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In memoriam em.o.Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Stremitzer – ein Leben für die Universität

Die WU trauert um em.o.Univ.Prof. Dr.Dr.h.c. Heinrich Stremitzer, den ehemaligen Vorstand des Instituts für Versicherungswirtschaft und Rektor der WU in den Jahren 1981 bis 1983.

Wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag verstarb Heinrich Stremitzer nach einem erfüllten und ereignisreichen Leben. In diesem spielte die Wirtschaftsuniversität Wien die zentrale Rolle: erst als Student, später als Assistent, schließlich als Professor und Vorstand des Instituts für Versicherungswirtschaft, als Rektor und auch weit über seine Emeritierung hinaus. In seinem Selbstverständnis war die WU sein Leben.

Doch alles der Reihe nach. Nach seinem Abschluß als Diplomkaufmann an der Hochschule für Welthandel, wie die Institution damals hieß, wurde Heinrich Stremitzer Assistent bei Eberhard Witte an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg. Dieser war nicht nur einer seiner prägenden akademischen Lehrer, sondern auch Nukleus des Kreises der Witte-Schüler, die einander regelmäßig, etwa im Umfeld der Tagungen des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft, begegnen. In Hamburg lernte Stremitzer zudem seine Frau Maren kennen, ebenfalls eine Eindruck machende Persönlichkeit, die ihm stets eine unschätzbar starke Stütze auch in schwierigen Zeiten war, nicht zuletzt, sondern besonders auch in seinen letzten Wochen und Tagen.

Die Möglichkeit, bei Willy Bouffier an einem der ältesten und renommiertesten Institute der Hochschule für Welthandel, dem Institut für Industrie, zu promovieren („Die Wirkung des Wirtschaftlichkeits-, Rentabilitäts- und Liquiditätsprinzips auf die Unternehmenspolitik“, 1961), führte Stremitzer wieder nach Wien zurück. Das Arbeitsleben bei Bouffier war lehrreich und intensiv, nicht genug damit, unterrichtete Stremitzer noch zusätzlich an fünf Abenden die Woche am Wifi, damit seine mittlerweile angewachsene Familie (zwei Töchter, zwei Söhne) anständig versorgt war. In gewisser Weise war Stremitzer solches gewohnt, hatte er schon sein Studium unter anderem als Hotelnachtportier, Parkplatzanweiser oder mit der geologischen Aufnahme der Schobergruppe, wovon heute noch eine einschlägige Karte Zeugnis gibt, finanziert. Es war typisch für ihn, daß er sich für keine Arbeit zu schade war, und jene schätzte und förderte, die ihm das gleich taten.

In dieser Zeit war es gängige Praxis, daß jeder Betriebswirt auch im Rechnungswesen ausgewiesen war. Im Umfeld von Bouffier tätig zu sein, tat dabei gewiß ein Übriges. Jedenfalls wurde Stremitzer Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und betrachtete das Rechnungswesen als das verbindende Element in den sich zunehmend herausbildenden Spezialisierungen der Betriebswirtschaftslehre, es galt das Wort vom Rechnungswesen als der „geronnenen betriebswirtschaftlichen Vernunft“. Auch später taten Studierende und Mitarbeiter bei Stremitzer gut daran, eine Schwäche für das und keine im Rechnungswesen mitzubringen. Zu dem trat eine ausgeprägte Neigung zu praktischen Problemstellungen – die Betriebswirtschaftslehre sollte dazu beitragen, unternehmerische Herausforderungen zu meistern, Richtungen, die Erich Loitlsberger als „Modellplatonismus“ apostrophierte, waren gar nicht sein Metier.

Aus der Zeit am Institut von Bouffier stammt auch Stremitzers Bezug zur Zeitschrift „Der Österreichische Betriebswirt“ (wer genau schaut: am Porträt als Rektor, das in der Galerie im LC hängt, hält Bouffier ein Exemplar in der Hand), später umbenannt in „Journal für Betriebswirtschaft“, heute „Management Review Quarterly", für die er viele Jahre als Schriftleiter tätig war.

Bouffier verstarb überraschend und viel zu früh, als daß Stremitzer seinen nächsten akademischen Entwicklungsschritt, die Habilitation, hätte angehen können. Im Gegenteil, nun mußte er das Institut und die damit verbundenen Lehraufgaben mehr oder minder im Alleingang bewältigen. Für die Studierenden war das kein Schaden, konnte Stremitzer hier doch seine Stärken in der Lehre voll zur Geltung bringen. Dabei war er kein Vollständigkeitsfanatiker, dem es auf die lückenlose Umsetzung eines formalen Lehrplanes ankommen würde. Nein, vielmehr war es ihm ein Anliegen, ein Problem, auf das die Sprache, vielleicht aus aktuellem Anlaß, gekommen war, so lange zu drehen und zu wenden, so lange Umgebungsvariablen und Prämissen zu variieren, wie es nur ging. Das verstand er meisterhaft, und das barg für Studierende (und später auch für Mitarbeiter) eine Lern- und Entwicklungsmöglichkeit, die zwar auf keinem Studienplan stand, die aber, wenn man sich die Analysefähigkeit, die Flexibilität im Denken aneignen konnte, von unschätzbarem Wert war. In der Tat konnten dann die zwangsweise unbehandelt gebliebenen Inhalte getrost dem Selbststudium überlassen werden, dann man war fit für diese und auch zukünftige, noch gar nicht vorhersehbare Aufgaben. Es wundert dann nicht, wenn platte Verweise, etwas sei gängige Praxis oder herrschende Lehre, für Stremitzer das sprichwörtliche rote Tuch waren, einer seiner ganz tiefen und beherrschenden Wesenszüge.

