Am Wipäd-Institut Wien sind drei habilitierte ProfessorInnen tätig, die sich an unterschiedlichen wissenschaftlichen Paradigmen orientieren. Der Bogen reicht von Gestaltungsforschungsprojekten in der Tradition pädagogischer Handlungsforschung (Modellversuchsforschung - Josef Aff) über theoretische Fragestellungen der Lernpsychologie mit ergänzenden empirischen Forschungsprojekten in der Tradition der experimentellen Forschung (Richard Fortmüller) bis zur umfassenden Evaluations- und Unterrichtsforschung unter Nutzung quantitativer und qualitativer Forschungsdesigns (Bettina Fuhrmann).
Daraus ergibt sich ein weites Spektrum an unterschiedlichen Forschungsfragen. Die Schwerpunkte können wie folgt zusammengefasst werden:
Das Institut orientiert sich an einer Forschungsphilosophie, die durch eine paradigmatische Breite gekennzeichnet ist. Diese Zielvorstellung ermöglicht sowohl Forschungen in der Tradition des kritisch-rationalen Paradigmas als auch Modellforschungsprojekte, die sich der pädagogischen Handlungsforschung verpflichtet fühlen. Das bedeutet, dass Forschungsfragen wie beispielsweise die Evaluation des Rechnungswesenunterrichts bzw. die Erhebung der Vorkenntnisse in Mathematik von WU-Anfängern eher in der kritisch-rationalen Forschungstradition bearbeitet werden, während andererseits die Implementierung einer Entrepreneurship-Erziehung an Handelsakademien als pädagogische Fallstudie in der Tradition der Modellversuchsforschung untersucht werden.
Der Institutsvorstand, sowie die MitarbeiterInnen des Nürnberger Lehrstuhls Hahn, Materne, Magyar sind seit dem Jahr 2000 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst (Sektion Berufsbildung) beauftragt, eine wissenschaftliche Begleitung zur Evaluierung folgender Fragestellung durchzuführen: "Wie kann an einer wirtschaftsberuflichen Vollzeitschule eine Entrepreneurship-Erziehung realisiert werden unter besonderer Beachtung des Aspekts einer gezielten Begabungsförderung?" Die erste Phase der Begleitforschung wurde am 1. 3. 2003 abgeschlossen, jedoch nach Absprache mit dem Ministerium die Begleitforschung des Modellversuchs bis 31. 12. 2005 verlängert. (vgl. Detailergebnisse)
Zur Lehrerevaluation werden häufig die Lernenden gebeten, ihre Lehrkräfte und deren Unterrichtsgestaltung zu beurteilen, ihre Zufriedenheit mit den Lehrkräften anzugeben und eine Gesamtbeurteilung vorzunehmen. Die Aussagekraft der Urteile der Lernenden zur Lehrerevaluation ist jedoch seit langem umstritten und steht im Mittelpunkt der – bisher vorwiegend angloamerikanischen – Forschung zur Unterrichtsevaluation.
Inwieweit können die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse, die sich hauptsächlich auf die postsekundäre Ausbildung beziehen, auch auf das Schulwesen in Österreich übertragen werden, in dem Bemühungen um die Weiterentwicklung und Verbesserung der Qualität immer mehr Fuß fassen und Evaluation ein wesentlicher Bestandteil eines Qualitäts-managements für Schulen ist? Auch die Forschungsarbeiten in Deutschland und Österreich beziehen sich vorwiegend auf das Hochschulwesen, in dem die Evaluierung der Lehrenden bislang eine bedeutendere Rolle spielt als im Schulwesen.
Eine für die Interpretation von Evaluationsergebnissen grundlegende Frage besteht m. E. darin zu klären, wodurch die Lernenden überhaupt zu ihrem Bild einer guten Lehrkraft kommen. Welche Faktoren spielen für das Gesamturteil „gute Lehrerin“ bzw. „guter Lehrer“ in welchem Ausmaß eine Rolle? Lässt sich das Gesamturteil der Lernenden im Wesentlichen durch das (von ihnen wahrgenommene) Lehrverhalten erklären? Inwieweit haben Faktoren einen Effekt auf die Lehrerevaluation, die mit der Qualität des Unterrichts in keinem sachlich, d.h. durch theoretische Überlegungen begründbaren Zusammenhang stehen? Diese Fragen wurden durch eine empirische Untersuchung für den Rechnungswesenunterricht an Handelsakademien geklärt.
