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Schindler Aufzüge und Fahrtreppen AG - Innovationen durch Lead User

Sommersemester 2005

Executive Summary

Das Schindler Lead User Projekt im Fahrtreppenmarkt:

Phase 1: Start des Lead User Projektes

Start des Lead User Projektes war am 28. Februar 2005 im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung, bei der das gesamte Projektteam erstmals zusammentraf. Das interdisziplinär besetzte Team bestand aus acht E&I StudentInnen, drei Mitarbeitenden des Partnerunternehmens Schindler (aus den Bereichen Technologiemanagement, Marketing und Konstruktion) sowie zwei Kursleitern. Nach einer kurzen Einführung und einer Unternehmenspräsentation wurde das Suchfeld „Vormontage, Transport und Einbringung von Fahrtreppen“ vorgestellt und in der anschließenden Diskussion klar abgegrenzt. Ziel sollte es demnach sein, entweder einen neuartigen Prozess zu entwickeln oder die Konstruktion der Fahrtreppen so zu modifizieren, dass Vormontage, Transport und Einbringung wesentlich erleichtert werden. Der Fokus lag dabei auf den Standardfahrtreppen im Commercial Bereich. Aufgrund der Dimensionen einer Fahrtreppe waren bis dato sowohl ein- als auch mehrteilige Lieferungen mit erheblichem Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Lösungen, die eine Zeit und/oder Kostenreduktion zur Folge haben, decken hier also einen konkreten Bedarf im Unternehmen. Bei den zu entwickelnden Lösungskonzepten sollte es sich um so genannte „Breakthrough“-Ideen handeln, d.h. Ideen mit einem hohen Grad an Neuheit und Originalität, die aber gleichzeitig mit bestehenden Technologien in den nächsten zwei bis fünf Jahren umsetzbar sind.

Weiters wurden Budget- und Terminziele vereinbart, wobei als kritisches Terminziel die Durchführung des Lead User Workhops von 2.- 4. Juni 2005 vereinbart wurde.

Phase 2: Identifikation von Trends und Bedürfnissen

In dieser zweiten Phase wurden 81 Sekundärquellen (Fachjournale, Expertendatenbanken, Internet, usw.) in Hinblick auf für das Suchfeld relevante Bedürfnisse und Trends untersucht. Weiters wurden 54 Expertengespräche mit Usern, Markt- und Technologieexperten, sowie 18 Interviews mit Mitarbeitenden des Partnerunternehmes geführt. Im Rahmen einer Zwischenpräsentation am 4. April erfolgte dann gemeinsam mit Vertretern der Firma Schindler die Auswahl der Trends für die Weiterbearbeitung in Phase 3 (Lead User Identifikation). Aus acht als relevant identifizierten Trends wurden die drei Trends „Baukastensysteme“, „Hoher Vorfertigungsgrad“ und „Raumoptimierung“ für die nachfolgende Lead User Identifikation in Phase 3 ausgewählt (siehe Abbildung 1). Basis für die Auswahl der weiterzuverfolgenden Trends war eine Bewertung anhand der Kriterien (1) Relevanz für das Suchfeld“ und (2) „Transferierbarkeit auf das Suchfeld“ . Weiters wurde als Auswahlkriterium die (3) Anzahl der Nennungen des jeweiligen Trends in der Literatur und/oder durch befragte Experten und User berücksichtigt.

[vgl. unten]

Abbildung 1: Ausgewählte Trends

Phase 3: Identifikation von Lead Usern und deren Ideen

In knapp vier Wochen wurden 206 Gespräche mit 162 Personen zur Identifikation potentieller Lead User geführt. Weiters wurde mit Hilfe von 99 Postings in Online Communities und Foren nach weiterführenden Kontakten gesucht. Mit Hilfe der Pyramiding-Methode (siehe Abbildung 2) konnten schlussendlich 25 Lead User identifiziert werden.