Nicht unerwähnt darf im Hinblick auf seinen Umgang mit Studierenden bleiben, daß ihnen seine Tür stets offen stand. Er nahm sich ihrer Anliegen nicht nur während der offiziellen Sprechstunde an, sondern es war ihm ein Bedürfnis, sich auch abseits davon viel Zeit für Studierende zu nehmen, ein bemerkenswerter Gegensatz zu einer Situation, die vielfach als Massenuniversität beklagt wird.


Völlig überraschend tat sich in einer Expansionsphase der Hochschule für Welthandel eine Möglichkeit auf, auf die Hans Krasensky aufmerksam machte und Stremitzer in der Hinsicht förderte. Er habilitierte 1973 mit einer wegweisenden Arbeit zur Produktehaftplicht und ihrer risikopolitischen Handhabung und wurde auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Versicherungsbetriebslehre berufen. Gängige Anekdote der anschließenden Pionierphase ist jene, daß die Frage der Institutsräumlichkeiten letztlich bei einem Schirennen entschieden wurde, was ein Schlaglicht auf Stremitzers sportliche Ambitionen wirft, zu denen es auch gehörte, mit den Schi am Rucksack über den Stüdlgrat hinaufzuklettern und auf der anderen Seite des Glockners wieder abzufahren. Die „wilden“ Zeiten waren dann nach einem Unfall (der Sprung über eine Geländekante war dann doch zu hoch – doppelter Fersenbeinbruch) vorbei, aber es blieb immer beeindruckend, wie er durch üblen Bruchharsch fuhr, als wäre es Butterfirn. Dazu muß man noch wissen, daß er das mit angejahrten „Bretteln“ deutlich jenseits der 2 Meter Länge machte und dabei genußvoll all jene Lügen strafte, die meinten, Schi könne man nur mit der alleraktuellsten Ausrüstung fahren.

Einen weiteren Rückschlag mußte Stremitzer während seiner Zeit als Rektor der nunmehrigen Wirtschaftsuniversität hinnehmen. Zu gerne hätte er seine Rolle bei der Eröffnung der neuen WU in der Augasse 1982 eingenommen, eine Herzattacke hat das verhindert. Nicht ganz unmaßgeblich dürfte dabei das enorme Arbeitspensum Stremitzers gewesen sein. Illustriert wird das durch die den Mitarbeitern notorische 16/24-Regel, der Begriff stammt nicht von Stremitzer, wohl aber der Inhalt: der Tag hat 24 Stunden, 16 gehören dem Institut. Für sich selbst galt das häufig alle 7 Tage der Woche, Mitarbeiter bekamen 2 Tage nachgesehen. Aber auch da war man vor sonntäglichen Anrufen („Ich suche gerade …“, „Haben Sie noch im Kopf …“) nicht gefeit.

Ergebnis seiner Arbeitsleistung und jener ebenso motivierter Mitarbeiter waren die ambitionierte Ausgestaltung einer der vielfältigsten SBWLs der WU, wie auch des Universitätslehrganges für Versicherungswirtschaft, der sich als Weiterbildungsangebot neben dem Regelstudium verstand. Beide gestalteten sich in reger Beteiligung von Vertretern der Versicherungswirtschaft, was zum Beispiel hinsichtlich des Spartenwissens gar nicht anders denkbar ist. Auch hier stand im Zentrum die Person Stremitzer, der es verstand, die richtigen Leute für seine Ideen zu begeistern. Gedankt wurde ihm sein großes Engagement nicht zuletzt durch die Verleihung des Großen Goldenen Ehrenzeichens für die Verdienste um die Republik Österreich wie auch der Ehrendoktorwürde der Wirtschaftsuniversität Budapest.

Müßiggang war also alles andere als seine Sache. In einem Verständnis, das über Universität als Ort der Forschung und Lehre hinausging, engagierte er sich für Projekte wie WU Chor und WU Theatergruppe. Zusätzlich zur unmittelbaren Tätigkeit am Institut kam auch noch nach seiner Zeit als Rektor dazu, daß er Aufgaben in der akademischen Selbstverwaltung mit großer Ernsthaftigkeit betrieb, kaum ein Gremium an der WU, in dem er nicht vertreten war. Darüber hinaus kamen noch ungemein viele weitere Tätigkeiten, ich greife völlig willkürlich nur zwei heraus, von denen ich den Eindruck hatte, sie wären ihm eine besondere Herzensangelegenheit: Das Tiroler Studentenheim und die Academia Scientiarum et Artium Europea.