Die Daten für die empirische Untersuchung der Forschungsfragen stammen aus der schriftlichen Befragung von rund 2.100 Schülerinnen und Schülern an Handelsakademien aus ganz Österreich mittels eines eigens für diese Zielsetzung entwickelten Fragebogens. Ergänzend wurde eine schriftliche Befragung ihrer insgesamt rund 100 Lehrkräfte für den Unterrichtsgegenstand Rechnungswesen durchgeführt, um zusätzliche Daten über die Lehrkräfte erheben und ausgewählte Schüleraussagen – etwa ihre Beschreibungen des Rechnungswesenunterrichts – mit entsprechenden Lehreraussagen vergleichen zu können (vgl. Detailergebnisse).
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt des Instituts besteht in kognitionstheoretischen Analysen und lerntheoretisch fundierten empirischen Untersuchungen zu wirtschaftspädagogisch relevanten Fragestellungen. Der Fokus liegt hierbei vor allem auf der Erforschung der Bedingungen der Möglichkeiten des Erwerbs von Fachwissen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie der Wissensanwendung in komplexen Problemsituationen. Beispiele sind etwa theoretische Grundlagenarbeiten zum Lerntransfer, zu den wissensbezogenen Voraussetzungen für die Bewältigung komplexerer beruflicher Aufgaben und zum Lernen mit 'Neuen Medien' sowie eine experimentelle Untersuchung zur Vorwissensabhängigkeit des Wissenserwerbs durch Informationssuche im Internet. (vgl. Publikationsliste Fortmüller)
Im Rahmen des Umstiegs der Wirtschaftsuniversität Wien auf die BA/MA-Studienstruktur wurde ein innovatives Wipäd-Ausbildungskonzept curricular verankert. Im Master-Studiengang "Wirtschaftspädagogik" werden zentrale Forderungen einer modernen, universitären, polyvalenten, professionellen Lehrerausbildung wie - Verzahnung der Ausbildungsphase mit schulpraktischen Phasen sowie der Lehrerfortbildung - transparente eindeutige Zuständigkeiten der Lehrerausbildung - Einführung von Standards zur Operationalisierung von Handlungskompetenz bei der Gestaltung von ökonomischen Lehr-/Lernprozessen etc. realisiert.
Dieses innovative Lehrerausbildungskonzept eröffnet mehrere interessante Handlungsfelder für Forschungsprojekte. Derzeit wird im Rahmen einer Dissertation eine Programmevaluation des neu etablierten Studiengangs Wirtschaftspädagogik an der WU Wien durchgeführt. Programmevaluationen sind generell noch ein wenig bearbeitetes Forschungsfeld und da eine einphasige universitäre wirtschaftspädagogische Ausbildung international eine Novität darstellt, handelt es sich auch um ein sehr interessantes Forschungsfeld – nicht zuletzt deshalb, weil in Österreich ein Umstieg auf das Masterprogramm auch von anderen Standorten geplant wird (vgl. Dissertationen/Schwarzl).
Von besonderem Interesse ist das Projekt KLEE (Entwicklung und Evaluation eines Konzepts zur Verknüpfung von Unterrichts-/Schulentwicklung und Peer-Evaluation) von den Mitarbeiterinnen Müllauer und Schopf, das vom Stadtschulrat Wien (LSI Grafinger) strategisch, operativ und finanziell unterstützt wird. Im Rahmen dieses Projektes wird unter anderem auf Basis eines robusten Kompetenzmodells ein Kerncurriculum für BW im II. Jahrgang entwickelt, ebenso Aufgabensammlungen, die Online gestellt werden. Im Rahmen dieses umfassenden Forschungsprojektes wird unter anderem untersucht, in wie weit Lernstandserhebungen in der Lage sind, Unterricht und Schulentwicklung mit einer externen Monitoringfunktion zu verknüpfen (vgl. Dissertationen/Müllauer-Schopf).
In den nächsten Jahren ist geplant, die hohe fachdidaktische Kompetenz des Lehrstuhls auch verstärkt durch fachdidaktische Forschungsaktivitäten zu ergänzen. Aus diesem Grund wurde unter anderem beantragt, im neuen WU-Gebäude einen eigenen fachdidaktischen Forschungs- und Übungsraum zu etablieren, der über die technische Infrastruktur verfügt, um gezielt fachdidaktische Fragestellungen unter anderem mit Hilfe von Videographie zu untersuchen.
