doppelbelastung als Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftspädagogik und Bankbetriebslehre pflegte er zahlreiche weitere Interessen vor allem in den Bereichen Kunst und Geschichte. Damit soll der letzte Bezugspunkt in dieser kurzen Laudatio zwischen Krasensky und Köln aufgezeigt werden. Als Kenner der Kunstszene schätzte Krasensky u. a. die Fahrten nach Wuppertal, weil er über die bunte Kunst- und Galerieszene im Rheinland begeistert war, wie er in privaten Gesprächen wiederholt betonte.

Wir wünschen dem Jubilar, dass er sich noch viele Jahre seinen vielfältigen Interessen bei guter Gesundheit widmen kann.

Köln, im Juli 1998

Josef Aff, Martin Twardy