A propos Latein: Nur zu gerne hätte er sich mit seinen Mitarbeitern auf Altgriechisch verständigt, aber das vermochten die mehrheitlich nicht zu leisten. Latein tat es dann auch. Sehen wir von Urlaubsgrüßen ab, so gab es immer wieder Gelegenheit zu einschlägiger Konversation, Laudationes in Latein waren ohnehin Ausdruck seiner höchsten Wertschätzung. Sein Sprachentalent (zuletzt interessierte sich Stremitzer für Zimbrisch) half ihm auch, als er sich in den 80er Jahren der Internationalisierung der Wirtschaftsuniversität zuwandte. Heute sind die vielen Kooperationen und Partnerschaften der WU wie auch ihre Zugehörigkeit zu CEMS eine Selbstverständlichkeit, damals mußte alles erst peu à peu aufgebaut werden. Das funktionierte im Wesentlichen über persönliches Engagement. Wie schon in der Lehre, so entfaltete Stremitzer auch hier im direkten Kontakt Wirkung, bereiste Universitäten weltweit und interessierte diese für die WU. In Wien zurück, trieb er Wohnungen für die Gaststudierenden und ankommenden Fakultätsangehörigen auf, renovierte, malte aus, während seine Frau Vorhänge nähte.

Der zweite Aspekt der Internationalisierung bestand in der Teilnahme an facheinschlägigen Konferenzen. Früher war das im Wesentlichen auf den deutschen Sprachraum beschränkt, etwa im Rahmen des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft mit seinen Kommissionen oder des Deutschen Vereins für Versicherungswirtschaft. In beiden war Stremitzer auch in Leitungsgremien engagiert. Nun kamen zahlreiche Veranstaltungen im übrigen Europa, vor allem aber auch in Übersee dazu. Dort war er nicht schlichter Zuhörer, sondern ungemein präsent. Seine schon angesprochene analytische Gabe machte ihn auch neuen Entwicklungen anschlußfähig, wofür er als Diskutant geschätzt und gerne gesehen war. Darüber hinaus war Stremitzer fachlich ausnehmend belesen und zudem gedächtnisstark, was ihn weitgehend immun gegenüber „Alter Wein in neuen Schläuchen“-Versuchen machte. Natürlich brachten diese Reisen zahlreiche Kontakte ein, sodaß Stremitzer nie um die Nennung eines geeigneten Namens verlegen war, wenn die Frage einer Gastprofessur an der WU im Raum stand.

Als Mitarbeiter konnte man an diesen Dingen teilhaben, zu einer Zeit, als das noch recht ungebräuchlich war. Man konnte aufkeimende Themen frühzeitig wahrnehmen, kam in Stremitzers Kielwasser zu Kontakten und konnte fachlichen Austausch pflegen. Er half bei der Finanzierung von Konferenzreisen und Auslandsaufenthalten (unter der strengen Nebenbedingung, daß man nicht teurer als Stremitzer reisen durfte – und der war außerordentlich sparsam). Bei der Wahl von Themen und Interessenslagen gewährte Stremitzer große Freiheit, bei der konkreteren Ausgestaltung, Formulierung von Thesen und Schlußfolgerungen war er ein ungemein wendiger und kritischer Geist, dem Schwächen in der Gedankenführung nicht verborgen blieben. Auf diese Weise eröffnete er seinen Mitarbeitern Entwicklungschancen und befreite deren Forschungstätigkeit sukzessive von Irrwegen, Argumentationsschwächen, übersehenen Alternativansätzen, kurz: von allen Schlacken. Wenn man das so sehen will, dann hatte Stremitzer dergestalt etwas von einer Personifizierung der kritischen Funktion der Wissenschaft. Das war natürlich für alle anstrengend und zeitintensiv, doch ich kenne keinen, der schließlich nicht in höchstem Maß dankbar für Stremitzers Beitrag war.

Auch nach seiner Emeritierung blieb Stremitzer höchst aktiv, zeigte über Österreich hinaus Präsenz etwa bei Konferenzen oder im Rahmen von Akkreditierungaufträgen. Bezeichnend dafür ist folgende Begebenheit: In seinen letzten Wochen kam die Frage auf, welchen Wunsch er sich noch erfüllen wollen würde: „Die Tagung in Spanien …“ (die er Tage zuvor abgesagt hatte, weil es seine Gesundheit nicht mehr zuließ).

Ein unermüdliches, intensives, vielschichtiges Leben hat sein Ende gefunden. Wer daran teilhaben durfte, dem bleibt nur eines: De laboribus operisque vestris plurimas gratias agimus!  



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