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Researcher of the Month Wolfgang Lutz

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Wolfgang Lutz

Researcher of the Month

Von Über­al­te­rung bis Bevöl­ke­rungs­ex­plo­sion - Bildung entscheidet über die Zukunft der Mensch­heit

Seit vielen Jahren ist bekannt, dass die Welt­be­völ­ke­rung nur sehr ungleich wächst und die Heraus­for­de­rungen demo­gra­fi­scher Entwick­lungen in Europa andere sind als jene in afri­ka­ni­schen Entwick­lungs­län­dern. WU-Pro­fessor Wolf­gang Lutz, Grün­dungs­di­rektor des Witt­gen­stein Centre for Demo­graphy and Global Human Capital (IIASA, VID/ÖAW, WU), unter­suchte gemeinsam mit inter­na­tio­nalen Demo­gra­fInnen, welche Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lungen in Zukunft zu erwarten sind und was geschehen muss, um ein fried­li­ches Zusam­men­leben von bald neun Milli­arden Menschen zu ermög­l­i­chen. Die Bedeu­tung der Bildung ist dabei weitaus größer als bisher ange­nommen. In Entwick­lungs­län­dern zeigt sich, dass die Bildung der Frauen eine Schlüs­sel­va­riable ist: Mehr Bildung befähigt sie, ihrem Kinder­wunsch nach eigenen Vorstel­lungen nach­zu­kommen, ihre Gesund­heit verbes­sert sich und die Zahl der Kinder­sterb­lich­keit sinkt. Aber auch in Europa spielt Bildung die entschei­dende Rolle.

Während in Europa die Bevöl­ke­rung kaum wächst, dafür aber stark altert, wächst sie in Afrika nach wie vor fast unge­bremst. Derzeit lebt rund eine Milli­arde Menschen auf dem zweit­größten Konti­nent der Erde -  gegen Ende des Jahr­hun­derts werden es zwischen zwei und vier Milli­arden sein. „Wir sehen immer deut­li­cher, dass die Ressourcen auf unserem Planeten begrenzt sind und mehr Menschen nicht nur mehr Nahrung, mehr Energie, mehr Wasser etc. brau­chen, sondern auch gleich­zeitig mehr Umwelt zerstören, mehr Wälder roden, mehr Wasser verschmutzen und mehr zur Klima­er­wär­mung beitragen“, erklärt WU-Pro­fessor Wolf­gang Lutz und ergänzt „gleich­zeitig gibt es bei diesen Faktoren enorme Unter­schiede zwischen den armen und den reichen Ländern. Die, die am wenigsten zum Klima­wandel beitragen, werden voraus­sicht­lich am meisten darunter leiden.“ Lutz arbeitet mit Wissen­schaft­le­rInnen welt­weit an Lösungs­an­sätzen für diese riesige Heraus­for­de­rung der Zukunft. Dabei zeichnet sich ganz klar ab: Sowohl zur Stabi­li­sie­rung von Gebur­ten- und Ster­be­raten in Afrika als auch zur Siche­rung der Sozi­al­sys­teme in Europa ist die zentrale Schlüs­sel­kom­po­nente Bildung.

Demo­gra­fi­sches Groß­pro­jekt

Insge­samt drei verschie­dene Zugangs­wege wählten WU-Pro­fessor Lutz und sein Team. Die Basis der Unter­su­chungen bildeten riesige Samm­lungen an demo­gra­fi­schen Daten aus aller Welt, die sowohl den natio­nalen Statis­ti­käm­tern als auch großen reprä­s­en­ta­tiven Stich­pro­ben­un­ter­su­chungen entstammen. Damit einher ging auch dann das Sammeln sämt­li­cher wissen­schaft­li­cher Lite­ratur welt­weit zu den Entwick­lungs­pro­gnosen der jewei­ligen Länder und Regionen. Im Anschluss daran erfolgte eine welt­weite Online-­Be­fra­gung der inter­na­tio­nalen Exper­tInnen für Demo­gra­fie­for­schung in fast allen Ländern der Welt, in der sie den Stand des Wissens zu den Faktoren Bevöl­ke­rung, Alter, Geschlecht, Bildung, Gebur­ten- und Ster­be­rate und ihren zukünf­tigen Entwick­lungen darstellen sollten. Diese Daten wurden schließ­lich in alter­na­tive Szena­rien zur Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung in allen Ländern der Welt über­s­etzt.

