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Analysen zur kalten Progression

Stefan Humer und Mathias Moser

Fragestellungen

  • Was ist kalte Progression?

  • Wer ist betroffen?

  • Welche Probleme bringt eine Anpassung anhand der durchschnittlichen Inflation mit sich?

Ergebnisse

  • Automatische Anpassung des Steuertarifes führt zu Einkommensumverteilung.

  • Oberste Einkommen werden überproportional entlastet.

Die Studie zum Download
Die Studie zum Download

Kurzzusammenfassung

In der aktuellen Debatte finden sich eine Vielzahl von Studien die unterschiedliche Aspekte der kalten Progression beleuchten (Peter Brandner, Christl & Kucsera/Agenda Austria, Steiner & Wakolbinger, Loretz/IHS, Rainer/BMF). Einen exzellenten Überblick gibt die Anfragebeanwortung des Budgetdienstes zu einer Anfrage von @Bruno Rossmann.

Hauptaugenmerk dieser Arbeiten liegt in der Quantifizierung der zusätzlichen Einnahmen, die der Bund durch die kalte Progression erhalten hat und den Effekten einer automatischen Anpassung des Steuertarifes, der dies verhindern soll. Im Folgenden werden wir als Ergänzung zu dieser Betrachtung speziell die Verteilungseffekte solch eines Automatismus analysieren.

Was ist kalte Progression?

Kalte Progression entsteht dadurch, dass die Löhne aufgrund von Inflationserwägungen steigen, die Parameter des Steuersystems jedoch nominell fixiert sind. Obwohl beim Einkommen eventuell nur eine Inflationsanpassung vorgenommen wurde, steigt der durchschnittliche Steuersatz. Diesen Anstieg des Durchschnittsteuersatzes bezeichnet man als kalte Progression.

Kalte Progression hängt jedoch nicht direkt an der Inflationsrate bzw. der gesamten Lohnerhöhung, sondern an den inflationsbedingten Einkommenserhöhungen - diese können sowohl unter als auch über der durchschnittlichen Inflationsrate liegen.

Was tun gegen kalte Progression?

Ein Vorschlag, die kalte Progression zu lindern besteht darin den Steuertarif mit der durchschnittlichen Inflationsrate anzupassen, d.h. die Steuerstufen regelmäßig nach oben zu verschieben. Dies hat zwar wenig mit der eigentlichen Ursache der kalten Progression (den Einkommenserhöhungen) zu tun, mag aber letztendlich trotzdem das gleiche Ziel erreichen: Eine Anpassung der Steuerstufen, sowie auch die Löhne angepasst werden.

Hier ergibt sich aber bereits ein zentrales Problem: Die durchschnittliche Inflationsrate ist kein geeigneter Maßstab um die Lebensrealität von Personen mit verschiedenen Einkommen zu beschreiben: Personen mit niedrigen Einkommen haben höhere Inflationsraten als Personen mit hohen Bezügen, denn sie konsumieren anteilsmäßig an ihrem Einkommen mehr Güter die von hoher Inflation geprägt sind (Nahrungsmittel, Energie). Die so gemessene kalte Progression ist daher nicht für alle gleich, wie folgende Grafik zeigt.

Je nachdem wie stark die Inflation zwischen hohen und niedrigen Einkommen variiert, sinkt die kalte Progression mit zunehmendem Einkommen unterschiedliche stark ab (da Personen mit höheren Einkommen geringere Inflationsraten haben). Die Grafik zeigt hier 3 Szenarien die verschieden starke Inflationsunterschiede analysieren (orange, grün, dunkelblau). Die Anpassung des Steuertarifes erfolgt jedoch mit nur einem Anpassungsatz - der durchschnittlichen Inflationsrate (hellblau). Da diese einen Durchschnitt über die gesamte Verteilung darstellt, die wahren Werte aber nach Einkommen variieren, haben bestimmte Bevölkerungsgruppen eine niedrigere und andere eine höhere Inflation, als dieser Durchschnitt.

Die hellblaue Linie in obiger Grafik zeigt die Steuerentlastung durch die Anpassung des Einkommenstarifs mit einem Durchschnittssatz (der VPI Inflation). Während dieser Wert im unteren Bereich zu gering ist um die kalte Progression abzugelten (hellblau Linie geringfügig unter den Szenarien) ist er in weiten Bereichen der Verteilung zu hoch: Die Anpassung eliminiert nicht nur die kalte Progression, sie senkt die Steuersätze von hohen Einkommen überproportional (blaue Kurve liegt über den drei Szenarien mit variierenden Inflationsraten).

Welchen Effekt dies hat zeigt die folgende Grafik. Zuvor haben wir definiert, dass kalte Progression dann auftritt, wenn der Durchschnittssteuersatz trotz einer rein inflationsbedingten Einkommenserhöhung steigt. Das Balkendiagramm zeigt nun die Abweichung vom ursprünglichen Steuersatz nachdem die automatische Tarifanpassung erfolgt ist.

Wie sich zeigt, liegt der neue Steuersatz für die Dezile 1-5 teilweise immer noch über jenem, den sie vor der Einkommenserhöhung hatten - trotz Tarifanpassung, sind diese Gruppen immer noch von kalter Progression betroffen.

Ab dem 6. Dezil zeigt sich ein deutlich anderer Effekt: Die Durchschnittssteuersätze sinken unter das ursprüngliche Niveau (graue Null-Linie). Die automatische Anpassung mit der Durchschnittsinflation ist höher als die eigentliche Inflation für diese Haushalte. Sie erhalten somit eine Steuerentlastung. Folglich führt diese automatische Anpassung zu Verteilungseffekten, obwohl das Ziel der Maßnahme lediglich die Abgeltung der kalten Progression war.

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