[vgl. unten]

Abbildung 2: Der Pyramiding Prozess zur Lead User Identifikation

Von den 25 identifizierten Lead Usern wurden acht zum Lead User Workshop eingeladen. Diese acht Lead User zeichnen sich vor allem durch eine hohe Ausprägung der beiden Lead User Merkmale (1) Trendführerschaft auf mindestens einem der drei identifizierten Trends und (2) persönlicher Nutzen aus. Ein Großteil der Lead User ist bereits selbst aufgrund ähnlicher Problemstellungen innovativ tätig geworden und hat im Zuge der Interviews sehr interessante Ideen für das Suchfeld genannt. Das Umsetzungswissen war ebenfalls bei allen eingeladenen Lead Usern stark ausgeprägt. Bemerkenswert ist, dass viele Lead User nicht aus dem Fahrtreppenmarkt kommen, sondern aus analogen Märkten mit ähnlichen, teilweise noch extremeren Anforderungen und Problemstellungen. Acht Lead User wurden zum Lead User Workshop eingeladen.

Phase 4: Entwicklung von Lösungskonzepten (Workshop)

Vom 2. – 4. Juni 2005 fand in dem Seminarhotel Höldrichsmühle in Hinterbrühl (NÖ) der Lead User Workshop statt. Ziel des Workshops war es, gemeinsam mit Lead Usern und Mitarbeitenden von Schindler innovative Ideen und konkrete Lösungskonzepte für das Suchfeld „Vormontage, Transport und Einbringung von Fahrtreppen“ zu entwickeln.
Nach einer gemeinsamen Projektvorstellung und Problemstrukturierung durch die Lehrveranstaltungsleiter und Mitarbeitenden des Partnerunternehmens, erfolgte eine Aufteilung der Teilnehmenden in drei Untergruppen zu je vier Personen. Jede Kleingruppe wurde dabei von einem StudentInnenteam begleitet, das für Moderation und Dokumentation während der einzelnen Arbeitseinheiten zuständig war. Regelmäßig kamen die Kleingruppen für eine Plenumsdiskussion zusammen, um die Fortschritte und Ergebnisse der eigenen Gruppe kurz zu präsentieren, Feedback zu erhalten und den anderen Gruppen Feedback zu geben. Nach der Brainstormingphase kristallisierte sich rasch heraus, dass viele Ideen und Lösungsansätze direkt in die Konstruktion der Fahrtreppe eingreifen.
Im Laufe des Lead User Workshops wurden vier, großteils bereits mit konkreten wirtschaftlichen und technischen Umsetzungsmöglichkeiten untermauerte Konzepte entwickelt. Beim Konzept der „Backbone-Treppe“ handelt es sich um eine völlige neuartige Konstruktion des „Innenlebens“ einer Fahrtreppe, das die bestehende Fachwerkskonstruktion ersetzt und gleichzeitig Transport und Einbringung der Treppen wesentlich erleichtert. Das Konzept „Baukastentreppe“ bezieht sich auf eine Lösung zum modularen Aufbau der Treppe und wird durch ein innovatives Träger-Schienensystem unterstützt. Dieses System ermöglicht ein einfaches und ortsunabhängiges Assembling ohne Vorrichtungen und Schweißungen sowie einfachere und kostengünstigere Transporte durch den modularen Aufbau. „Genistep“ ist eine Lösung, die ebenfalls direkt in die Konstruktion der Fahrtreppe eingreift und durch ein radikal neues, multifunktionales Träger-Schienensystem eine Verschmelzung von Schienensystem und Fachwerksystem sowie geringere Bauhöhen ermöglicht. Das Konzept „Transportfahrzeug“ ist eine Lösung für den kombinierten, einteiligen Transport von Fahrtreppen. Mithilfe einer innovativen Transportvor-richtung wird es ermöglicht, mehrere Fahrtreppen gleichzeitig per LKW zu transportieren.

Für die abschließende Bewertung der entwickelten Lösungskonzepte wurden folgende Kriterien herangezogen:

  • Grad der Originalität der Idee (ungewöhnliche Idee, kreative Leistung) 

  • Neuheit der Idee (im Vergleich zum bestehenden Marktangebot)

  • Nutzen der Idee zur Lösung der vorliegenden Problemstellung (Vormontage, Transport und Einbringung von Fahrtreppen)

  • Technische Umsetzbarkeit der Idee in ein marktreifes Produkt

  • Wirtschaftliche Umsetzbarkeit der Idee in ein marktreifes Produkt

Die Bewertung erfolgte anhand einer fünfstufigen Skala von 1 (sehr gering) bis 5 (sehr hoch). Die Ergebnisse zeigen, dass alle vier Konzepte überdurchschnittlich positiv bewertet wurden (siehe Tab.1).

