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Der 'Pride of Authorship'- Effekt bei Online-Designaktivitäten: Voraussetzungen und Implikationen von Stolz auf selbst gestaltete Produkte

Wintersemester 2005/06

Executive Summary

Zusammenfassung

Konsumenten sind bereit, für ein mit einem Toolkit selbst designtes Produkt über 100% mehr zu bezahlen als für ein vergleichbares Standardprodukt (vgl. Franke & Piller, 2004). Im Rahmen von drei Experimenten wird am Beispiel eines T-Shirt-Toolkits empirisch gezeigt, dass der 'Pride of Authorship'-Effekt eine wichtige Ursache für den beobachteten Wertzuwachs ist. Toolkit-User sind stolz auf ihre selbst designten Produkte und deshalb bereit, dafür mehr zu bezahlen. Darüber hinaus wird analysiert, was die Intensität dieses Stolzgefühls beeinflusst: Je mehr das Design dem eigenen Geschmack entspricht und je höher die subjektive Relevanz, die der De-signprozess für die Person hat, desto höher ist der Stolzeffekt. 

Einleitung und theoretischer Hintergrund 

Die Bedürfnisse der Kunden/Kundinnen zu erfassen und Produkte dementsprechend zu gestalten, stellt für viele Hersteller eine schwer zu lösende Aufgabe dar. Produktentwicklung scheitert häufig daran, dass es den Herstellern an Marktorientierung fehlt: Produkteigenschaften stimmen oft nicht mit den individuellen Bedürfnissen der Anwender überein. Besonders in Märkten mit heterogenen und sich schnell ändernden Bedürfnissen können traditionelle Produktentwicklungsansätze oft nur unbefriedigende Ergebnisse liefern (vgl. z.B. Cooper, 1999; Shanklin & Ryans 1984), sowohl im B2B als auch im B2C Bereich.
Einen alternativen Zugang zu dieser Problemstellung stellt das Konzept „Toolkit for User Innovation and Design“ (Toolkit) dar (vgl. Abb. 1).

[Abb. vgl. unten] 

Mit Hilfe dieses Online-Wergzeuges kann der Kunde/die Kundin innerhalb eines vorgegeben Gestaltungsraums in einem „Trial-and-Error“ Prozess das Produkt personalisieren und exakt auf seine individuellen Bedürfnisse zuschneidern. Es wird nicht mehr wie bei klassischen Ansätzen ein Standardprodukt angeboten, das an den durchschnittlichen Kundenbedürfnissen in einem heterogenen Marktsegment orientiert ist, sondern der Kunde/die Kundin kann in den Designprozess eingreifen und wird zum aktiven Problemlöser.
Durch die Einbindung in das Produktdesign entsteht für den Kunden/die Kundin ein wesentlicher Wertzuwachs, der sich in einer höheren Zahlungsbereitschaft äußert. Franke & Piller (vgl. Franke & Piller, 2004) zeigten auf, dass Kunden/Kundinnen für eine selbst designte Uhr bereit sind über 100% mehr zu bezahlen als für eine Standarduhr der objektiv selben Qualität (vgl. Abb. 2).

[Abb. vgl. unten] 

Die vorliegende Untersuchung geht der Frage nach, wie sich dieser beobachtete Wertzuwachs erklären lässt. Bisher wurde der Wertzuwachs primär der besseren Übereinstimmung zwischen Produkteigenschaften und Kundenbedürfnissen zugeschrieben (vgl. z.B. Franke & Piller, 2004; Schreier, 2006). Darüber hinaus hat eine qualitative Untersuchung gezeigt, dass der Stolz auf die eigene Leistung die meistgenannte Erklärung für den Wertzuwachs durch Selbstdesign ist (vgl. Mair am Tinkhof, 2005):

  • '[…] wenn man was selbst gestaltet, dann ist man ja normalerweise stolz drauf wenn man zufrieden ist! Und für das bin ich auch bereit mehr zu be-zahlen […]'

  • '[…] Ich freu mich drüber! Ich freu mich, dass ich das jetzt da so schön hingebracht hab und das macht mich einfach stolz, dass ich so was schönes fabriziert hab […]'  

