Die Wirtschaftsuniversität Wien wurde vor über 100 Jahren, am 1. Oktober 1898,
im ehemaligen Palais Festetics gegründet. Heute würde man diese
Ausbildungsstätte wohl "Fachhochschule für Exportwirtschaft" nennen.
Aber auch damals hatte man einen klingenden Namen für die neue höhere
Lehranstalt parat, nämlich "k.k. Exportakademie".
Diese sollte eine umfassende Ausbildung für die kaufmännische Tätigkeit
im Außenhandel vermitteln. Unterrichtet wurden in einem einjährigen
Vorbereitungskurs und in zwei Jahrgängen folgende, durchaus modern
anmutende Fächer: Fremdsprachen, Volkswirtschaftslehre, einige
kaufmännische Fächer, Wirtschaftsgeografie, Öffentliches Recht,
Privatrecht, Warenkunde.
Nachdem sich das Gebäude in
der Berggasse aber bald als zu klein erwies, wurde bereits vor Ausbruch
des Ersten Weltkrieges der Bau eines neuen Gebäudes am Rande des
Währinger Parks beschlossen. Bereits 1916 konnte die neue Bleibe
bezogen werden. Schon in der Monarchie gab es Bestrebungen, der
Exportakademie gesetzlich den Rang einer Hochschule zuzuerkennen.
Unmittelbar
nach dem Kriegsende und der Republiksgründung war es dann soweit: 1919
erfolgte die Umwandlung in die staatliche "Hochschule für Welthandel"
mit nunmehr sechssemestriger Studiendauer. Die ersten beiden Semester
waren vor allem der handelswissenschaftlichen Vorbereitung gewidmet,
die vier folgenden dienten der gründlichen Ausbildung für den
internationalen Handel und das Bankgeschäft - mit Lehrfächern der
Wirtschafts-, Rechts- und Handelswissenschaften. Den Absolvent/inn/en
wurde der akademische Grad eines Diplomkaufmannes verliehen. Das
Promotionsrecht (Doktor der Handelswissenschaften) erhielt die
Hochschule nach langen Bemühungen im Jahr 1930; was sich sogleich in
einem Anstieg der Zahl der Inskribierenden auswirkte.
Auch
die Hochschule für Welthandel blieb vom nationalsozialistischen Regime
nicht verschont. Unmittelbar nach dem Anschluss an das Deutsche Reich
wurden reichsdeutsche Gesetze und Bestimmungen eingeführt. Vor allem
die "nicht - arischen Hörer/innen" waren davon betroffen. Sie mussten
die Hochschule sofort verlassen. Auch alle Lehrkräfte, die eine andere
politische Meinung vertraten oder als "Nichtarier" galten, durften
nicht mehr an der Hochschule lehren. Anstelle der ausgeschiedenen
Lehrkräfte kamen Professoren von deutschen Universitäten, aber auch
regimetreue Wissenschaftler aus Österreich wurden in den Lehrkörper
berufen.
Ab dem Wintersemester 1939 gab es eine eigene deutsche
Studienordnung. Nach dem neuen Lehrplan dauerte das Studium nun sechs
Semester, in diesem Zeitraum musste man jedoch nur eine einzige
Diplomprüfung absolvieren. Diese setzte sich aus Allgemeiner und
Besonderer Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Recht sowie
einem Wahlfach zusammen. Die während des Krieges erworbenen
akademischen Titel wurden auch nach der NS-Zeit anerkannt.
Nach
Ende des "Deutschen Reiches" war der Lehrkörper der Hochschule für
Welthandel stark reduziert. Nicht weniger als 60 Professor/inn/en,
Assistent/inn/en, Lehrbeauftragte und Beamte/Beamtinnen mussten im Zuge
der "Entnazifizierung" ausscheiden, und die zuvor aus Deutschland
berufenen Professor/inn/en gingen wieder zurück.
Mit
Wintersemester 1946/47 kehrte man zur alten österreichischen
Studienordnung mit ihren zahlreichen Prüfungsfächern zurück. Vor allem
mussten wieder zwei Fremdsprachen verpflichtend belegt werden, was
während des Krieges auf freiwilliger Basis beruhte. Von den
Studierenden wurde aber der "reichsdeutsche" Studienplan bevorzugt, da
dieser leichter war.
Ab 1948 gewann die Hochschule wieder zusätzliche Lehrkanzeln und Forschungsinstitute hinzu. Es dauerte bis 1966, ehe die Hochschule für Welthandel inländische Konkurrenz als einzige akademische Ausbildungsstätte für Betriebswirte bekam. Im selben Jahr, da die "Große Koalition alter Prägung" zu Ende ging, wurden per Studienreform an mehreren österreichischen Universitäten sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge eingerichtet. Von da an betreute die Hochschule für Welthandel vier Studienrichtungen: die handelwissenschaftliche, die in Achtung der Tradition weiterhin nur an der "Welthandel" etabliert war, und darüber hinaus die betriebswirtschaftliche, die volkswirtschaftliche und die wirtschaftspädagogische Studienrichtung. Das nunmehr achtsemestrige Diplomstudium schloss mit dem Magister, das Doktoratsstudium mit dem Doktor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Der dritte Namenswechsel der Hochschule erfolgt im Zuge der Universitätsneuorganisation 1975. Die "Hochschule für Welthandel" wurde in "Wirtschaftsuniversität Wien" umbenannt.