Ergebnisse der Abschlussbewertung* 'Backboe-
Treppe'
'Baukasten-
treppe'
'Genistep' 'Transport-
fahrzeug'
Grad der Originalität der Idee 3,45 3,91 4,27 2,91
Neuheit der Idee 3,64 4,00 4,27 3,55
Nutzen der Idee zur Lösung der Problemstellung 3,18 3,73 4,36 3,91
Technische Umsetzbarkeit in ein marktreifes Produkt 4,15 4,55 4,00 4,09
Wirtschaftliche Umsetzbarkeit in ein marktreifes Produkt 3,73 4,45 6,64 3,82

* basierend auf einer fünfstufigen Skala: 1=sehr gering, 2=gering, 3=mittel, 4= hoch, 5=sehr hoch
Tabelle 1: Bewertung der Lösungskonzepte (Mittelwerte, n=11)

Mit einer Bewertung von 4,27 in den Kategorien Originalität und Neuheit stellt das Konzept „Genistep“ jene Lösung dar, die die Forderung nach einer radikalen Innovation am eindrucksvollsten erfüllt. Sehr hohe Bewertungen auch in den anderen Kategorien weisen darauf hin, dass es sich hier um ein vielversprechendes Produktkonzept handelt. Bewertungen zwischen 3,64 und 4,00 in der Kategorie Neuheit der Idee lassen darauf schließen, dass die Konzepte „Backbone-Treppe“ und „Baukastentreppe“ ebenfalls das Potential zu radikalen Innovationen haben. Das Konzept „Transportfahrzeug“ weist hier mit Werten von 2,91 für Originalität und 3,55 für Neuheit etwas niedrigere Bewertungen auf. Das lässt sich dadurch erklären, dass bereits Lösungsansätze am Markt vorhanden sind, die lediglich auf das Suchfeld transferiert und angepasst werden müssen.

Grundsätzlich kann man erkennen, dass die Bewertungen für alle vier Konzepte in allen Kategorien im oberen Bereich liegen. Bemerkenswert ist, dass der Grad der Originalität der Idee und die Neuheit im Vergleich zum bestehenden Marktangebot in keinem Widerspruch zur technischen und wirtschaftlichen Umsetzbarkeit in ein marktreifes Produkt stehen. Die Konzepte wurden nicht zuletzt dadurch von der Firma Schindler als besonders wertvoll eingestuft. Für sämtliche Konzepte ist eine Umsetzung bei der Firma Schindler geplant. Die teilweise bereits sehr detailliert ausgearbeiteten Lösungen ermöglichen zusätzlich eine rasche Weiterentwicklung im Unternehmen.

Fazit:

Die Ergebnisse des Schindler Lead User Projekts zeigen deutlich, dass sich die Lead User Methode auch in diesem Fall wieder als erfolgreiches Tool zur Ideengenerierung bewährt hat. Sowohl die Mitarbeitenden von Schindler als auch die Lead User und das StudentInnenteam waren beeindruckt von der Energie während des Lead User Workshops und den daraus entstandenen Lösungskonzepten. Es ist gelungen, den ersten Baustein in Richtung einer neuen Fahrtreppe mit gleichzeitiger Lösung des Problems in Bezug auf Vormontage, Transport und Einbringung, zu legen. Die entwickelten Lösungen ermöglichen deutliche Kosten- und Zeiteinsparungen und somit den Aufbau langfristiger Wettbewerbsvorteile. Die Lösungskonzepte stellen einen wertvollen Input für die Neuproduktentwicklung bei Schindler dar und haben das Potential, radikale Innovationen zu schaffen. Die geplante Umsetzung aller Konzepte zu marktreifen Produkten bei der Firma Schindler untermauert die positiven Ergebnisse der ersten Bewertungsrunde.

Für das StudentInnenteam lag die Herausforderung des Projektes vor allem darin, ein neuartiges Innovationstool praktisch umzusetzen, und Schritt für Schritt den erfolgreichen Abschluss eines Lead User Projektes zu gestalten. Das Gefühl, aktiv an der Entwicklung von Innovationen und an einem tollen Erfolg beteiligt gewesen zu sein, ist die schönste Belohnung für den eingesetzen Zeit- und Energieaufwand.

Cooperation Partner

Student Team

  • Jörg Hackspiel
    Markus Horvath
    Boris Hristov
    Christian Neumann
    Sandra Soukup
    Miroslava Stanic
    Veronika Stocker
    Sina Weber

Anhang: Abbildungen