Schritt 1: Die Bildung der Frau

Als mit Abstand wich­tigster Faktor zur „Kontrolle“ der Gebur­ten- und Ster­be­rate zeigte sich ganz klar die Bildung der Frauen. Besser gebil­dete Frauen zeigten in allen Ländern der Welt eine nied­ri­gere Kinder­sterb­lich­keit und leben selbst länger, weil sie besser wissen, was für die Gesund­heit zu tun ist. Besser gebil­dete Frauen in Entwick­lungs­län­dern wüns­chten sich auch weniger Kinder, setzten sich mit ihrem nied­ri­geren Kinder­wunsch besser gegen tradi­tio­nelle Normen durch und hatten dann auch weniger Kinder. „Um Äthio­pien als Beispiel zu nennen: Frauen, die nie in der Schule waren, bekommen dort im Durch­schnitt sechs Kinder, Frauen, die die Mittel­schule besucht haben nur zwei. Bildung befähigt sie, ihrem tatsäch­l­i­chen Kinder­wunsch zu entspre­chen und die Zahl der Schwan­ger­schaften bewusst selbst zu bestimmen. Es zeigte sich auch, dass die Bildung der Frauen wich­tiger als das Haus­halts­ein­kommen ist – ein Faktor an den die Ökon­o­mInnen primär denken. Anders ausge­drückt, unsere Studien bilden ab, dass der Inhalt des Kopfes wich­tiger ist, als der Inhalt der Brief­ta­sche“, so Lutz. Dieses Ergebnis hat weit­rei­chende poli­ti­sche Konse­quenzen, so zeigen sich die Folgen höherer Bildung auch im Gesund­heits­be­reich.

Schritt 2: Bessere Gesund­heit

Diese Ergeb­nisse zeigen, dass dem Entwick­lungs­ziel der univer­sellen Schul­bil­dung für alle jungen Frauen und Männer oberste Prio­rität in der natio­nalen und inter­na­tio­nalen Entwick­lung zu geben ist. „Durch Basis­bil­dung und der eng damit zusam­men­hän­genden Basis­ge­sund­heit werden Menschen in die Lage versetzt, sich selbst zu helfen. Diese Hilfe zur Selbst­hilfe muss das Rezept für die Entwick­lung heute sein“, erklärt Lutz und ergänzt: „Alle anderen zwei­fellos auch wich­tigen Aspekte wie Wirt­schafts­wachstum und Nahrungs­si­cher­heit, sauberes Wasser und saubere Luft, Energie und auch effi­zi­ente Regie­rungs­formen folgen dann in gewisser Weise daraus.“

Auch Europa braucht Bildung

Bildung ist nicht nur die zentrale Antwort auf das Bevöl­ke­rungs­wachstum in Entwick­lungs­län­dern, auch für Europa ist Bildung der Schlüs­sel­faktor, um der Über­al­te­rung der Gesell­schaft entge­gen­zu­treten. „Um soziale Siche­rungs­sys­teme in Europa aufrecht erhalten zu können, muss Bildung die Menschen so befäh­igen, dass die kleiner werdende Gruppe an Menschen im erwerbs­fäh­igen Alter immer produk­tiver wird“, so Lutz. In den Studien wird deut­lich, dass die Ausbrei­tung der Schul­bil­dung, insbe­son­dere der höheren Schul­bil­dung, in engem Zusam­men­hang mit der Wirt­schafts­ent­wick­lung steht und sich zu einer Aufwärts­spi­rale entwi­ckelt. „Höhere Bildung führt zu höherer Arbeits­markt­teil­nahme", so Lutz, „Viele Menschen stecken ihren beschei­denen Wohl­stand wieder in ihre mitt­lere bis höhere Bildung. All dies lässt Gesell­schaften produk­tiver werden – so können weniger Menschen mehr errei­chen. Ein dyna­mi­scher Entwick­lungs­pro­zess beginnt.“ Essen­ziell dabei ist das Verständnis dafür, dass zwischen der Einschu­lung mögl­ichst vieler Kinder und dem spät­eren wirt­schaft­li­chen Erfolg rund 20 Jahre vergehen, das heißt, dass der posi­tive Effekt erst Jahre später sichtbar wird und sich in Zahlen nieder­schlägt. Ziel für Europa sollte es sein, mehr Menschen - vor allem auch solche mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund - in höhere Bildung zu bringen. In Kombi­na­tion mit einer höheren Teil­nahme von Frauen am Arbeits­markt und einem höheren Pensi­ons­alter zeigen beispiels­weise die Prognosen in Öster­reich, dass auch in Zukunft ausrei­chend Arbeits­kräfte zur Verfü­gung stehen können.

Sämt­liche Ergeb­nisse finden sich auch im Buch: Kling­holz, Rainer/Lutz, Wolf­gang (2016): Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Mensch­heit, erschienen im CAMPUS Verlag.

Sowie in: Lutz, Wolf­gang/Butz, William/KC, Samir (Hrsg.) (2014): World Popu­la­tion and Human Capital in the 21st Century, erschienen in Oxford Univer­sity Press.