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Einkäufer/in: Klassischer Beruf unklassisch

Sicher, die Geschichte des Einkaufs ist so alt wie die Geschichte des Handels an sich. Wer aller­dings ein ebenso antikes Berufs­bild des Einkäufers / der Einkäuferin hat, der sei im Folgenden eines besseren belehrt.

Dazu bietet sich ein kurzer Blick auf den Wandel des Berufs­bildes in den letzten Jahr­zehnten an. Hatte der Einkauf in der Nach­kriegs­zeit und den Wirt­schafts­wun­der­jahren noch primär das Ziel, als Teil der Ferti­gung die Versor­gung sicher­zu­stellen, so gewann sein wirt­schaft­li­cher Einfluss dadurch bedingt, dass für die immer profes­sio­nel­lere Produk­tion auch immer bessere Produk­ti­ons­ma­te­ria­lien beschafft werden mussten. Seit den 2000er Jahren bildet sich der stra­te­gi­sche Einkauf als eigen­stän­dige Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit heraus.

Der stra­te­gi­sche Einkauf als Inno­va­ti­onss­cout und Wert­schöp­fungs­faktor

Seither nehmen  Stel­len­wert und Bedeu­tung des Einkaufes sowohl unter­neh­mens­in­tern wie extern zu, wie Sebas­tian Kummer, Vorstand des Insti­tuts für Trans­port­wirt­schaft an der WU in einer gemein­samen Studie mit Spring Procu­re­ment darlegt: „85 Prozent der befragten Unter­nehmen gehen davon aus, dass die Bedeu­tung des Einkaufs steigt. Ein Zeichen für einen höheren Stel­len­wert des Einkaufs ist z. B. das vermehrte Eingreifen des Einkaufs bereits in den frühen Phasen der Produkt­ent­wick­lung. Mehr als zwei Drittel aller befragten Unter­nehmen werden durch dieses proak­tive Handeln Einspa­rungs­po­ten­ziale reali­sieren können."

Der Einkauf wird also schon früh in Produk­ti­ons­ent­schei­dungen einge­bunden, da ein Groß­teil der Mate­ri­al­kosten noch im Entwick­lungs­sta­dium beein­flusst werden können – beispiels­weise durch die Wahl alter­na­tiver Mate­ria­lien. „Bedenkt man, dass bis zu 70 Prozent der Unter­neh­mens­leis­tung Zukäufe sind und bis zu 95 Prozent der Herstel­lungs­kosten eines Produktes in Konstruk­tion und Entwick­lung entstehen – wo der Ansatz für den stra­te­gi­schen Einkauf ist – dann ist der/die Einkäufer/in ein Haupt­wert­schöp­fungs­faktor,“ legt Michael Klemen, Mitglied des Vorstandes beim Bundes­ver­band Mate­ri­al­wirt­schaft, Einkauf und Logistik in Öster­reich (BMÖ), dar.

„Der Einkauf kann und muss immer mehr zum Inno­va­ti­onss­cout werden. Es wird stra­te­gisch immer wich­tiger, gesamte Wert­schöp­fungs­ketten zu gestalten. Dabei gilt es, neue Tech­no­lo­gien, die am Markt oder bei Liefe­ranten und Part­nern verfügbar sind, in die Geschäftspro­zesse einzu­bringen. Wer die Stärken der Zulie­ferer kennt, ihre Ange­bote in einer ausge­wo­genen Balance ins Unter­nehmen inte­griert und z. B. mit dem unter­neh­mens­in­ternen Produkt­ma­nage­ment koppelt, erzielt damit lang­fris­tige Produkt­le­bens­zy­klen.“

Verän­d­ertes Anfor­de­rungs­profil an zukünf­tige Einkäufe­rinnen

Mit den Weiter­ent­wick­lungen der Aufgaben und der Stel­lung im Unter­nehmen verän­dert sich dementspre­chend auch das Tätig­keits­ und Anfor­de­rungs­profil der Mitar­beiter/innen: „Der Einkauf ist nicht mehr nur Kosten­drü­cker bei Zukauf von Liefe­rungen und Leis­tungen, sondern verstärkt Inno­va­ti­ons­träger für alle Bereiche des Unter­neh­mens. Dies erfor­dert von dem/der Einkäufer/in natür­lich entspre­chende Kennt­nisse des Geschäfts. Zum anderen erfor­dert es aber auch das tech­ni­sche Verständnis für Know­how, Teil­pro­dukte oder Services, die zuge­kauft werden sollen, um sowohl mit den eigenen Unter­neh­mens­be­rei­chen – also Forschung & Entwick­lung, Produk­tion und Verkauf – auf Augen­höhe zu inter­agieren, als auch mit Liefe­ranten und Part­nern die entspre­chende Gesprächs­ebene inhalt­lich zu beherr­schen,“ so Michael Klemen. Und Jürgen Unger, Bereichs­leiter Einkauf bei der Bundes­be­schaf­fung (BBG), fügt hinzu: „Heut­zu­tage genügt es nicht mehr, ausschließ­lich rechnen und verhan­deln zu können. Ohne tiefe Markt­ und Bran­chen­kenntnis ist ein Erfolg im Einkauf nahezu ausge­schlossen.“ Wie die von Sebas­tian Kummer durch­ge­führte Studie zeigt, gehen 97 Prozent der befragten Unter­nehmen davon aus, dass die Bildungs­an­for­de­rungen an Einkaufs mitar­beiter/innen steigen werden. Bereits 2011 war in 55 Prozent der befragten öster­rei­chi­schen Unter­nehmen mindes­tens ein/e Akade­miker/in beschäf­tigt. Die wich­tigsten einkaufs­re­le­vanten Fähig­keiten sind Verhand­lungs­ge­schick und soziale Kompe­tenz.

Der Einkauf ohne Kontakt zum Kunden wird aussterben

Neben den fach­li­chen Quali­fi­ka­tionen werden also auch persön­liche Eigen­schaften, die so genannten Soft Skills, immer wich­tiger, wie Jürgen Unger aus seiner Erfah­rung bestä­tigt: „Der Einkauf wird immer eine Dienst­leis­tungs­funk­tion zwischen Bedarfs­trä­gern, Kunden und Liefe­ranten sein. Deshalb muss ein/e Einkäufer/in die Eigen­schaft mitbringen, zwischen diesen Welten den opti­malen Weg zu finden und mitunter auch Mediator/in sein. Der Einkauf ohne Kontakt zum Kunden wird aussterben.“ Dies sieht auch Michael Klemen so: „Einkauf und Verkauf des Liefe­ranten müssen eine Win­Win­­Si­tua­tion erleben, um aus gemein­samen Erfah­rungen gemein­same Chancen und Umsätze zu gene­rieren und zu profi­tieren. Dazu kommen noch – gerade im inter­na­tio­nalen, globalen Busi­ness – inter­kul­tu­relle Fähig keiten, Umgang mit anderen Kulturen und mit anders denkenden und agie­renden Part­nern.“

Die Wahr­schein­lich­keit, in einen faden Alltags­trott zu verfallen, ist bei solchen Aufgaben also sehr gering. Viel­mehr besteht die Heraus­for­de­rung darin, immer wieder in neuen Feldern agieren zu müssen und stetig dazu­zu­lernen, um Inno­va­tionen ins Unter­nehmen zu bringen. Und die Jobaus­sichten? Noch­mals Michael Klemen: „Es gibt kaum ein zukunfts­si­cheres Berufs­bild wie das des stra­te­gi­schen Einkäufers/der stra­te­gi­schen Einkäuferin.“



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