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Wie die USA zum größten Auslandsschuldner der Welt wurden

Außen­wirt­schaft­li­ches Ungleich­ge­wicht: Wie die USA zum größten Auslands­schuldner der Welt wurden Die USA haben sich, begin­nend mit Ende der 1980er Jahre, vom eins­tigen Netto­gläu­biger zum heute größten Auslands­schuldner welt­weit entwi­ckelt. Im Zeit­raum zwischen 2006 und 2014 belief sich ihr Netto­aus­lands­ver­mögen auf durch­schnitt­lich rund minus 23 Prozent des US-B­rut­to­in­lands­pro­dukts. Katrin Rabitsch vom WU Institut für Außen­wirt­schaft und Entwick­lung widmet sich in einer ihrer Studien der Frage, ob von den USA dadurch eine Gefahr ausgeht. Ihre Studie zeigt, dass ein Teil der US-Aus­lands­schuld durch struk­tu­relle Unter­schiede erklärbar ist: die USA haben aufgrund ihres entwi­ckelten Finanz­markts und hoher Offen­heit zum inter­na­tio­nalen Finanz­markt ein, relativ zu anderen Ländern betrachtet, gerin­geres Motiv „Vorrats­ver­mögen" anzu­häufen.

Die Wirt­schafts­lage von Volks­wirt­schaften ist heute sowohl über den Außen­handel am Güter­markt als auch über den inter­na­tio­nalen Handel von Vermö­gens­w­erten stark vernetzt. Die letzten Jahr­zehnte brachten eine noch nie dage­we­sene Welle der inter­na­tio­nalen Kapi­tal­markt­in­te­gra­tion. Die USA entwi­ckelten sich dabei zum größten Auslands­schuldner welt­weit. Die Netto­aus­lands­ver­mö­gens­po­si­tion der USA berechnet sich aus dem Saldo des Finanz­ver­mö­gens, welches US-In­ves­to­rInnen im Ausland halten und jenem Finanz­ver­mögen von Auslän­d­e­rInnen, welches in den USA gehalten wird. Aktuell zeigt sich der Saldo negativ. Dies bedeutet, dass die USA mehr auslän­di­sche Verbind­lich­keiten als Forde­rungen haben, und somit Netto­schuldner sind. Auf der Gläu­bi­ger­seite stehen insbe­son­dere China, Japan sowie weitere asia­ti­sche Schwel­len­länder. Entgegen der Theorie „Der Güter­handel ist in den letzten drei Jahr­zehnten stark gewachsen, der Finanz­handel aller­dings hat nochmal ein zirka 8-fach so starkes Wachstum verzeichnet“, erklärt WU-Wis­sen­schaft­lerin Katrin Rabitsch. Am WU-In­stitut für Außen­wirt­schaft und Entwick­lung beob­achten sie und ihre Kolle­gInnen, dass in den letzten Jahr­zehnten außen­wirt­schaft­liche Ungleich­ge­wichte zuge­nommen haben – das heißt einige Länder gegen­über dem Ausland lang­an­hal­tend verschuldet sind. „Die Tatsache, dass sich die USA zum größten Auslands­schuldner der Welt entwi­ckelt haben, ist für die ökon­o­mi­sche Stan­dard­theorie doch erstmal überr­a­schend. Eigent­lich geht diese davon aus, dass ärmere Länder sich bei reicheren verschulden, um ihren wirt­schaft­li­chen Aufhol­pro­zess zu finan­zieren und nicht – wie sich zeigt – umge­kehrt“, erklärt Rabitsch.