Es wird daher vermutet, dass der Stolzeffekt wesentlich zur Erklärung der erhöhten Zahlungsbereitschaft beiträgt. So wie der Jäger stolz das Geweih eines von ihm erlegten Hirschs präsentiert oder der Heimwerker stolz auf sein selbst gebasteltes Vogelhäuschen ist, so könnte der Toolkit-User stolz auf sein selbst erstelltes Design sein.
Dieser Stolzeffekt lässt sich anhand der Attributionstheorie erklären. Wenn man ein eigenes Design erstellt und das Ergebnis positiv bewertet, resultiert dies in einer gesteigerten Selbstwahrnehmung, wie z.B. Stolz (vgl. Weiner, 1979). Dabei ist die Ursachenzuschreibung entscheidend: Kann man den Erfolg intrinsischen Eigenschaften zuschreiben, wie hier z.B. dem guten Geschmack, dem Talent oder dem Geschick im Umgang mit Toolkits, dann führt dies zu einem Stolzgefühl (Lea & Webley, 1997).
Ziel unseres Forschungsprojekts ist es den 'Pride of Authorship'-Effekt in einem Experiment empirisch nachzuweisen. Es sollen folgende Fragen beantwortet werden:
Sind Toolkit User stolz auf ihr selbst designtes Produkt? Wenn ja, sind sie deshalb bereit dafür mehr zu bezahlen? Was bewirkt dieses Stolzgefühl?  

Studie I 

Wir vermuten, dass der Stolzeffekt eine höhere Zahlungsbereitschaft bewirkt. Daraus ergibt sich folgende Hypothese: 

  • H1: Der 'Pride of Authorship'-Effekt bewirkt eine höhere Zahlungsbereitschaft.  

Die Probanden bekamen die Vorgabe mit Hilfe eines Toolkits am PC ein gängiges Gebrauchsprodukt nachzudesignen. Anschließend konnten sie das Produkt, entweder die Vorlage oder das nachdesignte Produkt, im Rahmen einer BDM-Auktion (sh. unten) ersteigern. Das empfundene Stolzgefühl und die Kontrollvariablen wurden mittels eines schriftlichen Fragebogens erhoben. Ziel der Versuchsanordnung war es alle Störvariablen konstant zu halten, so dass nur noch der Stolz als Erklärungsvariable für die höhere Zahlungsbereitschaft übrig bleibt.
Die Erhebung erfolgte an 12 Arbeitstagen in der Aula der WU. Die folgende Untersuchungsobjekte, das Auktionsverfahren und das Erhebungsinstrumentarium kamen in allen drei Teilstudien zur Anwendung. 

Untersuchungsobjekte 

WU T-Shirt: Als Untersuchungsobjekt wurde ein WU T-Shirt gewählt. Es hat sich in der Pilotstudie (n=20) herausgestellt, dass WU-Studenten prinzipiell Interesse an einem Uni T-Shirt zeigen.
T-Shirt-Toolkit (www.customink.com): Die Auswahl des Toolkits customink.com basiert auf einer ausführlichen Analyse der verfügbaren T-Shirt-Toolkits. Die Benutzerfreundlichkeit sowie die relativ geringen Einschränkungen hinsichtlich des Lösungs- und Gestaltungsraumes waren wichtige Erfolgsfaktoren für die Durchführung. 

BDM-Auktion zur Messung der Zahlungsbereitschaft 

In der vorliegenden Untersuchung spielt die verlässliche und valide Messung der tatsächlichen Zahlungsbereitschaft der Probanden für die diversen T-Shirts eine entscheidende Rolle. Zur Evaluierung der Zahlungsbereitschaft wurde eine BDM (Becker, DeGroot, Marschak)-Auktion durchgeführt. Dabei gibt der Proband seine Zahlungsbereitschaft schriftlich auf einem Gebotszettel an und zieht anschließend aus einer Urne einen Preis – liegt der gezogene Preis über der angegebenen Zahlungsbereitschaft, darf das Produkt nicht erworben werden; liegt der Preis unter der angegebenen Zahlungsbereitschaft, so muss der Proband das Produkt zum gezogenen Preis erwerben. Die BDM-Auktion eignet sich gut zur Nachbildung realer Kaufsituationen. Sie schließt strategisches Bieterverhalten aus, da der Kaufpreis zufällig gezogen und auch nicht durch das eigene Gebot beeinflusst wird. Die BDM-Auktion gilt als sehr verlässliches Instrumentarium zur Messung von Zahlungsbereitschaften (vgl. Wertenbroch & Skiera, 2002; Lusk, Feldkamp & Schroeder, 2004. 