Seit
mehr als zwei Jahrzehnten beherrscht das rasante Ansteigen der
Studierendenzahlen das Schicksal der österreichischen Universitäten im
allgemeinen und der nunmehrigen Wirtschaftsuniversität Wien im
Besonderen. Das dadurch auftretende Raumproblem ließ den Plan der
Errichtung eines Zusatzbaus reifen. Vorgesehene Erweiterungsbauten zum
alten Welthandelsgebäude hatten sich rasch als ungenügend erwiesen.
Schließlich
übersiedelte die nunmehrige WU in ein neues Gebäude, das über dem
Frachtenbahnhof des Wiener Franz-Josefs-Bahnhofs errichtet wurde, in
das Universitätszentrum Althanstraße. Den Neubau besorgte das
"Kuratorium zur Förderung der Wirtschaftsuniversität Wien", jener
Verein, der schon das alte Gebäude am Währinger Park errichtet hatte.
Der neue Universitätskomplex wird nach Beendigung des
Leasingverhältnisses zwischen Kuratorium und Bund in dessen Eigentum
übergehen.
Nachdem
der Bau für rund 9.000 Studierende konzipiert wurde, es aber beim
Einzug schon 9.863 waren, mussten bereits nach der Fertigstellung
neuerlich Wohnungen für akademische Einheiten angemietet werden. In den
Neunzigerjahren pendelte sich die Zahl der Student/inn/en bei mehr als
20.000 ein. Zählt man das Lehr- und Verwaltungspersonal sowie die
außerordentlichen Hörer/innen dazu, so sind heute bis zu 25.000
Personen im Gebäude der Wirtschaftsuniversität Wien zu zählen.
1997 brachte die Umsetzung des neuen Universitätsorganisationsgesetzes (UOG ´93) für die WU eine große interne Neuordnung. Die Universitäten erhielten damit mehr Autonomie und eigene Satzungen, die Entscheidungen wurden dezentralisiert. An der WU wurde auf ein neues Studienrecht umgestellt und ein eigenes Forschungszentrum gegründet. Der Rektor wird nach UOG ´93 nun auf vier Jahre gewählt und besitzt zudem mehr Entscheidungsspielraum. Der Rektor, dem an der WU vier Vizerektor/inn/en zu Seite stehen, ist dem paritätisch zusammengesetzten, durch die Universitätsversammlung gewählten Universitätskollegium verantwortlich. Dieses wiederum fungiert als das oberste Gremialorgan der Universität. Alle Personalentscheidungen, darunter auch die Berufung von Professor/inn/en, fallen nunmehr in die Kompetenz der Universität selbst. Seit dem Studienjahr 1996/97 kann die Wirtschaftsuniversität auf Grundlage der von ihr beschlossenen neuen Statuten alle Regelungen anwenden, wie sie im UOG ´93 vorgesehen sind. Damit trat die WU kurz vor ihrem 100. Geburtstag in eine neue Phase ihrer Geschichte ein.
Mitte 2005 wurde einstimmig beschlossen, auf das international kompatible dreigliedrige Studiensystem umzusteigen und damit auch für ausländische Studierende attraktiver zu werden. Ab dem Wintersemester 2006/07 bietet die WU daher anstelle der bisherigen Diplomstudien die zwei Masterstudienprogramme Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (mit den Studienzweigen Betriebswirtschaft, Internationale Betriebswirtschaft, Wirtschaftsinformatik und Volkswirtschaft) sowie Wirtschaftsrecht an. Darüber hinaus werden im Laufe der nächsten Jahre spezialisierte Masterprogramme angeboten. Als Ergänzung zu den bisherigen Doktoratsstudien werden forschungsintensive PhD-Programme ins Angebot der WU aufgenommen.
Die
wohl massivsten Veränderungen in der österreichischen
Universitätslandschaft kamen ab dem Wintersemester 2003/04 auf die WU
zu. Mit der so genannten "Autonomie", die im Universitätsgesetz 2002
geregelt wird, erhielt die WU eine völlig neue Rechtsordnung mit stark
erweiterten Handlungsspielräumen.
Das breite Angebot an
wirtschaftswissenschaftlichen Fächern sowie die internationale
Ausrichtung von Forschung und Lehre sollen auch in Zukunft die Position
der WU als eine der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulen
Europas stärken.
Die europäische Hochschullandschaft ist in Bewegung. Im Rahmen des
Bologna-Prozesses werden die unterschiedlichen Studiensysteme
vereinheitlicht. Ab 2010 soll es in der Europäischen Union eine
gemeinsame dreigliedrige Studienarchitektur mit den Stufen Bachelor –
Master – PhD geben.
Die WU stellte ab Oktober 2006 das gesamte
Studienangebot auf das Bologna-System um und führte zwei
Bachelorstudien - Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und
Wirtschaftsrecht - ein. Die Diplomstudien
(Magisterstudien) laufen damit aus. Die Einführung der Masterstudien
beginnt im Herbst 2007.
Im Februar 2007 wurde die WU mit dem renommierten Qualitätsgütesiegel
EQUIS (European Quality Improvement System) durch die anerkannte
Agentur EFMD
(European Foundation for Management Development) ausgezeichnet.
Die EQUIS-Akkreditierung ist die bisher höchste
internationale Auszeichnung für die WU, die als erste österreichische
Universität in den Kreis der EQUIS-akkreditierten Hochschulen
vordringt. Ein Kreis, zu dem im deutschsprachigen Raum nur drei
Universitäten
zählen (Universität Mannheim, WHU Otto Beisheim School of Management,
Universität St. Gallen).