Seitlicher Blick auf das gesamte D4 Gebäude.

#3 Blog: Was hab ich gestern eigentlich so gemacht?

Um das Ausmaß der bezahlten und unbezahlten Arbeit und der Arbeitsteilung in Paarhaushalten zu erfassen, wurden die TeilnehmerInnen zur eigenen Zeitverwendung, sowie zur Zeitverwendung der im gemeinsamen Haushalt lebenden Partnerin bzw. Partners befragt. Die TeilnehmerInnen wurden gebeten die Zeitverwendung in Intervallen von Viertelstunden für ausgewählte Tätigkeiten (Schlafen, Beruf, Freizeit, etc.) für den vorherigen Tages bzw. des letzten Werktages anzugeben. Wir haben die  Online-Erhebung  so gestaltet, dass jene Paarhaushalte, in denen beide PartnerInnen den Fragebogen ausfüllen, von uns durch einen PIN verknüpft werden können. Insgesamt nahmen 82 heterosexuelle Paare gemeinsam an der Erhebung teil, davon 38 Elternpaare und 44 Paare ohne Kinder unter 15 Jahren. Rund zwei Drittel dieser Paare haben den Fragebogen am selben Tag ausgefüllt.

Durchschnittliche Zeitverwendung nach Selbst- und Fremdangabe

Die Zeitangaben der jeweiligen Paarhaushalte erlauben uns einen Vergleich, inwieweit Selbst- und Fremdeinschätzung übereinstimmen. Tabelle 1 zeigt die durchschnittliche Zeitverwendung in ausgewählten Tätigkeiten für Frauen und Männern jeweils nach Selbst- und Fremdangabe. Frauen wenden im Schnitt etwa 2 Stunden weniger Zeit für berufliche Tätigkeiten auf als ihre Partner. Dies ist jedoch nicht mit einem Freizeitgewinn gleichzusetzen, denn die Befragung zeigt, dass Männer im Schnitt eine ½ Stunde mehr Zeit für Hobbys, Mediennutzung, Sport etc. haben. Interessanterweise geben Männer sowie Frauen im Schnitt selbst an, 3 Stunden für Hausarbeit aufzuwenden. Die Fremdeinschätzung zeichnet hier jedoch ein differenzierteres Bild: Männer geben an, dass Frauen rund 3 ½ Stunden Hausarbeiten verrichten, während Frauen der Meinung sind, dass ihre Partner nur rund 2 ½ Stunden Zeit für diese Tätigkeiten aufwenden. Somit sind sie sich beide schlussendlich jedenfalls einig, dass Frauen im Schnitt eine halbe Stunde mehr als Männer mit Arbeiten im Haushalt beschäftigt sind. Einig sind sich Männer und Frauen auch bezüglich der Verteilung der Kinderbetreuung. Während  sich Frauen im Schnitt rund 6 Stunden (bzw. 5 ½ Stunden nach Angaben der Partner) um die Kinder sorgen, sind es bei Männer im Schnitt nur die Hälfte (3 Stunden).

Tabelle 1: Durchschnittliche Zeitverwendung nach Geschlecht - Selbst- und Fremdangabe

Durchschnittliche Zeitverwendung nach Geschlecht - Selbst- und Fremdangabe

Anmerkung: * Kinderbetreuung nur die Angaben von Paarhaushalten mit Kindern unter 15 Jahren

Tabelle 1 zeigt dementsprechend, dass bezahlte und unbezahlte Arbeit unterschiedlich zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Die Hauptlast der unbezahlten Arbeit liegt auch während der COVID-19 Ausgangsbeschränkungen bei den Frauen. Jedoch wird ersichtlich, dass die Zeitangaben variieren, je nachdem ob Selbst- oder Fremdangabe herangezogen werden. Diese Diskrepanzen wollen wir  im nächsten Schritt genauer analysieren.