Pretest 

Nach der Einschulung der Versuchsleiter wurde vor der Haupterhebung ein Pretest (n=10) durchgeführt, um die Eignung unseres Forschungsdesigns zu testen. Es wurden lediglich kleinere Änderungen vorgenommen, das Forschungsdesign hat sich insgesamt sehr gut bewährt. 

Stichprobe 

Die befragten Personen wurden zufällig ausgewählt und anhand einer Randomisierungsliste den verschiedenen Experimentalgruppen zugewiesen. Durch die strenge Randomisierung gibt es keine statistischen Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf Alter, Geschlecht und Erfahrung im Umgang mit Toolkits. Für die Studie I wurden zwei unabhängige Stichproben bestehend aus n=81 Studierenden der Wirtschaftsuniversität Wien gezogen. 

Design der Haupterhebung 

Die Probanden der Gruppe 1 gaben zunächst in einer ersten BDM-Auktion ihr Gebot für das T-Shirt Design X ab, ohne in den Designprozess involviert zu sein (1. Aufgabe). Anschließend bekamen sie die Aufgabe ein WU T-Shirt nach ihrem Geschmack frei zu erstellen und dies ebenfalls zu bewerten (2. Auf-gabe). Der Gruppe 2 wurde exakt das gleiche T-Shirt Design X vorgelegt, und sie bekamen ebenfalls die Möglichkeit das T-Shirt in einer BDM-Auktion zu kaufen. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass sie das Design zuerst am PC nachgestalten mussten und anschließend darauf hingewiesen wurden, dass sie nun ihr nachdesigntes T-Shirt am PC ersteigern konnten. Durch die Versuchsanordnung wurden alle im Voraus identifizierten Störvariablen – das Interesse an einem T-Shirt, die Bedürfnisanpassung und die Erfahrung im Umgang mit Toolkits – konstant gehalten. 

[Abb. 4 vgl. unten]

Erhebungsinstrument und Erhebungsverfahren 

Die abhängigen Variablen Stolz auf die eigene Leistung, die Zahlungsbereitschaft, Kaufabsicht und Zufriedenheit wurden in Anschluss an die Designaufgabe mittels eines Fragebogens erhoben. Die Operationalisierung ist in Tab. 2 dargestellt. 

[Abb. 5 vgl. unten] 

Für die oben genannten Konstrukte ergeben sich folgende Cronbach's Alpha-Werte: Stolz: α= 0,87; Zufriedenheit: α=0,90; Kaufabsicht α=0,94 und Erfahrung mit Toolkits: α=0,71. Die Messung erfolgte also reliabel.  

Um die Validität der abhängigen Variablen Stolz, Zahlungsbereitschaft (WTP), Kaufabsicht und Zufriedenheit zu messen wurde eine Korrelationsanalyse durchgeführt (vgl. Tab. 3). Die starke Korrelation deutet auf eine hohe Validität hin.

[Abb. 6 vgl. unten]

Ergebnis 

Die Probanden der Gruppe 1 waren bereit, für die Vorlage durchschnittlich € 4,90 (Standardabweichung: 3,00), und für das frei designte T-Shirt € 10,16 (4,80) zu bezahlen (vgl. Abb. 3). Die Probanden der Gruppe 2 gaben für das nachdesignte T-Shirt ein durchschnittliches Gebot von € 7,53 (4,10) ab. Obwohl das exakt gleiche T-Shirt Design X bewertet wurde, war die Zahlungsbereitschaft für das nachdesignte T-Shirt um € 2,63 höher als für die Vorlage. Dieser Unterschied ist auf einem Niveau von 1% (p<0,01, einseitig) signifikant. Die Zahlungsbereitschaft für das völlig frei nach eigenem Geschmack designte T-Shirt ist im Vergleich zum nachgestalteten Produkt noch einmal um rund 35% höher (p<0,05, einseitig). Die Ergebnisse zeigen, dass die Einbeziehung der Probanden in den Designprozess einen signifikant positiven Einfluss auf die Zahlungsbereitschaft hat.