Basierend auf der Grundphilosophie des Instituts, einer modernen und professionellen Hochschuldidaktik einen großen Stellenwert zuzuordnen, wurden unter anderem unter der "Ägide Schneider" kreative propädeutische Unterlagen für den Buchhaltungsunterricht entwickelt und elektronisch adaptiert (e-learning). Da an der WU die Selektionsphase in den ersten beiden Semestern weitestgehend per e-learning erfolgt, wird auch die Einführung in die Buchhaltung vom Institut nicht nur als Präsenzphase angeboten, sondern ebenso didaktisch anspruchsvolle e-learning-Angebote den Studierenden zur Verfügung gestellt. Neben einer professionellen Gestaltung der Informationsphase wird in diesen e-learning-Modulen dem Übungs- und Feedback-Aspekt (keine bloßen Multiple-Choice-Konzeptionen) großer Stellenwert zugeordnet. Eine systematische Evaluation der Reichweiten und Grenzen von professionellen e-learning-Materialien im Vergleich zu Präsenzphasen wird in den nächsten Monaten als Forschungsprojekt angestrebt. Da sämtliche WU-Anfänger, die über keine Buchhaltungskenntnisse verfügen, diese Materialien nutzen, ergibt sich für eine empirische Untersuchung eine solide Datenbasis (vgl. Dissertationen Dobrovits/Gatterer sowie Konczer).
Nicht zuletzt aufgrund einer Europäisierung der Berufsbildung ergeben sich für die österreichische Architektur der beruflichen Erstausbildung viele Herausforderungen sowie Chancen und Risken. Seit 2007 steht die österreichische Tradition, im Rahmen der beruflichen Erstausbildung den Vollzeitschulen einen hohen Stellenwert zuzuordnen verstärkt zur Diskussion die wesentlich durch Bildungssoziologen und Bildungsforschern initiiert wird. Die zukünftige Gestaltung der beruflichen Erstausbildung in der Sekundarstufe II entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem Themenschwerpunkt des Wiener Wipäd-Instituts. Die bildungspolitischen Beiträge des Lehrstuhls führten unter anderem dazu, dass derzeit das Wiener Wipäd-Institut in die Vorarbeiten der Etablierung eines EQR eingebunden ist (vgl. abgeschlossenes Drittmittelprojekte).
Die im Auftrag des BMUKK durchgeführte Studie über aktuelle Problemfelder und Zukunftspotentiale der Handelschule thematisiert unter anderem den Beitrag der Berufsbildenden Schulen zur Milderung der Schwellenproblematik. Die Übergangsforschung stellt in den letzten Jahren einen weiteren Schwerpunkt in den Forschungsaktivitäten des Instituts dar. Beispielsweise thematisiert die Dissertation von Johanna Rechberger die Übergangsproblematik der ersten Schwelle, während sich die Arbeiten von Ingrid Dobrovits und Kerstin Konczer mit der zweiten Schwelle beschäftigen. Franz-Karl Skala beschäftigt sich mit einer Fragestellung im Rahmen der Übergangsforschung (Übergang von der Sekundarstufe II in den Arbeitsmarkt), indem er bei besonderer Fokussierung der Abnehmerperspektive (Wirtschaft) die bildungspolitisch interessante Forschungsfrage bearbeitet, wie in Zukunft die Arbeitsmarktperspektiven von Absolventen Beurfsbildender höherer Schulen zu beurteilen ist, wenn diese verstärkt mit Bachelor-Absolvent/innen in Konkurrenz treten.
Im Rahmen eines EU-Projektes wird sich das Institut für Wirtschaftspädagogik (Aff, Rechberger, Paschinger) in den nächsten zwei Jahren (Projektbeginn Oktober 2009) gemeinsam mit drei Projektpartnern (Deutschland, England und Dänemark) unter der Leitung der Uni Konstanz mit dem Themenfeld Hybrid-Qualifikationen und deren ansteigende Bedeutung für die Berufsbildung und Hochschulbildung beschäftigen. Das Projekt setzt sich zum Ziel, die institutionellen und funktionellen Beziehungen zwischen der Hochschulbildung, der Berufsbildung und dem Arbeitsmarkt zu untersuchen und Empfehlungen für konstruktive Weiterentwicklungen von Übergängen sowie Zugangschancen von der beruflichen zur tertiären Bildung zu formulieren. Ausgangspunkt bildet eine sehr unterschiedliche Umgangsweise der einzelnen Länder mit Hybridqualifikationen, die länderspezifisch unterschiedlich einen sehr hohen Stellenwert besitzen, jedoch den Zielen auf europäischer Bildungsebene oft nicht gerecht werden. Gerade berufliche Vollzeitschulen, die aufgrund ihres Curriculums auf die Verknüpfung von Allgemeinbildung und Berufsbildung großen Wert legen, vermögen zur Fragestellung der Hybridqualifikation einen interessanten Beitrag zu leisten. Im ersten Schritt soll eine theoriegestützte Modellierung der Übergangsstrukturen und Übergangsbedingungen zwischen dem Berufsbildungssystem und dem Hochschulsystem in den einzelnen Ländern erfolgen und danach im Rahmen qualitativer Interviews Experten zum Themenfeld „Gelingende Übergänge“ durch Hybridqualifikationen befragt werden. Am Ende des Projektes werden Empfehlungen an bildungspolitisch verantwortliche Akteure formuliert, die sich unter anderem z. B. auf best-practice Ansätze beziehen. Eine Publikation der Ergebnisse bildet den Abschluß. Während des Projektes können die Fortschritte jeweils auf einer eigens dafür erstellten Homepage nachvollzogen werden.
