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„Social Entrepreneurship“: Die Enkerl liefern Ihre Medikamente zu Ihnen nach Hause

Laura Hofer hat die beiden Gründer des Start-Ups Enkerl interviewed. Die WU-Studenten Daniel Schmid und Philip Körner berichten über die Herausforderungen und Chancen, die eine Gründung eines sozialen Start-Ups mit sich bringt.

Stellen Sie sich vor, dass Sie mit einem gebrochenen Fuss im Bett liegen und Ihre rezeptpflichtigen Medikamente nicht abholen können. Wenn Sie im 7., 8. oder 9. Bezirk von Wien wohnen, ist das überhaupt kein Problem. Die zwei Gründer Daniel Schmid und Philip Körner vom Start-Up Enkerl bringen Ihnen die Heilbehelfe mit dem Fahrrad direkt nach Hause, egal ob rezeptpflichtig oder privat (Enkerl, 2018). Das Start-Up folgt damit dem „Social Entrepreneurship“-Trend, der im Moment eine starke Entwicklung und Beliebtheit sowohl in Österreich als auch im Ausland erlebt (Schneider und Maier, 2013).

Die zwei WU-Studenten, die im Mai ihr Start-Up Enkerl gegründet haben, erzählen hier von ihrer Gründungsphase und gehen ausserdem auf ihre Meinung zum Thema Social Entrepreneurship ein. Mit ungefähr 608.000 alleinwohnenden Rentnern, hauptsächlich in städtischen Gebieten, und einer Bevölkerung, wo die Generationen immer weiter voneinander entfernt wohnen (Zitka, 2018) ist Österreich und besonders Wien ein perfekter Startort für ein Start-Up wie Enkerl. Wie haben Sie diese Marktchance eigentlich erkannt und wieso haben Sie sich dafür entschieden sie zu nutzen? Schmid: „ Ich habe während meinem Zivildienst bei den Johanniter oft gesehen, dass die Leute im Krankentransport uns gefragt haben, ob wir auf dem Weg nach Hause kurz bei der Apotheke anhalten können. Philip ist Diabetiker und hatte deswegen schon viel Erfahrung mit rezeptpflichtigen Medikamenten und dem Gesundheitswesen. Wir kennen uns aus dem Gymnasium und deswegen hatten wir schon vorher ein starkes Vertrauensverhältnis. Das war bei der Unternehmensgründung ein grosser Vorteil. Es kann aber natürlich auch ein Nachteil sein, wenn man etwas in der Firma diskutiert. Wir sind davon überzeugt, dass dieser Bereich Zukunft hat und finden es interessant, dass man gleichzeitig Gutes tun und Geld verdienen kann. Das wird immer interessanter werden, auch weil wir Co2 neutral sind. Bevor wir angefangen haben, haben wir mit einer uns bekannten Ärztin über unsere Idee gesprochen. Danach haben wir noch eine weitere Reihe von Ärzten und Patienten gefragt, was sie von unserer Idee halten. Sie waren alle von der Idee begeistert und meinten, dass es einen Bedarf gibt“. Welche Herausforderungen gab es im Entwicklungsprozess? Körner: „Die Herausforderungen lagen vor allem im rechtlichen Bereich, da unser Unternehmen mit rezeptpflichtigen Medikamenten umgeht. Ausserdem war die Gründung bei der WKO und die Beratung sehr kompliziert.“ Schmid: „Auch das Marketing war herausfordernd, da unsere Zielgruppe schwieriger zu erreichen ist als z.B. ein Unternehmen mit einer jungen Zielgruppe, die viel im Internet unterwegs ist.“ Welche Eigenschaften braucht man um ein erfolgreicher Entrepreneur zu sein? Schmid: „Wir haben es durch Selbsterfahrung gelernt. Am Anfang haben wir bei der Entrepreneurship Avenue mitgemacht und Unterstützung und Mentoring erhalten. Ausserdem haben wir an verschiedenen Konferenzen teilgenommen, mit Gründern aus dem Bekanntenkreis geredet und viel Selbststudium über die Firmengründung und die Rechtsformen betrieben. Es erfordert, dass man selber Sachen organisieren kann. Organisieren ist eigentlich ein richtig gutes Stichwort, da das sehr wichtig ist.“ Körner: „Es ist auch nicht alles rosig. Es gibt auch Tage wo alles schlecht läuft und dann muss man einfach denken, egal wir müssen jetzt weiter machen.“ Schmid: „Viele haben gute Ideen, das wichtigste ist aber diese Ideen dann auch in der Realität umzusetzen. Dann wird man oft überrascht, wie schnell man weiter kommt.