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Die Betreuungskomplexität von Kindern und Jugendlichen

Seit einigen Jahren hört man von Fachkräften, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, dass schwierige komplexe Fallgeschichten beziehungsweise sogenannte Multiproblemfälle deutlich zunehmen.

Dies war der Ausgangspunkt einer Erhebung unter langjährigen MitarbeiterInnen von Nonprofit Organisationen (NPOs), die in der Kinder- und Jugendbetreuung beziehungsweise -therapie tätig sind. Ziel der Studie war herauszufinden, inwiefern sich die Betreuungskomplexität von Kindern und Jugendlichen in den letzten 20 Jahren verändert hat. Das Kompetenzzentrum für Nonprofit Organisationen und Social Entrepreneurship wurde Anfang 2019 von der Caritas Wien, Diakonie Österreich, SOS Kinderdorf, VKKJ und Vorarlberger Kinderdorf mit der methodischen Umsetzung dieser Studie beauftragt.

Bisherige Studien haben die Perspektive von Fachkräften, welche die Kinder und Jugendlichen behandeln oder betreuen, wenig beleuchtet. Der nun vorliegende Bericht schließt diese Lücke ein Stück weit und zeigt auf, welche Entwicklungen und Herausforderungen in Bezug auf die Betreuungskomplexität und aus Sicht der in der Praxis tätigen Fachkräfte gegeben sind. In diesem Zusammenhang wurde eigens eine Konzeption von Betreuungskomplexität vorgenommen, die als Grundlage für die Erhebung diente. Methodisch wurde eine quantitative retrospektive Befragung langjährig erfahrener Fachkräfte im Bereich Kinder- und Jugendbetreuung beziehungsweise –therapie für die Jahre 1999, 2009 und 2019 durchgeführt. Die Gesamtdarstellung der subjektiv empfundenen Betreuungskomplexität und damit verbundener Belastung wurde über die Berechnung eines Häufigkeits- und Belastungsintensitäts-Index (HBI-I) umgesetzt.

Ergebnisse

Die Studie zeigt, dass die Betreuungskomplexität im Zeitraum von 1999 bis 2019 deutlich zunahm. Lag der HBI-I im Jahr 1999 noch bei 0,21, so stieg er im Jahr 2009 auf 0,30 und bis 2019 auf 0,41. Bei einer Analyse der damit verbundenen Belastungen in verschiedenen Haupt- und Subdimensionen kristallisierten sich klar Thematiken heraus, bei denen Handlungsbedarf besteht und wo die Sozialraumplanung bzw. das Management der Organisationen ansetzen kann. Diese sind in der nachstehenden Grafik ersichtlich.

Entwicklung der Betreuungskomplexität von Kindern und Jugendlichen, 1999-2019


© NPO & SE Kompetenzzentrum

Zusammenfassend zeigte sich, dass die Kinder und Jugendlichen per se selbst das geringste Problem in der Betreuungskomplexität sind. Bei ausreichend zeitlichen Ressourcen für die betreuenden bzw. behandelnden Fachkräfte sind schwierige komplexe Betreuungssituationen wohl bewältigbar.

Hauptpunkte an denen aktuell Druck ins System kommt haben viel mit erhöhtem zeitlichen Aufwand abseits der direkten Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zu tun. Hierzu zählen beispielsweise zunehmende Vernetzungsarbeit, ein stark erhöhter Aufwand im Bereich der inhaltlichen Elternarbeit und Kommunikation mit dem Herkunftssystem, fehlende Betreuungsangebote und der daraus resultierende Suchaufwand für externe Betreuung bzw. Behandlung sowie ein herausfordernder Umgang mit neuen digitalen Welten. Folgende Aussage einer befragten Person drückt dies nochmals mit einfachen Worten aus: „Oft ist das Drumherum anstrengender als es der eigentliche Beruf mit sich bringt.“

Weitere Ergebnisse und Implikationen finden Sie direkt in der Studie!

Am 28. Jänner 2020 findet eine Studienpräsentation mit anschließender Podiumsdiskussion zum Thema "Komplexitätssteigerung bis das System kippt. Welche Lösungswege gibt es?" an der WU statt. Hierzu sind Sie herzlich eingeladen! Nähere Informationen finden Sie hier.

Kontakt

Mag.Dr.rer.soc.oec. Christian Schober
Christian Schober
Wissenschaftlicher Leiter, Senior Researcher
Aufgaben: Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Evaluation, SROI-Analysen, Finanzierung, Spendenverhalten, Arbeitszufriedenheit und Motivation, Altenpflege und –betreuung, Menschen mit Behinderung bzw. Barrierefreiheit
Julia Wögerbauer, MA
Julia Wögerbauer
Researcherin
Aufgaben: Altenpflege und –betreuung, Jugend & Familie