Differenz zwischen Selbst- und Fremdangabe

Für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer haben wir berechnet, wie genau diese die Zeitverwendung der Partnerin/ des Partners eingeschätzt hat. Ein Beispiel: der Partner gibt an, dass seine Partnerin 2 Stunden mit dem Kind gelernt hat. Die Partnerin hat für diese Aktivität jedoch nur 1 ½ Stunden eingetragen. Die Differenz von mehr (weniger) als einer ½ Stunde zeigt, dass der Partner also die Zeitverwendung der Partnerin über-/(unter)schätzt hat.

Grafik 1 zeigt Box-Plots für die Differenz zwischen Selbst- und Fremdangabe bei ausgewählten Tätigkeiten. Der Median wird als Strich innerhalb der Box dargestellt. Befindet sich der Strich auf der Nulllinie, liegen die PartnerInnenangaben im Mittel (Median) richtig. Liegt der Median unter der Nulllinie unterschätzen Frauen/Männer die Zeit ihres Partners/ ihrer Partnerin; liegt er darüber, so überschätzen sie die Zeit. Die Spannweite der Box (Interquartilsabstand) entspricht dem Bereich, in den die mittleren 50 % der Daten fallen. Ausreißer werden anhand der Punkte dargestellt.

In Grafik 1 sehen wir, dass Frauen im Mittel die Dauer, welche ihre Partner für Hausarbeit aufwenden um rund eine ½ Stunde unterschätzen. Ebenso wird die Zeit, die Väter mit ihren Kindern z.B. spielend oder sprechend verbringen von Frauen um rund einer ¼ Stunde unterschätzt. Anders bei der Freizeit ihrer Partner, diese wird von Frauen um rund einer ¼ Stunde überschätzt. Männer hingegen überschätzen wie lang ihre Partnerin schläft (um ca. 22 Minuten), Hausarbeiten verrichtet werden (¼ Stunde) und mit den Kindern gelernt wird (½ Stunde). 

Was sich durch die Analyse nicht beantworten lässt ist, welche Zeitangabe der tatsächlichen Zeitverwendung entspricht. Die eigenen Angaben zur Zeitverwendung können ebenso verzerrt sein, wie jene der Partnerin/ des Partners. Erklärungen dafür sind vielseitig: soziale Erwünschtheit kann etwa dazu beitragen, dass beispielsweise Männer (aber auch Frauen) welche von einer geschlechtergerechten Verteilung überzeugt sind, die Angaben so anpassen, dass sie diesem Ideal nahekommen (Überschätzung der eigenen Beteiligung bzw. der Beteiligung des Partners). Auch ist es denkbar, dass die Zeit welche für unliebsame Tätigkeiten, wie etwa Putzen von einer/einem selbst als länger eingeschätzt wird, als es tatsächlich der Fall ist. Für ein Vertrauen auf die Eigenangabe spricht, dass Partnerinnen und Partner oft nicht den ganzen Tag zusammen sind und deswegen einerseits nicht wissen können, wie genau der andere den Tag verbracht und andererseits die Effizienz, mit welcher manche Tätigkeiten verrichten werden, unter- oder überschätzt werden (Kamo 2000).

Grafik 1: Box-Plots über die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdangabe

Box-Plots über die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdangabe

Fazit

Die Verknüpfung der Antworten von 82 Paarhaushalten ermöglichte uns etwaige Unterschiede in der Wahrnehmung über die Zeitverwendung der Partnerin/ des Partners zu untersuchen. Zwar sind sich die befragten Paare nicht immer über die tatsächlich aufgewendete Zeit für verschiedene Tätigkeiten einig, jedoch herrscht Übereinstimmung, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung ungleich zulasten der Partnerin verteilt ist. Auch für zukünftige Zeitverwendungserhebungen wäre es interessant, die TeilnehmerInnnen zur Zeitverwendung der Partnerin/ des Partners zu befragen, um strukturelle Diskrepanzen genauer erforschen zu können.

Literatur

Kamo, Y. (2000). “He said, she said”: Assessing discrepancies in husbands' and wives' reports on the division of household labor. Social Science Research, 29(4), 459-476.