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#7 Blog: Home-Office, Fluch und Segen zugleich?

Während des Lockdowns wurde das Zuhause zum Zentrum des Alltags: Arbeit, Lernen und Freizeit spielte sich - notgedrungener Maßen - in den eigenen vier Wänden ab. Dabei können einige Aspekte sehr positiv und andere sehr negativ hervorgehoben werden, und diese sind nicht notwendigerweise für Alle die Gleichen. So auch das Home-Office, also die Verlagerung des Arbeitsplatzes in die eigenen vier Wände. In unserer Umfrage haben wir Personen gebeten einige Statements zu ihrer momentanen Situation im Home-Office zu beurteilen und versucht herauszufinden, wie gut das Home-Office, unter den außergewöhnlichen Umständen, für sie umsetzbar ist.

Rund 1.353 Personen füllten das Fragenmodul zum Thema Home-Office aus. Sie arbeiteten entweder ganz oder zumindest teilweise von zuhause aus. 22 % der befragten Personen waren Männer, 78 % Frauen. Die Statements zum Thema Home-Office wurden zu verschiedenen Indikatoren zusammengefasst, welche unterschiedliche Aspekte der Situation hervor heben sollen: (i) Vor- und Nachteile des Home-Office, (ii) Qualität von Arbeitszeit und Arbeitsplatz, sowie (iii) (antizipierte) Veränderungen der Arbeitssituation und der Kinderbetreuung. Mit Hilfe von unterschiedlichen Grafiken sind hier die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.

Vor- und Nachteile des Home-Office

Mit Home-Office stehen bekannte Vor- und Nachteile in Verbindung. Positiv werden in der Regel die Reduktion des Pendelaufwands zur Arbeit hervorgehoben, oder auch die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf propagiert. Gleichzeitig ist der Kontakt zur Führungskraft oder den KollegInnen eingeschränkter und die Arbeitszeit möglicherweise entgrenzt.

In unserem Survey haben wir Frauen und Männer im Home-Office befragt, wie sehr sie gewissen Statements zu Vorzügen des Home-Office zustimmen. Dabei konnten sie “Trifft vollkommen zu”, “Trifft teilweise zu”, “Trifft eher nicht zu” oder “Trifft gar nicht zu” ankreuzen. Aus jenen Antworten wurde in Abbildung 1 und 2 ein Indikator gebildet, der die unterschiedlichen Antworten nach Haushaltstyp und Geschlecht in Paarhaushalten mit Kindern unter 15 Jahren aufschlüsselt. Je kleiner der Abstand auf der Achse zum Zentrum, desto weniger stimmten die Befragten im Schnitt diesem Statement zu. Aus Abbildung 1 zeichnet sich ein klares Bild ab: Alleinerziehende und Paare mit Kindern hatten es schwieriger sich im Home-Office zu konzentrieren, Tätigkeiten besser als in der Arbeit zu erledigen, und Familie und Beruf zu vereinbaren. Single-Haushalte und Paare ohne Kinder hingegen liegen am oberen Rand dieser Ausprägungen. Der Kontakt zur Führungskraft und die Anerkennung der eigenen Arbeitsleistung durch sie, sowie der Kontakt zum Arbeitsumfeld ist hingegen für alle Haushaltstypen ähnlich gut. Dies könnte darauf hindeuten, dass auch ArbeitgeberInnen die besondere individuelle Situation des Home-Office nachvollziehen konnten. Doch auch zwischen den Geschlechtern gibt es Unterschiede: Abbildung 2 zeigt, dass besonders Frauen in Paarhaushalten mit Kindern in der Regel weniger Zustimmung abgeben als Männer, vor allem bei den Themen “Konzentration” und der “besseren Erledigung der Arbeitsaufgaben”. Dies wird großteils durch die fehlende externe Kinderbetreuung und das Übernehmen dieser zum großen Teil von Müttern erklärt, die eine Besonderheit des Home-Office während des Lockdowns darstellt. Doch dazu weiter unten noch eine Grafik.

Abb. 1: Zustimmung zu Vor- und Nachteilen von Home-Office während des Lockdowns nach Haushaltstyp 

Zustimmung zu Vor- und Nachteilen von Home-Office während des Lockdowns nach Haushaltstyp

Abb. 2: Zustimmung zu Vor- und Nachteilen des Home-Office in Paarhaushalten mit Kindern jünger als 15 Jahre

Abb. 2: Zustimmung zu Vor- und Nachteilen des Home-Office in Paarhaushalten mit Kindern jünger als 15 Jahre

Veränderungen der Qualität von Arbeitszeit und Arbeitsort

Die Arbeits- und Freizeit während des Lockdowns zu trennen gestaltete sich für manche schwierig. Je nach Anstellungsverhältnis konnten die Anfangs- und Endzeiten der Arbeit besser bestimmt werden, Vollzeitbeschäftigte hatten dabei am wenigsten Spielraum (siehe Abbildung 3). Sich für Persönliches (z.B. Essen, Hygiene), den Haushalt (z.B. Kochen, Putzen) oder die Kinderbetreuung kurzfristig eine oder zwei Stunden freizunehmen, gelang offenbar besser als am “eigentlichen” Arbeitsplatz, war jedoch ebenfalls unterschiedlich schwierig. Abbildung 4 zeigt, dass es für Frauen seltener möglich war, sich für ihre Freizeit kurzfristig Zeit zunehmen, Männer hingegen fällt es generell etwas leichter kurzfristig die Arbeit für andere Tätigkeiten zu pausieren.