[Abb. 7 vgl. unten] 

Die Differenz von € 2,63 zwischen der T-Shirt Vorlage X und dem nach-designten T-Shirt X lässt sich allein dadurch erklären, dass die Gruppe 2 in den Designprozess involviert war und die Gruppe 1 nicht. Die Frage, ob diese erhöhte Zahlungsbereitschaft nun durch den 'Pride of Authorship'-Effekt bewirkt wurde oder ob die Probanden nur deshalb mehr bezahlen, weil sie Spaß am Designen haben, bleibt allerdings noch offen. Eine Korrelationsanalyse zwischen dem wahrgenommenem Stolz und der Zahlungsbereitschaft deutet jedoch darauf hin, dass wir die Hypothese 1 bestätigen können: Auf einem Niveau von 5% (p<0,05, zweiseitig) gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen den beiden Variablen. Um festzustellen, ob der Pride of Authorship Effekt als eindeutige Erklärung für die erhöhte Zahlungsbereitschaft herangezogen werden kann, und damit die Einflussgröße 'Spaß am Design' ausgeschlossen werden kann, wurde ein weiteres Experiment durchgeführt.    

Studie II 

Design der Haupterhebung 

Für die Studie II wurde eine Stichprobe bestehend aus n=145 Studierenden der Wirtschaftsuniversität Wien gezogen. Das Erhebungsdesign gestaltete sich genau gleich wie bei Studie I, allerdings wurden zwei zusätzliche unabhängige Experimentalgruppen hinzugefügt (vgl. Tab. 4).

[Abb. vgl. unten] 

Gruppe 3 gab ein Gebot für das T-Shirt Design Y ab ohne selbst im Designprozess involviert zu sein. Die drei Gruppen 4, 5 und 6 bekamen jeweils die Vorgabe das T-Shirt Design Y nachzugestalten. Alle drei Gruppen bewerteten anschließend genau dasselbe T-Shirt Design Y, nur ist dies unterschiedlich zu Stande gekommen. Während Gruppe 4 im Nachhinein die Vorlage bewertete, gaben Gruppe 5 und 6 ein Gebot für das selbst designte T-Shirt am Bildschirm ab. Die Gruppe 6 unterschied sich dadurch, dass vor der Abgabe des Gebots das Stolzgefühl durch ein standardisiertes Feedback-Gespräch stimuliert wurde. Die Probanden bekamen die Möglichkeit, mit dem Versuchsleiter über den Designprozess und das fertige Design 'fachzusimpeln'. Dabei erhielten sie Annerkennung für die erfolgreiche Arbeit mit dem Toolkit.
Durch die zwei zusätzlichen Experimentalgruppen haben wir die Störvariable 'Spaß am Designen' konstant gehalten. Die Gruppen 4 und 5 gestalten dasselbe T-Shirt Design Y nach. Wenn es nun einen signifikanten Unterschied zwischen der Zahlungsbereitschaft für die Vorlage (Gruppe 4) und der Zahlungsbereitschaft für das nachgestaltete T-Shirt (Gruppe 5) gibt, so können wir diesen Unterschied eindeutig auf den 'Pride of Authorship'-Effekt zurückführen.
Weiters vermuteten wir, dass sich die Stimulation des Stolzgefühls durch ein Feedback-Gespräch (Gruppe 6) positiv auf das Stolzgefühl – und somit auch auf die Zahlungsbereitschaft – auswirkt.

Ergebnis 

Für die T-Shirt Vorlage Y ohne Einbeziehung in den Designprozess ergibt sich eine Zahlungsbereitschaft von durchschnittlich € 4,75 (3,04), für das nachgestaltete T-Shirt Design Y boten die Probanden durchschnittlich € 6,85 (3,70) (vgl. Abb. 4).

[Abb. 9 vgl. unten] 

Dieser Unterschied in der Zahlungsbereitschaft ist auf einem Niveau von 1% signifikant (p<0,01, einseitig). Die Beobachtung aus der Studie I wird somit bestätigt: Die Einbeziehung in den Designprozess bewirkt eine höhere Zahlungsbereitschaft.
Die folgenden drei Experimentalgruppen (vgl. Abb. 5) designten alle dasselbe T-Shirt Design Y nach. Im Anschluss daran ergab sich für die Vorlage eine durchschnittliche Zahlungsbereitschaft von € 5,26 (3,56), für das nachdesignte T-Shirt € 6,85 (3,70) und für das nachdesignte T-Shirt mit vorausgegangenem Feedback-Gespräch € 8,40 (5,71). Diese Unterschiede sind auf einem Niveau von 5% (T-Shirt Vorlage Y – nachdesigntes T-Shirt Y: p<0,05) bzw. 10% (nachdesigntes T-Shirt Y – nachdesigntes T-Shirt Y mit Feedback-Gespräch: p<0,10) signifikant.

