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Studienpräsentation und Podiumsdiskussion zum Nutzen der stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen in Burgenland

Vor welchen Chancen und Herausforderungen steht der Bereich der stationären und mobilen Pflege und Betreuung in Österreich? Im Rahmen einer Fachveranstaltung am 27.03.2019 an der WU Wien präsentierten Christian Schober und Flavia-Elvira Bogorin die Ergebnisse einer aktuellen SROI-Studie zur stationären Pflege im Burgenland und setzten diese in Vergleich zu früheren Ergebnissen aus Niederösterreich und der Steiermark. Im Anschluss diskutierten ExpertInnen über die aktuelle Situation in der Pflegebranche und gaben einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen in der mobilen und stationären Pflege.

Mehrfach konnte das NPO & SE Kompetenzzentrum mittels Social Return on Investment (SROI) Studien nachweisen, dass Investitionen in die Pflege und Betreuung einen wesentlichen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. In einer 2015 veröffentlichten Studie wurden die gesellschaftlichen und ökonomischen Wirkungen der stationären Pflege- und Betreuungseinrichtungen in Niederösterreich und der Steiermark analysiert. Dafür wurden unter Anwendung einer SROI-Analyse Wirkungsketten für die relevanten Stakeholdergruppen erstellt. Der SROI-Logik folgend wurden Wirkungen identifiziert, quantifiziert und monetarisiert. Die in Geldeinheiten bewerteten Wirkungen wurden schließlich den Investitionen in die Alten- und Pflegeheime gegenübergestellt. Somit ergaben sich SROI-Werte von 2,93 in Niederösterreich und 2,95 in der Steiermark.

Rund drei Jahre später ist nun eine Folgestudie erschienen, welche eine Adaption für das Bundesland Burgenland zum Inhalt hat. Aufbauend auf dem Konzept der Vorgängerstudie sowie auf den vorangegangenen Ergebnissen wurde ebenfalls eine SROI-Analyse zur Bewertung des gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzens der Alten- und Pflegeheime im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für HeimleiterInnen und PflegedienstleisterInnen der Alten- und Pflegeheime Burgenlands vorgenommen. Das bereits erarbeitete Wirkungsmodell für Niederösterreich und die Steiermark wurde auf seine Anwendbarkeit im Burgenland sowie auf dessen Aktualität hin untersucht. Die Stakeholderauswahl sowie die stakeholderspezifischen Wirkungen wurden gemäß der burgenländischen Pflegelandschaft adaptiert. Darüber hinaus wurden Indikatoren, die in der Vorgängerstudie für die Quantifizierung und Monetarisierung der identifizierten Wirkungen herangezogen wurden, für die Folgestudie überprüft und, wo nötig, überarbeitet oder ergänzt.

Erneut zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie die hohe Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit der stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen im Burgenland. Der SROI-Wert für das burgenländische System beträgt 3,62 und ist somit sogar etwas höher als für Niederösterreich und die Steiermark berechnet. Die bedeutendsten positiven Wirkungen entstehen für die Stakeholdergruppen der BewohnerInnen und der Krankenhäuser, gefolgt von den Angehörigen. Diese drei Stakeholder vereinen gemeinsam um die 75% der Gesamtwirkungen auf sich. Die BewohnerInnen profitieren insbesondere von der Verbesserung ihres allgemeinen physischen Zustands aufgrund der verringerten Wahrscheinlichkeit, dass sie während des Aufenthalts in den stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen von diversen pflegerische bzw. medizinische Problemen betroffen werden. Dies führt letztendlich auch zu einer längeren Lebenserwartung, da sie durch entsprechende Pflege und Betreuung nicht verwahrlosen und früher versterben. Eine entsprechende Betreuung der BewohnerInnen im stationären Pflegesystem bringt auch den Krankenhäusern einen wesentlichen Nutzen, indem etwaige Fehlbelegungen verhindert werden. Den Angehörigen kommen insbesondere eine geringere psychische und physische Belastung sowie eine zeitliche Entlastung, aufgrund der Übernahme der Pflegetätigkeiten zugute

Podiumsdiskussion zu den Chancen und Herausforderungen des Gesamtsystems in der Pflege und Betreuung in Österreich

Im Anschluss an die Studienpräsentation diskutierten ExpertInnen aus dem mobilen und stationären Pflegebereich die Ergebnisse der burgenländischen Studie, gleichzeitig auch in Anbetracht der Erkenntnisse aus Niederösterreich und der Steiermark. Darüber hinaus setzte sich die ExpertInnenrunde auch mit den Zukunftsaussichten der Pflegebranche auseinander, indem über Themen wie die Abgrenzung zwischen stationärer und mobiler Pflege sowie die aktuelle Rolle und das zukünftige Potenzial von alternativen Betreuungsformen reflektiert wurde. Daneben wurden auch viele weitere brisante Themen angesprochen, auf die sich unterschiedliche Pflegeformen auswirken können. So wurde beispielsweise die Frage der Abwanderung von Arbeitskräften aus osteuropäischen Staaten ebenso kritisch beleuchtet, als auch die voranschreitende Digitalisierung und deren mögliches Potential im Hinblick auf neue Arten der Betreuungsmöglichkeiten angesprochen.

Fotos: Gabriele Tupy, Benedikt Nutzinger

Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation von Constanze Beeck:

  • Josef Berghofer, Vorsitzender, ARGE für HeimleiterInnen und PflegedienstleiterInnen der Alten- und Pflegeheime Burgenlands

  • Marianne Hengstberger, Geschäftsführerin, Wiener Sozialdienste Alten- und Pflegedienste GmbH

  • Markus Mattersberger, Präsident, Lebenswelt Heim, Bundesverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs

  • Christian Schober, wissenschaftlicher Leiter, NPO & SE Kompetenzzentrum, WU Wien

  • Birgit Trukeschitz, Wissenschaftlerin, Forschungsinstitut für Altersökonomie, WU Wien

  • Romana Winkler, Geschäftsführerin, Landesverband Altenpflege Steiermark

Unter reger Beteiligung der Zuhörenden waren sich die ExpertInnen und das Publikum einig, dass stationäre sowie mobile Pflege gleichermaßen relevant sind. Diese und weitere Formen der Pflege sowie deren technische Aspekte sollen – oder müssen vielleicht sogar – wie ein bunter Blumenstrauß für all diejenigen im Angebot stehen, die Hilfe und Unterstützung in verschiedenartigster Form benötigen.

Mag.Dr.rer.soc.oec. Christian Schober
Christian Schober
Wissenschaftlicher Leiter, Senior Researcher
Aufgaben: Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Evaluation, SROI-Analysen, Finanzierung, Spendenverhalten, Arbeitszufriedenheit und Motivation, Altenpflege und –betreuung, Menschen mit Behinderung bzw. Barrierefreiheit
Flavia-Elvira Bogorin, BA, MSc (WU)
Flavia-Elvira Bogorin
Researcherin
Aufgaben: Jugend & Familie, Gesundheitsförderung & Prävention, Altenpflege- & Betreuung, Wohnungslosigkeit, Freiwilligenarbeit, Zivilgesellschaft