Abb. 3: Anfangs- und Endzeiten der Arbeit

Abb. 3: Anfangs- und Endzeiten der Arbeit

Abb.4: Kurzfristig frei nehmen für Tätigkeiten

Abb.4: Kurzfristig frei nehmen für Tätigkeiten

Das subjektive Gefühl der Abgrenzung von Freizeit und Arbeitszeit scheint demnach im Home-Office zu verschwimmen. Der Indikator für die Arbeitszeit- und Arbeitsortqualität bestätigt dies, wie in Abbildung 5 und 6 dargestellt. Wieder lässt sich je Haushaltstyp ein unterschiedliches Bild erkennen: Alleinerziehende hatten weniger oft ein eigenes Zimmer, arbeiteten weniger oft zu vereinbarten Arbeitszeiten und konnten Freizeit und Arbeitszeit weniger gut trennen (Abbildung 5). Singles gelang die Trennung am besten, sie gaben zudem an eher nicht am Wochenende zu arbeiten oder Überstunden zu machen. Paaren mit Kindern erging es ähnlich wie Alleinerziehenden, wobei es auch hier Geschlechterunterschiede gibt (siehe Abbildung 6). Frauen gaben dabei an, dass ihnen die Trennung von Arbeit und Freizeit eher schwer fiel, weswegen sie vermutlich auch häufiger als Männer ankreuzten, außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein, Überstunden im Home-Office zu machen oder am Wochenende zu arbeiten. Männern in jenen Haushalten stand hingegen tendenziell ein eigenes Arbeitszimmer zur Verfügung, zu den vereinbarten Arbeitszeiten.

Abb. 5: Zustimmung zur Qualität von Arbeitszeit und Arbeitsort im Home-Office während des Lockdowns nach Haushaltstyp

Abb. 5: Zustimmung zur Qualität von Arbeitszeit und Arbeitsort im Home-Office während des Lockdowns nach Haushaltstyp

Abb. 6: Zustimmung zur Qualität von Arbeitszeit und Arbeitsort im Home-Office in Paarhaushalten mit Kindern jünger als 15 Jahre

Abb. 6: Zustimmung zur Qualität von Arbeitszeit und Arbeitsort im Home-Office in Paarhaushalten mit Kindern jünger als 15 Jahre

Kinderbetreuung während des Home-Office

Die Kinderbetreuung gestaltete sich vor allem für Frauen oft schwierig. Von 529 Befragten mit Kindern unter 15 Jahren, gaben 25% der Frauen darunter an, dass Ihr Partner sich während ihrer Arbeitszeit um die Kinder kümmert, in 30% der Fällen gaben Frauen an, dass die Kinder sich selbst beschäftigen, und der Großteil mit rund 38% gab an, dass sie im selben Raum beaufsichtigt wurden, während der Arbeitszeit. Für Männer sieht dieses Bild leicht anders aus, wie auch in Abbildung 7 zu erkennen ist. 51% der Männer gab an, dass die Partnerin sich um die Kinder kümmert, 27% dass die Kinder sich selbst beschäftigen und nur 19%, dass sie im selben Raum waren. Welche Implikationen dies für das Home-Office hat lässt sich in der Verbindung mit den obigen Grafiken vermuten: Frauen können sich weniger gut auf ihre Arbeit konzentrieren.

Das spiegelt sich auch in ihrer Zufriedenheit mit der Arbeit wieder. Auf die Frage (“Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrer Arbeit?”) antworteten Frauen weniger häufig mit “Sehr zufrieden” als Männer, zu 28% sogar “Eher nicht zufrieden” oder “Unzufrieden”. Männer gaben hingegen nur zu 19% an, (eher) unzufrieden zu sein (siehe Abbildung 8).

Abb. 7: Kinderbetreuung während des Lockdowns

Abb. 7: Kinderbetreuung während des Lockdowns

Abb. 8: Zufriedenheit mit der Arbeit

Abb. 8: Zufriedenheit mit der Arbeit

Ist Home-Office eine Dauerlösung?

Auf die Frage ob sie Home-Office auch nach dem Lockdown öfters in Anspruch nehmen  werden, gaben Männer und Frauen jedoch oftmals eine ähnliche Antwort: “Trifft eher zu”. Home-Office ist wohl doch besser, als gar kein Office. Fest steht jedoch, dass die klassischen Vor- und Nachteile des Home-Office wie aus der Literatur bekannt nicht 1:1 in die Situation des Lockdowns übertragen werden konnten. Die Zeit war besonders für Familien mit Kindern sehr herausfordernd, und hier nochmals besonders für Frauen. Die Annahme, dass sich klassische Rollenbilder in der Verteilung der Kinderbetreuung und “dem Recht auf ruhiges Arbeiten”  durchsetzen, können wir aus der subjektiven Berichterstattung der Befragten eher bestätigen, als verwerfen. Home-Office kann deswegen nicht das alleinige Instrument sein, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, nicht während, und auch nicht nach dem Lockdown. Die Wichtigkeit des Ausbaus von flächendeckenden, qualitätvollen und leistbaren Kinderbetreuungsstätten muss wieder einmal deutlich betont werden, für eine geschlechtergerechte Arbeitsmarkt- und Familienpolitik.