[Abb. 10 vgl. unten]

Dadurch, dass in der Studie II-2 alle drei Experimentalgruppen in den Designprozess involviert waren, scheidet die Variable 'Spaß am Designen' als Einflussfaktor auf den Stolzeffekt aus. Die Hypothese 1 kann somit bestätigt werden: Der 'Pride of Authorship'-Effekt stellt für den Toolkit User einen Zusatznutzen dar, der sich in einer höheren Zahlungsbereitschaft äußert. Bewertet der Kunde/die Kundin das Ergebnis seiner Designaktivität positiv und kann er die Ursache für den Erfolg sich selbst zuschreiben, so führt dies zu einem Stolzgefühl und somit auch zu einer höheren Zahlungsbereitschaft.  

Darüber hinaus konnten wir zeigen, dass ein professionelles Feedback-Gespräch in Anschluss an die Designaktivität das Stolzgefühl verstärkt. Annerkennung von außen wirkt sich signifikant positiv auf das Stolzgefühl aus.

Studie III 

Nachdem wir den Einfluss von Stolz auf die Zahlungsbereitschaft empirisch gezeigt haben, stellt sich die Frage, welche Faktoren dazu beitragen den 'Pride of Authorship' zu erklären. In bisherigen Studien wurde die erhöhte Zahlungsbereitschaft vor allem der besseren Übereinstimmung zwischen Kundenbedürfnis und Produkteigenschaften zugeschrieben (vgl. z.B. Franke & Piller, 2004; Schreier, 2006). Dadurch, dass der Kunde/die Kundin mit dem Toolkit das Design exakt nach seinem eigenen Geschmack gestalten kann, ergibt sich eine bessere Bedürfnisanpassung. Daraus leiten wir folgende Hypothese ab:  

  • H2: Je mehr das Design dem eigenen Geschmack entspricht, desto höher ist das empfundenen Stolzgefühl. 

Weitere mögliche Einflussfaktoren auf den Stolz sind in der Literatur zur “mentalen Wahrnehmung“ und zu den „Konsumationsemotionen“ zu finden (vgl. Nyer, 1997). 

Ein Kletterer bspw. wird ein intensiveres Stolzgefühl beim Erklimmen des Gipfels entwickeln als jemand, der mit der Seilbahn auf den Berg gelangt. Ersterer muss sich wesentlich mehr anstrengen um das Ziel zu erreichen. Analog dazu vermuten wir, dass sich die wahrgenommene Anstrengung im Umgang mit einem Toolkit positiv auf den Stolzeffekt auswirkt:  

  • H3: Je anstrengender der Designprozess ist, desto höher ist das empfundene Stolzgefühl.  

Die Intensität des Stolzeffekts hängt vermutlich auch davon ab, inwiefern die Aktivität in einer bestimmten Situation als intrinsisch lohnend bewertet wird und auch wie wichtig die Aktivität für eine bestimmte Person ist. Diese „Zielrelevanz“ (vgl. Scherer, 1984) ist definiert als das Ausmaß, in dem ein Ergebnis von persönlicher Relevanz ist. Sie steht in enger Verbindung zur persönlichen Einbindung und dem subjektiven Interesse an der zugrunde liegenden Aktivität (Zaichowsky, 1985). Daraus ergibt sich folgende Hypothese: 

  • H4: Je relevanter die Designaktivität für eine Per-son ist, desto höher ist das empfundene Stolzgefühl.  

Design der Haupterhebung 

Es wurde eine Stichprobe bestehend aus n=114 WU-Studenten gezogen. Die Probanden bekamen die Vorgabe, mit dem Toolkit ein WU T-Shirt zu designen, das ihren Vorstellungen von einem schönen Design entspricht.

