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Bringt Homeoffice mehr ausgeglichene Arbeitsteilung im Haushalt?

10. Juni 2020

Antwort von Katharina Mader, Wissenschaftlerin am Institut für Heterodoxe Ökonomie.

Maria W.: Bringt Homeoffice mehr ausgeglichene Arbeitsteilung im Haushalt? Arbeiten Menschen in Summe mehr im Homeoffice?

Katharina Mader, Wissenschaftlerin am Institut für Heterodoxe Ökonomie:

Studien aus Deutschland aus dem Vorjahr – also aus Vor-Krisenzeiten – zeigen drei wesentliche Erkenntnisse:  Erstens, Homeoffice bringt weder Müttern noch Vätern einen Freizeitgewinn. Zweitens, Mütter, die im Homeoffice arbeiten, kümmern sich zwischen eineinhalb und drei Stunden länger um die Kinder als Mütter mit fixen Arbeitszeiten. Gleichzeitig widmen sie sich aber auch rund eine Stunde länger der Erwerbsarbeit. Drittens kümmern sich Väter im Vergleich dazu seltener um die Kinder als ihre Kollegen Arbeitsplätzen außerhalb des eigenen Haushalts. Die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, hat keinen Einfluss auf ihr Engagement für die Familie. Was bei Männern außerdem auffällt: Je flexibler das Arbeitszeitarrangement, desto mehr Überstunden für ihre Erwerbsarbeit machen Väter.

Homeoffice verändert also nicht (automatisch) Geschlechterrollen und die Verteilung von unbezahlter Arbeit. Interessanterweise haben Frauen auch genau auf Basis dieser Rollenbilder seltener Zugang zum Homeoffice, denn ihnen wird unterstellt, dass sie sich zu Hause nebenbei um Kinder und Haushalt kümmern werden, statt konzentriert zu arbeiten. Daher – so haben die Befragungen aus Deutschland ergeben – befürchten Frauen auch weitaus häufiger als Männer berufliche Nachteile, wenn sie Homeoffice in Anspruch nehmen, unabhängig ihres Karrierelevels (Lott 2018; Lott 2020).

Manche Ökonom*innen argumentieren nun seit Beginn der COVID-19 Pandemie, die Krise werde wie eine „Gleichmacherin“ zwischen den Geschlechtern wirken. Denn Väter, die nun zum Homeoffice gezwungen wurden, würden nun sehen, wie viel Zeit und Energie Hausarbeit und Kinderbetreuung brauchen. In weiterer Folge würden sie daher in der Zukunft eher bereit sein, einen größeren Anteil der unbezahlten Arbeit zu übernehmen. Mehr Gerechtigkeit zwischen Geschlechtern sei daher eine erwartbare Folge der Pandemie.

Wir haben zwischen dem 20.04.2020 und 14.05.2020, das heißt während der strikten Ausgangsbeschränkungen, mittels eines Online-Fragebogens Daten erhoben und werten diese zurzeit aus, um einen ersten Test dieser Hypothese vorzunehmen.

Was wir bislang sehen ist, dass die Pandemie in Kombination mit Kindergarten- und Schulschließungen sowie der Nicht-Verfügbarkeit von Großeltern, die große Gefahr birgt, die Kinderbetreuung und Pflege von Angehörige verstärkt ins Private zu verlagern. Die Zeit der Ausgangsbeschränkungen bedeutete dementsprechend für viele Eltern Stress, Überlastung und das Gefühl unfairer Aufgabenverteilung. Viele Streitigkeiten in Partnerschaften entstanden rund um die Wertschätzung von Kinderbetreuung und Hausarbeit als Arbeit versus Homeoffice als Arbeit. Oftmals stand der Konflikt im Mittelpunkt: Welche Tätigkeit ist wie viel wert und wer „darf" deshalb wie viele Stunden am Tag erwerbstätig sein.

Schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Ähnlich wie in offiziellen Zeitverwendungserhebungen üblich, baten wir die Menschen ihre Zeitverwendung von gestern bzw. vom letzten Werktag in Intervallen von Viertelstunden anzugeben. Für viele Menschen ergab sich durch die Begrenzung auf 24 Stunden eine große Schwierigkeit, denn vor allem Nebentätigkeiten haben sich durch den Lockdown enorm verschärft zum Beispiel, wenn Kinder während des Homeoffice im gleichen Zimmer betreut werden (müssen). Eine wesentliche Rückmeldung der Befragten, dass derzeitige Tage keine 24 Stunden haben, sondern vielmehr 36 bis 42 Stunden, spiegelt diese Überbelastung wider.

Betrachten wir bezahlte und unbezahlte Arbeiten, so arbeiteten Frauen und Männer während der Ausgangsbeschränkungen zwischen 11 und 15 Stunden pro Tag. Alleinerzieherinnen kamen mit knapp 15 Stunden auf die meisten Stunden, wobei sie davon 9 Stunden unbezahlte Kinderbetreuung und Hausarbeit verrichteten. Mütter in Paarhaushalten mit Kindern kamen jedoch erstmals auf sehr ähnliche Zahlen und arbeiteten 14 ¼ Stunden – 9 ½ davon unbezahlt. Väter in Paarhaushalten arbeiteten hingegen knappe 13 ¾ Stunden und knapp 7 unbezahlt. Diese Relationen zeigen sich vor allem auch in Haushalten mit Kindern unter 15 Jahren, in denen beide Eltern während der Ausgangsbeschränkungen im Homeoffice waren. Diesbezüglich zeigen die Antworten aus dem Fragebogen auch die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Homeoffice und Kinderbetreuung: „Ich kann gar nicht sagen wie unmöglich es ist Kinderbetreuung und Homeoffice zu vereinbaren“.

Homeoffice und das „Zuhause sein“ verstärken vorhandene Rollenbilder und Strukturen vielmehr als sie anzugleichen und haben damit eine massive Mehrfachbelastung für Frauen zur Folge. So zeigen unsere Ergebnisse beispielsweise auch große Unterschiede bei der Zeitverwendung in jenen Paarhaushalten in denen „er”, der Familienernährer, Vollzeit erwerbstätig ist und „sie” als Zuverdienerin Teilzeit beschäftigt ist. Dort arbeiten Frauen 13 ¼ Stunden, 7 ½ unbezahlt, während Männer 13 Stunden arbeiten, davon knappe 5 unbezahlt.

Gleiche Arbeitsteilung bei Paaren ohne Kinder

Im Unterschied dazu sind die Arbeitszeiten in Paarhaushalten im Homeoffice ohne Kinder sehr viel egalitärer verteilt. Dort waren beide knappe 8 Stunden erwerbstätig und machten zusätzlich ca. 3 Stunden lang Arbeiten im Haushalt. Unsere Ergebnisse zeigen dementsprechend auch, dass sich vor allem ab dem Zeitpunkt, ab dem Kinder in einem Haushalt leben, traditionelle Rollenbilder etablieren, aus deren Fahrwasser nach der längeren Elternkarenz der Frauen viele Paare nicht mehr herauskommen. Es ist nach wie vor oft selbstverständlich, dass Frauen für große Teile der unbezahlten Arbeit zuständig sind.

Erstmals scheint klar zu werden –  wenn Schulen, Kindergärten und Großeltern, aber auch 24-Stunden PflegerInnen nicht mehr zur Verfügung stehen (können) – was für Netzwerke an un(ter)bezahlter Arbeit eigentlich notwendig sind, wenn es um die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen geht. Die derzeitige Situation macht also auch deutlich: Wenn eine Gesellschaft nach mehr Geschlechtergerechtigkeit strebt, dann muss es ganz wesentlich um eine Umverteilung der unbezahlten Arbeit im Privaten gehen. Gerade zwischen heterosexuellen Paaren müssten Arbeitsaufteilungen neu verhandelt werden, damit Frauen und Männer auch am Arbeitsmarkt gleichberechtigt auftreten können.

Weitere Ergebnisse unserer Befragung veröffentlichen wir regelmäßig hier: www.wu.ac.at/vw3/forschung/laufende-projekte/genderspezifscheeffektevoncovid-19

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