Der Institutsleiter sowie das Institut für Wirtschaftspädagogik sind seit vielen Jahren in Bildungskooperationsprojekte in den Transformationsstaaten bzw. in Russland eingebunden. Beispielsweise war das Institut für Wirtschaftspädagogik in Wien Projektpartner eines EU-Tempus-Projektes, wo es primär darum ging, eine Ausbildung von Wirtschaftslehrern an bulgarischen Universitäten zu implementieren und im Rahmen einer umfassenden Lehrerfortbildung die Schulen in den kaufmännischen Fächern inhaltlich und methodisch für eine moderne Wirtschaftsdidaktik zu qualifizieren. Im September 2005 wurde ein EU-TACIS-Projekt abgeschlossen, wo wiederum das Institut für Wirtschaftspädagogik Projektpartner war, und das von der Universität Paderborn (Prof. Franz-Josef Kaiser) koordiniert wurde. Im Rahmen dieses mehrere Regionen Russlands umfassenden Projekts ging es ebenfalls primär darum, russische LehrerInnen mit den marktwirtschaftlichen Inhalten und mit den moderneren Methoden der Wirtschaftsdidaktik vertraut zu machen. Es ist erklärte Forschungsphilosophie des Instituts, im Rahmen der internationalen Forschungsaktivitäten den regionalen Schwerpunkt auf Russland und Staaten in deren besonderem Einflußbereich zu legen.
Das Tempus-Projekt "Vernetzte Entwicklung von Management-Trainingskursen für den Transport- und Logistiksektor in der Ukraine", das von der Universität Paderborn eingereicht wurde, und in dem unser Institut (Richard Fortmüller) Projektpartner ist, wurde im Herbst 2006 gestartet und 2009 erfolgreich abgeschlossen. Das Institut für Wirtschaftspädagogik der WU Wien übernahm in diesem internationalen Bildungskooperationsprojekt die fachdidaktische Expertise.
Das EU TEMPUS-Projekt zum Thema „Einführung einer Entrepreneurship Erziehung in der Russischen Föderation“ durch (vgl. abgeschlossenes Drittmittelprojekt) wurde im Februar 2010 abgeschlossen. Frau Anna Kurmeleva beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Fragestellung, wie im Rahmen internationaler Bildungsprojekte ein Wissenstransfer organisiert werden kann und welche organisationalen und individuellen Lernprozesse einen erfolgreichen Wissenstransfer gewährleisten.
Im Juli 2010 wurde das Institut darüber informiert, dass das EU Tempus-Projekt "Entwicklung und Implementierung nachhaltig wirksamer Strukturen zur Entrepreneurship Erziehung in der Russischen Föderation und Tadschikistan" für den Zeitraum 2010 bis 2013 genehmigt wurde. Bedenkt man, dass nur rund 15 % der eingereichten Projekte tatsächlich genehmigt werden, handelt es sich um einen durchaus erfreulichen Ausdruck der Wertschätzung der EU für die bisherige Arbeit des Instituts in internationalen Bildungskooperationsprojekten. In diesem neu genehmigten Projekt werden Drittmittel in Höhe von rund 860.000 Euro generiert.
Aufgrund der einphasigen Wipäd-Ausbildungskonzeption an der WU Wien und der traditionell sehr akzentuierten Betonung der ökonomischen Fachdidaktik im Rahmen des curricularen Lehrangebotes kommt es am Institut pro Semester zu einer sehr großen Anzahl an fachdidaktischen Beiträgen in den Bereichen Buchhaltung, Kostenrechnung, BWL, Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik. Diese sind teilweise unter der Rubrik "Service für die Schule" verfügbar. Seit 2008 sind Mitarbeiter/innen des Lehrstuhls (Gottfried Kögler, Barbara Müllauer) für die wissenplus News im Bereich BW und VW verantwortlich. Dadurch ergeben sich regelmäßige fachdidaktische Beiträge zu aktuellen Themenstellungen, die vom Wipäd-Institut erarbeitet werden.
Darüber hinaus erarbeiten regelmäßig MitarbeiterInnen des Instituts innovative Lehrbücher und fachdidaktische Materialien sowie Beiträge für virtuell verfügbare Plattformangebote von Schulbuchverlagen. (vgl. Fachdidaktische Entwicklungsarbeiten).