Erhebungsinstrument und Erhebungsverfahren 

Nach dem Designprozess am PC wurden mittels schriftlichem Fragebogen die möglichen Einflussfaktoren auf den Stolzeffekt erhoben (vgl. Tab. 5). Für die oben genannten Konstrukte bestätigen folgende Cronbach's Alpha-Werte die Reliabilität der Messung: Bedürfnisanpassung: α=0,90; Anstrengung beim Designen: α=0,64; Relevanz der Designaufga-be: α= 0,82.

Ergebnis 

Mittels einer multiplen Regression wurde überprüft, welchen Einfluss die drei Variablen Bedürfnisanpassung, Anstrengung, und Relevanz der Designaktivität für den Toolkit-User auf den Stolzeffekt haben. (vgl. Tab. 6). Die Varianzerklärung kann mit R²=0,46 als hoch eingestuft werden.
Während die Bedürfnisanpassung (β = 0,548, p<0,01) und Relevanz der Designaufgabe (β = 0,260, p<0,01) einen signifikanten Einfluss auf den Stolzeffekt haben, muss die Annahme, dass sich die Anstrengung (β = 0,077) positiv auf das Stolzgefühl auswirkt, verworfen werden.

[Abb. 2 vgl. unten] 

Die Hypothese 2 kann wird somit bestätigt: Je mehr das erstellte Design dem eigenen Geschmack entspricht, umso höher ist auch das Stolzgefühl. Daraus können wir ableiten, dass die Zahlungsbereitschaft umso höher ist, umso besser das erstellte Design mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmt.
Die Hypothese 4 kann ebenfalls bestätigt werden: Je relevanter die Designaktivität für eine Person ist, desto höher ist der Stolzeffekt, und somit auch die Zahlungsbereitschaft. Die wahrgenommene Relevanz der Aktivität setzt sich einerseits daraus zusammen, wie intrinsisch lohnend der Designprozess ist, und andererseits auch wie relevant die Aktivität für eine bestimmte Person ist. Der Stolzeffekt wird also nicht nur durch situative, sondern auch durch personenbezogene Faktoren maßgeblich beeinflusst.
Entgegen unseren Vermutungen hat die wahrgenommene Anstrengung keinen signifikanten Einfluss auf das Stolzgefühl. Die Hypothese 3 müssen wir ablehnen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder hat die wahrgenommene Anstrengungen keinen Einfluss auf den Stolzeffekt, oder aber unser Konzept 'Anstrengung' war für das vorliegende Experiment nicht geeignet.

Fazit

Es konnte erstmalig gezeigt werden, dass im Umgang mit 'Toolkits for User Innovation and Design' ein 'Pride of Authorship'-Effekt entsteht. Im Rahmen von drei Experimenten haben wir empirisch nachgewiesen, dass dieser Stolzeffekt für den Kunden/die Kundin einen Wertzuwachs darstellt, der sich in einer signifikant höheren Zahlungsbereitschaft äußert. Ein weiteres zentrales Ergebnis sind die nachgewiesenen Einflussfaktoren auf den 'Pride of Authorship'-Effekt. Dies sind einerseits die Bedürfnisanpassung und andererseits die Relevanz des Designprozesses für den User. Darüber hinaus haben wir gezeigt, dass ein professionelles Feedback-Gespräch über den Designprozess den Stolzeffekt ebenfalls positiv beeinflusst.
Die Anbieter von Toolkits sind gut beraten, genügend Gestaltungsspielraum anzubieten, damit sich ein Stolzeffekt überhaupt entwickeln kann. Weiters wirkt sich eine 'User-Community' um das Toolkit voraussichtlich sehr positiv auf den empfundenen Stolz aus, da diese ein direktes Feedback und Interaktion zwischen Gleichgesinnten ermöglicht.
Ein interessantes Thema für zukünftige Studien wäre nun die Untersuchung weiterer personenbezogener Merkmalen auf den empfundenen Wertzuwachs, da bisher vor allem situative Faktoren in Betracht gezogen und untersucht wurden

Student Team

  • Miriam Bird
    Boris Eder
    Valerie Gall
    Karin Gausterer
    Katharina Graf
    Sebastian Gypser
    Hirohito Imakoji
    Denis Kabwa
    Ulrike Kaiser
    Verena Kerber
    Susanna Roiser
    Andreas Seiger
    Franz Wölfler

Anhang: Abbildungen