“ „Social Entrepreneurship“ ist ein steigender Trend und besonders die Definition davon wird häufig diskutiert. Social Entrepreneurship bewegt sich nämlich auf der unklaren Grenze zwischen gewinnorientierten Unternehmen und sozialen Organisationen und dies bringt Uneinigkeit über u.a. Unternehmensziele und Gewinnverteilung (Schneider and Maier, 2013). Die umfassende Definition von Teresa Chahine: “Ein sozialer Entrepreneur ist jemand der ein Produkt oder eine Dienstleistung entwirft und einführt, welches das Wohlbefinden von marginalisierten Personen oder Gruppen verbessert“ (Chahine, 2016, p.2) beschreibt den Kern dieses Phänomens. “Social Entrepreneurship“ ist ein neuer Trend in Österreich. ¾ von den Social Entrepreneurs in Österreich haben laut einer Umfrage ihre Start-Ups erst innerhalb von den letzten 4 Jahren gegründet. Davon konzentrieren sich knapp 25% auf das Angebot von Dienstleistungen und Produkten und nur 2,2% auf den Bereich Gesundheit(Schneider and Maier, 2013). Enkerl ist damit eines der einzigen Social Start-Ups in diesem Bereich. Braucht man andere oder zusätzliche Eigenschaften um einen „Social Entrepreneur“ zu sein? Schmid: „Die Arbeit wird wesentlich spannender, wenn man die Sachen nicht nur macht um Geld zu verdienen sondern auch um einen Mehrwert zu schaffen. Das bringt meiner Meinung nach auch einen längerfristigen Erfolg.“ Betrachten Sie sich als „Social Entrepreneurs“? Schmid: „Das was wir machen hat einen sozialen Aspekt, aber wir sind auch gewinnorientiert. Wir sind an Erfolg interessiert und keine NPO. Wir legen Wert auf einen sozialen Mehrwert und Erfolg, aber natürlich auch auf Gewinn.“ Gibt es gewisse Vorteile und Nachteile eines sozialen Unternehmens? Körner: „Als soziales Unternehmen hat man es wahrscheinlich leichter in den Medien besser wegzukommen. Die Leute sind vom Unternehmen leichter überzeugt. Wir werden allerdings nicht gefördert, wir schauen einfach, dass alle Stakeholder möglichst gut wegkommen.“ Was ist der nächste Schritt von Ihrem Unternehmen? Schmid: „Ab November haben wir ein neues Projekt, wo wir mit einer Apotheke kooperieren werden. Wenn man ab 20 Euro rezeptfreie Medikamente bestellt ist die Lieferung kostenlos. Rezeptpflichtige Medikamente kann man mitbestellen und sie werden dann kostenlos mitgeliefert. Wir versuchen den Preis zu senken. Der Preis war in der Testphase passend, aber in der nächsten Phase werden wir den Preis um circa die Hälfte senken. Ab 40 Euro kriegt man dann sogar eine Preisreduktion auf die Medikamente. Falls das gut läuft, werden wir das durch den Apothekenverbund ausweiten. Für uns war es wichtig am Anfang alles selber zu machen und nicht alles abzugeben. Dadurch konnten wir ausserdem den Ablauf und die Prozesse verbessern.“ Bald wird das Unternehmen seinen Service auf eine weitere Schiene ausbauen. Dann wird es möglich sein, einen Leih-Enkerl auch für andere Assistenzleistungen wie z.B. einkaufen über die gleiche Plattform zu buchen. Es bleibt also auch in Zukunft spannend, wie sich das junge Start-Up Enkerl entwickeln wird. Ausserdem ist es interessant, wie „Social Entrepreneurship“ die österreichische Startup-Szene beeinflussen wird und welche andere Social Entrepreneurs hinzukommen werden. Halten Sie Ihre Augen im Alltag offen, denn vielleicht werden Sie schon bald auf dem Radweg von einem Enkerl überholt oder vielleicht sind Sie sogar schon bald einer von den Leih-Enkerl, die mit einem sinnvollen Job Geld verdienen. Quellen: Chahine, T. (2016). Introduction to social Entrepreneurship. 1st ed. CRC Press, pp.p2 l.13-14. Enkerl (2018). enkerl.wien. [online] Enkerl.wien. Available at: www.enkerl.wien [Accessed 16 Oct. 2018]. Schneider, H. und Maier, F. (2013). Social Entrepreneurship in Österreich. Working paper. WU(Wirtschaftsuniversität Wien) Zitka, M. (2018). Die Leih-Enkerl. [online] WU (Wirtschaftsuniversität Wien). Available at: www.wu.ac.at/entrep/kooperationen/bisherige-praxisprojekte/practiceproj-detail/detail/die-leih-enkerl/ [Accessed 16 Oct. 2018].



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