Struk­tu­rell erklärbar

Diese Entwick­lung sei aller­dings nicht auto­ma­tisch beun­ru­hi­gend, so die Forscherin, „Unsere Model­lie­rungen zeigen, dass ein Teil des außen­wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wichts der USA struk­tu­rell erklärbar ist, und daher nicht notwen­di­ger­weise drohende Insta­bi­lität bedeutet. Durch einen besser entwi­ckelten Finanz­markt und einen einfa­cheren Zugang zum inter­na­tio­nalen Finanz­markt können die USA besser Risiken abde­cken. Ein Land ohne solcher Mögl­ich­keit kann dem Risiko eines schlechten Jahres, nur durch Vorrats­sparen entgegnen, um in schlechten Zeiten auf dieses Spar­ver­mögen zurück­greifen zu können.“ Länder mit unter­ent­wi­ckeltem Finanz­markt oder Länder, die sich erst später gegen­über dem inter­na­tio­nalen Kapi­tal­markt geöffnet haben, haben im Vergleich zu den USA so ein stär­keres Bestreben Vorrats­ver­mögen anzu­häufen. Sie werden laut Studie daher eher Netto­sparer, d.h. eher Gläu­biger gegen­über den USA, die USA eher Schuldner gegen­über dem Rest der Welt. Ähnliche Überl­e­gungen, dass entwi­ckelte Länder ihre Risiken besser absi­chern können, dürften auch ein Grund dafür sein, warum die Daten­lage daraufhin deutet, dass entwi­ckelte Länder, allen voran die USA, ihr Auslands­ver­mö­gens eher in Form von risi­ko­rei­cheren Vermö­gens­w­erten inves­tieren als Entwick­lungs- und Schwel­len­länder.    

Das große Ganze verstehen

Das Tempo, mit dem der inter­na­tio­nale Finanz­handel zuge­nommen hat, ist heute so enorm hoch, dass es ständig Neues zu verstehen gilt, und die ökon­o­mi­sche Theorie hier oft hinter­her­hinkt. Die hohen Auslands­schulden der USA bleiben Bestand kriti­scher Beob­ach­tung, auch weil diese in den letzten Jahren noch­mals ange­zogen haben und 2016 bei -41,6% des US Brut­to­in­lands­pro­dukts liegen (Bureau of Economic Analysis, vorläufige Schät­zung, 3.Quartal 2016). Die Forschungs­agenda, diese laufenden Verän­d­e­rungen zu verstehen und zu erklären, um einschätzen zu können ob oder wann von der inter­na­tio­nalen Finanz­ar­chi­tektur Insta­bi­lität zu erwarten ist, höre daher laut Rabitsch nicht auf. „Wichtig ist, in Zukunft diese Entwick­lungen auch als System zu begreifen. Die jüngste Wirt­schafts­krise hat gezeigt, dass es eben nicht ausreicht, wenn für sich genommen einzelne Insti­tu­tionen für "in Ordnung" befunden werden, sondern, dass es eine syste­mi­sche Kompo­nente gibt. Ähnli­ches gilt auch für das inter­na­tio­nale Finanz­system“, so Katrin Rabitsch.  

Dr. Katrin Rabitsch ist Assis­tenz­pro­fes­sorin am Institut für Außen­wirt­schaft und Entwick­lung an der WU. 2008 erhielt sie ihren PhD in Econo­mics am Euro­pean Univer­sity Insti­tute, Florenz. In ihrer Forschung widmet sie sich den Berei­chen Inter­na­tio­nale Makro­ö­ko­n­omie und mone­täre Außen­wirt­schaft, Konjunk­tur­zy­klen, Geld­theorie und -politik sowie Finanz­markt­frik­tionen in der Makro­ö­ko­n­omik. Sie publi­zierte bereits in zahl­rei­chen inter­na­tional renom­mierten wissen­schaft­li­chen Jour­nalen wie dem Journal of Inter­na­tional Econo­mics oder dem Journal of Money, Credit and Banking, und ist auch selbst als Gutach­terin für Fach­jour­nale aktiv. Von 2014 bis 2016 leitete die Ökon­omin an der WU das EU-dritt­mit­tel­fi­nan­zierte Projekt 'FinMaP: Finan­cial Distor­tions and Macro­eco­nomic Perfor­mance'. Im Herbst 2016 erhielt sie ihre Venia docendi (Habi­li­ta­tion). Die WU zeich­nete Katrin Rabitsch bereits zweimal mit dem WU Best Paper Award aus.  

Pres­se­kon­takt:
Mag. Anna Maria Schwen­dinger
PR-Re­fe­rentin
Tel: + 43-1-31336-5478
E-Mail: anna.schwen­din­ger@wu.ac.at

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